Posted by Martin Booker © 2008
Hannah Arendt warnte einst vor den Folgen, die ein Rückzug in das Private und eine Verweigerung gegenüber normativen Diskursen für die Politik hat: Sie wird illegitimen, bisweilen totalitären Regimen überlassen. Sizilien ist geprägt von einem Privatismus, der auch vor der allgegenwärtigen katholischen Kirche nicht Halt macht. Wie fast alle gesellschaftlichen Kräfte im südlichen Italien überlässt auch sie den öffentlichen Raum der Mafia und ihrer Willkür. Eine seltene Ausnahme ist Padre Nino Fasullo, den wir in seinem Pfarrzentrum in Palermo treffen.
Fasullo selbst passt so gar nicht in das Klischee eines katholischen Priesters. Lieber als mit seinen Amtskollegen umgibt sich der Geistliche mit erklärten Kommunisten, die den Kampf gegen die Mafia in Sizilien zu ihrer Sache gemacht haben. In seinem Empfangszimmer hängt ein Plakat, das einst die Amtskirche herausgab und das die Mitgliedschaft in der Kommunistischen Partei zur Sünde erklärte (Bild rechts).
Fasullo klärt uns über das Verhältnis der Kirche zur Mafia auf, das bis in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts ein völlig unproblematisches war. Denn die Mafia und die von ihr begangenen Morde wurden nicht als eine Sache angesehen, zu der sich der Klerus hätte äußern müssen. Zwar ist der Mord auch auf Sizilien eine Sünde, doch wurde und wird er von den meisten Priestern nicht in Zusammenhang mit der Mafia, sondern als singuläres Verbrechen wahrgenommen. Bis heute, so Fasullo, gibt es im Klerus ein kulturelles Defizit: Die meisten Priester verstehen das Phänomen Mafia nicht in seinen gesellschaftlichen Zusammenhängen und ziehen sich auf die Ebene des Geistigen zurück.
Hinzu kommen nicht selten persönliche Beziehungen von Priestern zu den Mafiosi, die sich traditionellerweise als kirchennah und streng gläubig geben. Nicht zuletzt hindert viele sizilianische Geistliche ein hohes Mißtrauen gegenüber den staatlichen Behörden daran, mit Polizei und Justiz – praktisch oder geistig – zu kooperieren.
Fasullo selbst hat seine eigene Theorie, wie die Männer Gottes dies mit ihrem Gewissen vereinbaren können. Er bezeichnet sie als „komplexe und angreifbare Hypothese“, dennoch will ich sie hier wiedergeben. Demnach kommt hier ein altes sizilianisches Kulturmuster zum Tragen. Ein Mordopfer wird nach dieser Lesart selbst nicht ganz unschuldig gewesen sein, das Gewaltverbrechen unter Umständen ein verdienter Tod.
Dieses Denken, so Fasullo, sei Teil der sizilianischen Kultur und könne auch bei Priestern vorkommen. Möglicherweise könnten diese die Tat sogar mit vermeintlich christlichem Gedankengut – zumindest in einer alttestamentarischen Version – rationalisieren: Wer sich rächt, macht es schließlich nur wie Gott, der seine Feinde ebenfalls bestrafen würde – und kann dies wirklich Sünde sein?
Erst mit dem zweiten Vatikanischen Konzil in den 60er Jahren kam Bewegung, zumindest in kleine Teile der sizilianischen Priesterschaft. In jenem wurde von den Geistlichen gefordert, das christliche Leben auch in der Stadt zu fördern. Dies kam einem Aufruf zum Einmischen gleich, dem aber eben nur eine kleine Minderheit der katholischen Kirche in Sizilien folgen wollte. Ein Teil der Kirchenbasis, nicht aber die höheren Ebenen, wollten der engen Verbandelung von Mafia und Kirche ein Ende setzen.
Padre Fasullo gibt seit 1975 die Zeitschrift „Segno“ heraus. Diese klärt in mehrseitigen Artikeln über das Phänomen Mafia auf, und versucht, innerhalb wie außerhalb der Kirche einen Dialog über die Problematik zu fördern. Heute erscheint die Zeitschrift 8x im Jahr in
einer Auflage von 1000 Stück. In den über dreissig Jahren des Erscheinens, so Fasullo, mit oder ohne sein Mitwirken, habe sich einiges getan. Im Laufe der Jahre haben sich immer mehr Priester offen gegen die sog. ehrenwerte Gesellschaft ausgesprochen. Ein aktives Engagement gegen die Mafia, wie es einst Hannah Arendt für den Zoon Politokon forderte, findet sich aber dennoch selten: Fünf Priester in ganz Sizilien seien laut Fasullo aktiv engagiert.
Der Padre selbst wird seit Erscheinen seiner Zeitschrift von der Amtskirche marginalisiert. Fasullo bezeichnet dies mit einem Augenzwinkern als klerikal-mafioser Stil.
Ende der Osterbotschaft.
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