Posted by Martin Booker © 2008
Bei meinem neuerlichen Aufenthalt in Palermo fiel mir mal wieder auf, wie sehr doch unser Verhalten im Straßenverkehr unsere jeweilige politische Kultur widerspiegelt. Auch auf der Straße geht es um die Frage, wie man Macht und die eigenen Interessen durchsetzt, um Fragen der Rücksichtnahme auf schwächere Verkehrsteilnehmer, um das Maß, wie sehr man die Interessen der Anderen respektiert. Und vor allem darum, was in diesen Abstimmungsprozessen als legitim erachtet wird.
Mir persönlich macht es schon mal Spass, mich zur Abwechslung mal in einer italienischen Großstadt durch den Verkehr zu kämpfen. Das Gedränge, das Gehupe, das Gewühle, die ständige Suche nach einer Lücke, in die mein Auto noch hineinpasst, verspricht Action und Abwechslung. Doch das ist natürlich eine sehr touristische Sicht.
Als soziologisch informierter teilnehmender Beobachter des Geschehens fällt mir hier vor allem eines auf: Jeder Verkehrsteilnehmer ist ständig auf seinen eigenen kurzfristigen Vorteil bedacht – und das muss er auch! Autofahren in Palermo heisst: sich durchsetzen zu müssen. Wer bremst verliert im wahrsten Sinne des Wortes, denn wer etwa an einer belebten Kreuzung stehen bleibt, wird lange warten können, bis ihn ein anderer Verkehrsteilnehmer freiwillig in den Verkehrsstrom hineinlässt. Er oder sie muss sich also hineindrängen, um überhaupt vorwärts zu kommen. Umgekehrt sollte man darauf achten, keine Lücke im Straßenverkehr ungenutzt zu lassen, denn sobald dies geschieht, drängt sich ein anderer Verkehrsteilnehmer hinein und ich werde nach und nach nach hinten durchgereicht. Straßenverkehr im Mittelmeerraum ist – mit Abstufungen – das perfekte Beispiel einer Ellenbogengesellschaft. Wer am agressivsten auftritt, ist am erfolgreichsten.
Dieser Partikularismus ist nun auch in der politischen Kultur im Mittelmeerraum im Allgemeinen und in Süditalien im Besonderen sehr verbreitet. Wer in die Politik geht, tut dies, um seine eigenen Interessen und die seines Netzwerkes besser durchsetzen zu können. Ein Konzept von Gemeinwohl, wie wir es im protestantisch geprägten Norden kennen, ist in Italien nur schwach ausgeprägt. Vielmehr gilt es als relativ normal, wenn ein Politiker wie etwa Berlusconi versucht, den Staatsapparat zu seinen Gunsten zu manipulieren. Die meisten Italiener würden schließlich an seiner Stelle nicht viel anders handeln und wählen den sympatischen Kerl deshalb auch gerne zum Ministerpräsidenten.
In beiden Arenen, im Straßenverkehr wie in der politischen Kultur, finden wir also einen starken Ausdruck des Partikularismus. Wie sieht es jedoch in anderen Ländern aus, insbesondere im protestantischen Norden Europas?
Ich kann mich an einen interessanten Spiegel-Artikel erinnnern, der leider nicht mehr online steht. Die Überschrift hieß “Unsicher ist sicher”, der Artikel berichtete von Verkehrsprojekten in verschiedenen Städten und Dörfern in, soweit ich mich erinnere, den Niederlanden, Schweden, Großbritannien und Norddeutschland – nicht zufällig allesamt im protestantischen Europa. Die Idee dabei war, möglichst viele Verkehrsregeln abzuschaffen. Vorfahrtsstraßen wurden weitgehend abgeschafft, Kreuzungen durch Kreisverkehre ersetzt und die rechts-vor-links Regelung flächendeckend eingeführt. Insgesamt wurde ein Zustand geschaffen, der dem in Palermo gar nicht unähnlich ist: Auch dort gibt es kaum Regeln, äußerst wenige Ampeln, und die Verkehrsteilnehmer sind darauf angewiesen, sich untereinander abzustimmen.
Der Effekt jedoch war komplett anders: Wie der Spiegel berichtete, wich die anfängliche Skepsis der Bewohner einer großen Begeisterung. Denn nach einer gewissen Gewöhungsphase fanden die Verkehrsteilnehmer Gefallen daran. Insgesamt führte die Maßnahme zu mehr Rücksicht unter den Autofahrern, denn sie wurden gewissermaßen darauf trainiert, stärker auf die anderen Verkehrsteilnehmer zu achten. Die Rücksichtnahme und der Respekt der Anderen wiederum führte zum Aufbau von Wohlwollen zwischen den Verkehrsteilnehmern. Die vom Spiegel Befragten berichteten, dass sie nun entspannter jeden morgen in die Arbeit fuhren. Auch die Unfallrate sank in den untersuchten Fällen.
Dazu passt natürlich, dass auch in der politischen Kultur Nordeuropas die Rücksichtnahme auf die Anderen/auf Minderheiten und eine Orientierung am Gemeinwohl und nicht nur am eigenen kurfristigen Interesse eine große Rolle spielen. Gerade in den Ländern, deren Civic Culture wohl als am demokratischsten gelten darf (Gr0ßbritannien, USA, Skandinavien), so mein Eindruck, läuft auch der Verkehr am ruhigsten ab, und ist noch am ehesten von gegenseitiger Rücksichtnahme geprägt.
Deutschland befindet sich, sowohl was die politische Kultur als auch die “Zivilisiertheit” des Straßenverkehrs anbelangt, wohl zwischen den beiden Extremen, mit einer mehr oder weniger deutlichen Tendenz nach Norden. Solange es allerdings kein Tempolimit auf Autobahnen gibt und das partikulare Gedränge dort nicht eingedämmt wird, bilden die deutschen Autobahnen eine recht unrühmliche Ausnahme.


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