Warum die Bloggerszene in Deutschland hinterherhinkt

Posted by Martin Booker © 2007

Zunächst zu dem Artikel auf ZEIT Online, der meine Aufmerksamkeit für dieses Thema erregt hat (und den ich bereits weiter unten erwähnt habe). Darin heisst es:

“Nach gut begründeten Schätzungen der Website Blog Herald existieren weltweit etwa 200 Millionen Blogs; allein in China mehr als 30 Millionen, 20 in Südkorea, 10 in Japan und in Indien 1,2 Millionen. Neben Großbritanniens 4 und Spaniens 1,6 Millionen sowie den 600.000 Blogs in den Niederlanden nimmt sich die deutsche Zahl von 300.000 bisher eher bescheiden aus.”

Die hier zitierten Zahlen stammen allerdings aus dem Jahr 2006, die über Deutschland gar aus dem Juli 2005. Bei Blog Herald habe ich keine neueren gefunden, aber vielleicht weiss ja ein verehrter Leser eine neuere Quelle und weist mich freundlicherweise mit einem Kommentar darauf hin.

Wie dem auch sei, ganz offensichtlich hat die Bloggerwelle in Deutschland zumindest mit einiger Verzögerung stattgefunden. Und dies verlangt nach einer Erklärung. Der ökonomische Entwicklungsstand scheint keine allzu große Rolle zu spielen, sofern der Stand erreicht ist, in dem das Internet weit verbreitet ist. Ohnehin gehört Deutschland zu den reichsten Ländern der Welt.

Auch die klassische Zweiteilung von angelsächsicher Welt und dem Rest, insbesondere Kontinentaleuropas, trägt nicht. Während in den USA, Großbritannien etc. neue Trends traditionell sehr schnell aufgenommen und umgesetzt werden hinken die anderen stets hinterher, so die These. Doch die Blogger-Szene hat sich auch etwa in Spanien und Frankreich sehr schnell entwickelt.

Im Vergleich zu den anderen technologisch hoch entwickelten Ländern müssen wir also annehmen, dass es sich um ein spezifisch deutsches (und österreichisches) Phänomen handelt. Dies schließt übrigens auch die gern zitierte Staatsgläubigkeit als Ursache aus, denn die ist z.B. in Frankreich wesentlich stärker ausgeprägt als in Deutschland.

Was der deutschen Kultur hingegen sehr eigen ist, ist der Glaube an die Gesetze. Der Glaube daran, dass durch die quasi-objektive Instanz “Gesetz” alles menschliche Leben, alle zwischenmenschlichen Konflikte, zuverlässig geregelt werden können. Ungern vertraut man hier zu sehr auf präjuristische Abstimmungsmechanismen. Wenn einer Oppositionspartei ein Gesetzesentwurf nicht passt, zieht sie vor das Verfassungsgericht. Wenn der Strauch des Nachbarn in den eigenen Garten hinüberragt, zeigt man ihn an – oft ohne ihn vorher darauf anzusprechen.

Klar, das sind Extremfälle und zum Glück gibt es genug Mitbürger, die ganz und gar nicht so sind. Dennoch ist ein solcher Legalismus tief im deutschen Denken verankert. Nicht umsonst produziert dieses Land die meisten Gesetze und die meisten Juristen der Welt. Auch im Parlament sind Juristen im europäischen Vergleich hoffnungslos überrepräsentiert.

Ich denke mit diesem Legalismus ist auch ein Misstrauen gegenüber Blogs verbunden. Gesetze verkörpern Werte, die sich tief in die deutsche Kultur hineingegraben haben. Sie vesprechen vermeintliche Sicherheit. Durch Gesetze wird die Ordnung hergestellt, die sprichwörtlich eben “sein muss”. Gesetze sind objektive Vorschriften, die keiner subjektiven Deutung unterworfen sind, sondern durch den vermeintlich unbestechlichen, über allen Partikularinteressen stehenden Gesetzgeber erlassen werden und durch ebenso objektive Gerichte durchgesetzt werden.

