Posted by Stefan Spiess ©2008 – Fortsetzung von Teil 1: Skandalmärkte und Skandalkultur
Jetzt ist die Woche definitiv vorbei. Auf Stern.de konnte man gut verfolgen, was passiert ist. Nachdem Lidl letzte Woche der systematischen Arbeitnehmer- und Kundenüberwachung gezeiht worden ist, entschuldigte sich das Unternehmen mehrfach für den Fauxpas und versuchte ganz nebenbei noch, die Schuld auf die Detektive abzuschieben.
Einblicke in die Unterwelt
Was dabei aber nun bemerkenswert an der Enthüllung ist, wenn wir weiter den Hondrichschen Pfaden folgen, ist:
Daß dies weniger einer hoheitlichen Strafverfolgungsbehörde obliegt, sondern dem Konkurrenzkampf zwischen Parteien und zwischen Massenmedien anheim gegeben wurde, kann als genialer Schachzug in der Entwicklungslogik moderner Gesellschaften gesehen werden. Sie privatisieren nicht nur die Müllabfuhr, sondern auch die Enthüllung der dabei anfallenden Fehltritte.
Das sieht man hier ganz klar, neben den Gewerkschaften und wenigen Politikern kommen auf Stern.de hauptsächlich Vertreter privater Verbraucher- und Datenschutzorganisationen zu Wort. Und ein Weiteres Element von Hondrichs Skandalnudelei kann man gut erkennen. Er schreibt, dass im Skandal gesellschaftliche Grenzen neu austariert werden, sichtbar gemacht werden, man erhält eben “Einblicke in die Unterwelt”. Den Skandal sieht er dabei als einen Türwächter für die Grenzen. Wer einen solchen auslöst, macht dabei klar, welche Grenzen gelten, die er verletzt hat.
Die Lust am Skandal
In Aller Kürze bringt Hondrich auf Seite 26/27 seines Buches einige Charakteristika des Skandals, die, beinahe wie eine Seifenoper, unsere Lust am Skandal anleiten. Es ist wie ein Kampf zwischen Helden und Schurken. Die Rollen sind unübersichtlich verteilt, sie wechseln ständig, es werden zunächst unbeteiligte Dritte ebenfalls in den Strudel der Ereignisse hineingezogen (Schlecker, Edeka, Plus…) und zu guter Letzt bleibt alles offen. Stets ist am Ende eines Skandals nur eine Schlacht, nicht aber der Krieg gewonnen.
Der Skandal ist in unserer Gesellschaft eines der letzten Wettspiele mit hohem Einsatz.
Man darf also gespannt sein, wer das Wettspiel gewinnt, und was wir bis nächste Woche gelernt haben. Die Kunden wollen ja nicht recht boykottieren. Mal sehen. Beim nochmaligen Lesen ist das Buch eigentlich fast noch besser. Gott hab ihn selig.
Vielleicht ergibt sich da ja noch mehr, vielleicht klagt ja endlich mal ein Angestellter, scheint ja auch noch nicht passiert zu sein, nach derzeitigem Kenntnisstand.


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