Deutschland und seine Zuwanderer: Über das Fremdsein im eigenen Land

Posted by Martin Booker © 2008

Wie ich soeben entdeckt habe, hat der Zünder ein interessantes Interview mit Bülent Arslan über die Türken in Deutschland geführt. Arslan, Mitglied im Landesvorstand der CDU in Nordrhein-Westfalen und Vorsitzender des Deutsch-Türkischen Forums, wundert sich, dass sich momentan ganz Deutschland darüber wundert, dass sich viele Türken in Deutschland eher der Türkei zugehörig fühlen als dem Land, in dem viele von ihnen geboren und aufgewachsen sind.

Arslan spricht über die Normalität des türkisch-seins in Deutschland, über das Unbehagen in der deutschen Bevölkerung und den umstrittenen Auftritt Erdogans. Besonders interessant finde ich aber die Beleuchtung eines Aspektes, den ich in der Integrationsdebatte zumindest von deutscher Seite her noch viel zu selten gehört habe, der aber mit Sicherheit von eminenter Bedeutung ist. Während nämlich gerne die Anpassung der Zuwanderer an den deutschen Lebensstil gefordert wird (und dies wahrscheinlich völlig zu Recht), werden Ausländer dennoch bevorzugt als Fremdkörper wahrgenommen. Der Ausschnitt aus dem Interview:

“Arslan: In Deutschland glauben manche auch nach Jahrzehnten noch, dass die Türkei für die Türken in Deutschland zuständig sei.

Zuender: Indem man sie abschiebt, wenn sie hier Unsinn anstellen?

Arslan: Es ist eher eine mentale Sache, ich erlebe das auch oft. Da werde ich dann gefragt: „In ihrem Heimatland dürfen doch auch keine Kirchen gebaut werden. Warum sollen dann hier Moscheen entstehen?“ Die Ausgrenzung ist in Deutschland geistig fest verankert – ihr gehört hier nicht hin, sondern in die Türkei. Das ist der Grundton.

Ich selbst bin Deutsch-Engländer und kenne dieses Phänomen sehr gut. Ich bin hier geboren und aufgewachsen, optisch nicht von den Ureinwohnern zu unterscheiden, doch sobald viele meiner deutschen Gesprächspartner von meiner Herkunft erfahren und, wahrscheinlich wichtiger, von meinem britischen Pass, heisst es fortan nicht selten: “…bei euch in England.”

Ich fand dies stets befremdlich, teilweise geradezu absurd, und vermutete schon seit langem, dass hier auch ein gewichtiger Grund für die mangelnde Integration von Immigranten in Deutschland zu finden ist. Denn wenn Ausländerkinder in ihrem deutschen Alltag konsequent mit dem Label des Fremdlings beheftet werden, wie sollen sie sich jemals zugehörig fühlen und sich in die Gesellschaft derer integrieren wollen, die sie im Alltag stets als Fremdkörper behandeln? Wenn dann auch noch die Politiker dieser Gesellschaft sie zu stärkerer Integration aufrufen, muss dies wie ein Versuch der Unterwerfung klingen: “Ihr gehört zwar nicht zu uns (Alltag), habt euch aber gefälligst unseren Werten zu fügen (politische Forderung)!”

Ich bin der Meinung: Entweder beides oder gar nichts!

Wer in Deutschland eine bessere Integration der Minderheiten will, muss sie zuallererst auch als vollwertige Mitbürger behandeln. Doch darin liegt die Krux. Denn die beschriebenen Entfremdungsprozesse sind ein Problem des Alltags. Sie werden millionenfach von Millionen von Bürgern in kleinen, oft unscheinbaren, vor allem aber unreflektierten Aussagen reproduziert. Mit anderen Worten: Es ist ein kulturelles Problem der Deutschen, dass sie Zuwanderern fast schon instinktiv ein Fremdheitsgefühl vermitteln. Um hier Fortschritte zu erzielen, um ein anderes Bewusstsein zu schaffen, müssen wohl erst Jahrzehnte vergehen. Solange die Deutschen ihre Zuwanderer aber mit dem Fremdheits-Label beheften, werden sich diese auch fremd fühlen.

Hintergrund dieses Arguments ist natürlich die von Howard S. Becker 1963 im Zusammenhang mit abweichendem Verhalten entwickelte Labeling-Theorie. Becker untersuchte dabei die Wechselwirkung zwischen der Reaktion der Menschen auf Taten, die als abweichend defniert werden (also v.a. “Kriminalität”) und der weiteren Entwicklung der “Straftäter”. Durch das Labeling der Abweichler als “Dieb”, “Junkie”, “Hure” etc. kommt es demnach zu einer zunehmenden Entfremdung der Betroffenen von der Gesellschaft und einer Solidarisierung mit anderen Außenseitern. Dieser Prozess der sozialen Definition führt also zu einer weiteren Entfernung der Abweichler von den Werten und Normen der Gesellschaft und nicht selten zu dem vielzitierten “Beginn einer kriminellen Karriere”.

Wie ich versucht habe zu zeigen, lässt sich diese Theorie auch wunderbar auf die Integrationsproblematik anwenden.

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