Big Brother Lidl á la Hondrich, Teil 1 – Skandalmärkte und Skandalkultur

Posted by Stefan Spiess © 2008

Wer bei Lidl ein großes Geschäft machen will, ist dabei scheinbar nicht immer unbeobachtet, das wird uns die morgige Ausgabe des Stern lehren. Lidl gehört Herrn Schwarz, und nicht nur Lidl (Das Schwarz-Buch zu seinem Konzern liegt nicht erst seit gestern vor). Interessant wäre in dem Zusammenhang, was Karl Otto Hondrich dazu gesagt hätte. Werden wir Enthüllung und Entrüstung erleben, ist das ein Skandal oder ein Skandalversuch? Lidl ist böse – Lidl ist billig – Lidl ist beliebt. Und ach, wer hätte es gedacht, Lidl hat schon wieder Sachen gemacht, welche die Öffentlichkeit eigentlich absolut entrüsten sollten. Soziologisch ist an der ganzen Sache eigentlich vereinfacht folgendes interessant: Wie reagiert eine Gesellschaft auf diesen Fehltritt? Welche Mechanismen werden in Gang gesetzt, welche Akteure betreten die Bühne, und wie geht das Schauspiel aus? Teil 1 einer dreiteiligen soziologischen Reihe zur Gegenwartskultur.

Was ist überhaupt ein Skandal?

Da ich in diesem Artikel ein wenig die Denkmuster Hondrichs verfolgen möchte, halte ich mich ganz direkt und dreist an seine Definition des Skandals, die wir sehr anschaulich auf Seite 40 seines Buches finden, er versteht unter Skandalen:

  • moralische Verfehlungen von hochgestellten Persönlichkeiten oder Institutionen
  • verbunden mit einer Enthüllung dieser Verfehlungen
  • und mit weithin geteilter Empörung

Das alles kann man hier also getrost als gegeben hinnehmen, bauen wir uns eine . Lidl ist im weitesten Sinne als ein großer Arbeitgeber eine hochgestellte Institution, enthüllt wurde heute (Der Stern deckt’s auf[25.03.], Lidl gibt’s zu[26.03.] und entschuldigt sich[26.03.]), und die Empörung wird weithin geteilt( FAZ, ZEIT, SZ, WELT und BILD). Alles klar, wir sind startbereit. Die Zeitschriften, die hier gerade genannt worden sind, bringen uns auch schon zum ersten Thema.

Skandalmärkte und Skandalkultur

Entrüstung ist also der dritte Schritt, der schon mitten in den Skandal hineinführt. Entrüstung folgt der Enthüllung schlafwandlerisch, wie von selbst – aber nicht jede Enthüllung hat Entrüstung im Gefolge. Bedarf es eines Aufrufs zur Empörung? Im Gegenteil, er ist nicht nur überflüssig, sondern meist kontraproduktiv. [...] Die große Empörung will sich nicht einstellen. Gegen Manipulation sperrt sie sich eher als ihr zu erliegen.

Das schreibt Hondrich in seinem Buch, und wir sehen selbst, dass Lidl und auch andere Konzerne arbeitnehmerrechtlich betrachtet mehr sau als billig sind. Das ist hier allerdings nicht das Thema. Dieser Skandal wird morgen im Stern endgültig verwurstet, bereits im Vorfeld läuft die Maschinerie des Skandalmarktes auf Hochtouren.

Hondrich betrachtet das ganze nach den Gesichtspunkten eines Marktes – Angebot, Nachfrage. Unerhört einfach für einen Soziologen. Fühlt sich fast an, wie BWL. Einfach ausgedrückt, schreibt er dazu folgendes:

Das Angebot an Skandalen entsteht, wenn in einer komplexen Gesellschaft ein Teil einen Vorteil aus dem Nachteil des Restes zieht. Hier: Lidl scheffelt Gewinne, weil man seine Angestellten ordentlich unter Druck setzt, und ihnen beispielsweise keine Überstunden bezahlt oder sie bespitzelt, was diese erpressbar macht (Und immer so im Kreise…).Beides ist offiziell nicht in Ordnung, denn beides ist nicht nur gefühlt, sondern sogar gesetzlich geregelt, “böse”, also empörend.

Die Nachfrage an Skandalen entsteht dadurch, dass es eine große Gruppe von Menschen gibt, die den Interessen der “Skandalnudel” entgegensteht. Die Arbeitnehmer von Lidl im speziellen also, der Arbeitnehmer im Allgemeinen noch dazu. Lidl ist also die Paris Hilton deutscher Unternehmenskultur, der Arme empört sich, dass der Reiche alles darf.

Der Markt ist der der Skandalpresse und des investigativen Journalismus. (Also schöne Aussichten auch für Deutschland…). Man zieht in Form des investigativen Journalisten ans Tageslicht, was eigentlich im Dunkeln bleiben sollte. Die Skandalpresse selektiert dann, was wirklich wichtig ist und wofür das Herz der Öffentlichkeit wahrscheinlich am ehesten schlagen wird – hat sie daran Lust, und wie weit gehen die Einblicke in die Unterwelt?

Haben wir also drei Akteure. Was machen die jetzt? Wie geht das weiter? Und weil man hinterher meist klüger ist, schreibe ich an dieser Stelle erst nächste Woche weiter, wenn man sieht, wie hoch die Wellen schlagen, oder eben auch nicht.

Fortsetzung folgt nächste Woche hier auf homosociologicus.de:

  • Teil 2 wird sich besonders auseinandersetzen mit den Kapiteln “Die Lust am Skandal” und “Einblicke in die Unterwelt”.
  • In Teil 3 schliesslich ziehen wir ein Resümée mit den Abschnitten “Lernen im Skandal” und “Epilog: Die Macht der Moral”

2 Antworten zu “Big Brother Lidl á la Hondrich, Teil 1 – Skandalmärkte und Skandalkultur”


  1. 1 Maria 21. Februar 2009 um 15:31

    Es ist wirklich erstaunlich, wie diese ganzen “Skandale” auch direkt wieder verpuffen. Wer denkt denn heut noch beim Besuch einer Lidl-Filiale an die systematische Überwachung, die hoffentlich nicht nur oberflächlich erst vor einem knappen Jahr beendet wurde. An ein wirkliches Ende solcher Methoden kann man ja wirklich nur mit viel Optimismus glauben, denn die Skandalbewältigung besteht meist ja auch nur aus Augenwischerei und hinter den Kulissen läuft alles wie gehabt weiter.


  1. 1 Big Brother Lidl á la Hondrich, Teil 2 - Einblicke in die Unterwelt und die Lust am Skandal « homo sociologicus Trackback zu 7. April 2008 um 01:37

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