Dass der Gesetzgeber vielleicht doch nicht so unbestechlich ist, vielleicht doch nicht so über den Dingen steht und Gehorsam daher nicht immer angebracht ist, ist eine anderes Thema, das man in der deutschen Geschichte erst sehr schmerzhaft lernen musste.

Bis heute geblieben ist allerdings ein Mißtrauen gegenüber zu viel Subjektivität und im Spiegelbild ein wohl übertriebenes Vertrauen in die großen Institutionen des Staates, aber auch in der Wirtschafts- und Medienlandschaft.

Enter the Blog.

Ein Blog ist ein radikal subjektives Unterfangen. Jeder Bürger, egal wie qualifiziert oder nicht, kann hier seine Ansichten zum Besten geben. Ordnung ist nicht mehr möglich, die Blogosphäre ein heilloses Durcheinander. Es gibt keine objektive Distanz mehr, die Orientierung, Halt und letztendlich Sicherheit bietet. Während die etablierten Medien nur mit vermeintlich top ausgebildeten Profi-Journalisten arbeitet, man sich auf deren Qualität und Überparteilichkeit scheinbar verlassen kann, symbolisieren Blogs das blanke Gegenteil dieser etablierten Ordnung. Hunderttausende Dillettanten schreiben sich hier ihre höchst subjektiven Meinungen von der Seele. Eine Unordung, die man nur schwer akzeptieren kann.

Dennoch ist es inzwischen um die deutsche Blogger-Szene gut bestellt. Gerade die etablierten Medien haben nun diese Möglichkeit für sich entdeckt und lassen ihre Top-Journalisten munter vor sich hin bloggen. Versuchte man früher, die eigene Berichterstattung als möglichst objektiv zu verkaufen, wird heute ganz absichtlich eine viel subjektivere Note angeschlagen.

Für das deutsche Medienwesen bedeutet dies eine deutliche Werteverschiebung. Dass diese Verschiebung hin zu mehr Subjektivität vor allem anfangs mit hohen Widerständen verbunden war (und auch heute noch ist – siehe die einschlägigen Artikel in vielen Zeitungen), verwundert nicht. Denn die radikale Subjektivität des Bloggens ist nun mal ein starker Widerspruch zu dem traditionellen deutschen Streben nach Wahrheit und Objektivität. Vielleicht sollte heute die Frage eher lauten, warum sich Blogs in Deutschland eben doch durchsetzen. Dies scheint mir fast die interessantere Frage…

Viel weniger Widerstand gibt es hingegen in anderen Kulturen. In der angelsächsischen Gedankenwelt etwa ist der geschilderte Objektivismus eher ein Grund für Mißtrauen, denn wer kann schon für sich behaupten, im Besitz der Wahrheit zu sein? Blogs, warum also nicht?

in Frankreich und anderen romanischen Ländern hingegen gibt es eine starke Protestkultur. Hier ist ein Blog schlicht und einfach die Möglichkeit, etwas entgegenzusetzen, sei es der Politik, den herrschenden Verhältnissen oder dem vorherrschenden Geschmack.

Leider bin ich (noch) kein Experte in Sachen Blogosphäre und kann daher diese Behauptungen auch nicht mit voller Sicherheit aufstellen. Um Anregungen und Verbesserungsvorschläge bin ich also sehr dankbar.

2 Antworten zu „Warum die Bloggerszene in Deutschland hinterherhinkt“


  1. 2 Cees 25. März 2008 um 01:12

    Merci beaucoup Monsieur,
    bien fait, bien écrit.

    Es lebe die Protestkultur,
    !venceremos! Avanti popoli!

    Andererseits schätze ich als
    Kenner der französischen Bloggerszene
    90% der Blogs als Quasselbuden
    von und für Labertaschen ein,
    garantiert apolitisch. Insofern
    nicht ‘besser’ als die deutschen Blogger.

    Politik hat keinen Sex-Appeal,
    sagte mir ein 20jähriger. Ich war
    erschrocken … bin aber wohl ein altes
    sozialromantisches Fossil.

    -cees-
    http://eifelginster.wordpress.com/


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