von Martin Booker
Seit Montag abend befinden wir uns nun auf dem Kongress der Deutschen Gesellschaft für Soziologie (DGS). Der Kongress ist bestens organisiert, das Wetter war bisher (Donnerstag) auch sehr schön, und wir haben zahlreiche Vorlesungen und Arbeitsgruppen zu den unterschiedlichsten Themen besucht und zahlreiche Anregungen mitgenommen. Es wird Zeit, einige erste Eindrücke festzuhalten. Spontan fallen mir folgende Punkte auf, die ich hier nur kurz skizzieren will:
1. Wie zu erwarten war, steht hier weniger der wissenschaftliche Austausch im Vordergrund. Zwar kommt er durchaus am Rande in einigen Arbeitsgruppen vor, doch hauptsächlich geht es hier um die Präsentation der eigenen Arbeiten gegenüber einem Fachpublikum. Fast bin ich geneigt, den DGS-Kongress vor allem als Marketing-Veranstaltung zu bezeichnen, denn als Markt der Ideen. Hinzu kommt natürlich das Ritual des Zusammenkommens einer Berufsgruppe, das die Identität der Soziologen und ihren Zusammenhalt stärken soll – ähnlich wie jeder Konzern oder Verein seine Jahreshauptversammlung hat oder Indianerstämme um ihren Totem tanzen. Der intensivere wissenschaftliche Austausch findet mit Sicherheit eher hinter den Kulissen statt, wenn die Fachexperten nach der Veranstaltung einen gemeinsamen Kaffee trinken – oder aber auf entsprechenden Fachkongressen mit sehr spezifischen Themen und Teilnehmern.
2. Die positive und konstruktive Athmosphäre, die ich aus den Stationen meines Studiums kenne, ist auch in der Soziologie keine Selbstverständlichkeit. Zwar laufen auch hier die meisten Diskussionen in dem entsprechenden Ton ab, dennoch treten nicht selten (oft altgediente) Professoren ans Licht, deren Beiträge weder konstruktiv noch sachorientiert sind. Eitelkeit und Profilierungssucht haben auch in der Soziologie ein festes Zuhause und werden leider auch toleriert.
3. Viele der gehörten Beiträge entsprechen nicht den gängigen wissenschaftlichen Standards. Dies mag in einer Arbeitsgruppe akzeptabel sein, wenn etwa eine Arbeit “in progress” vorgestellt wird. Doch leider stinkt der Fisch vom Kopf! Auch einige der etablierten Herrschaften (weniger die Damen, so mein Eindruck) halten es offensichtlich nicht für nötig, dass sie ihre Hypothesen testen, dass sie Fehlschlüsse und selektive Auswertungen vermeiden. Eine gängige Praxis wird der geneigte Leser denken - aber deswegen ist dies noch lange nicht legitim! Ein Schlendrian scheint sich eingeschlichen zu haben in der deutschen Soziologie, der ihr wehtut.
3. Das rethorische Geschick vieler Referenten ist erstaunlich unterentwickelt. Natürlich kann nicht jeder ein hervorragender Redner sein. Aber wenn ein gestandener Professor während seiner gesamten Rede vielleicht fünfmal für eine Millisekunde ins Publikum schaut (das war der Extremfall), wenn fast alle Vortragenden das Rednerpult mit einer Stehhilfe verwechseln (Normalfall), läuft etwas falsch. Natürlich sollte man die Beiträge vor allem an ihrer inhaltlichen Qualität messen, aber warum sollte man darüber die Qualität der Vermittlung vernachlässigen? Zum Glück gab es aber auch einige sehr gute Vorträge. Zuverlässig erfrischend waren auch einige Vorträge von den Kollegen aus Großbritannien und den USA.
4. Meine bisherigen Favoriten: Susanne Karstedt aus Keele hat am Dienstag zu meinem Thema Korruption referiert und dabei eine äußerst erleuchtende empirische Studie zu den kulturellen Ursachen von Korruption vorgestellt. Ian Gough aus Bath hat gestern über die Zukunft des Wohlfahrtsstaates referiert und einige Reflektionen über die Auswirkungen des Klimawandels auf unsere Sozialsysteme dargelegt. Aber natürlich gab es noch andere exzellente Vorträge, die ich nicht besucht habe, meine Auswahl ist also rein subjektiv und basiert auf einer unzureichnenden Datenlage.
5. Was sagt die Presse? Bisher noch nicht allzuviel. Hier eine kleine Auswahl:
dpa (via Welt): Soziologen: Die Dominanz der Wirtschaft ist gebrochen
AP (via Welt): Unsichere Zeiten: Soziologen sehen “Rebellionspotenzial”
AP (via Net Tribune): Soziologen beraten über unsichere Zeiten
dpa (via Islamische Zeitung): Soziologen sehen “Rebellionspotenzial”
dpa (via Netzzeitung): Soziologen warnen vor “Rebellionspotenzial”
mdr: Soziologen debattieren über “Unsichere Zeiten”
Wie geht es weiter? In einer halben Stunde werde ich erst einmal eine der Mittagsvorlesungen besuchen. Dann noch diverse Veranstaltungen bis abends. Für morgen habe ich mir natürlich schon die Ad-Hoc-Gruppe “Macht und Unsicherheit im neuen Netz” vorgemerkt, in der einige Bloggerkollegen, die ich bisher nur aus besagtem Netz kenne, ihre Projekte vorstellen werden.
Es grüßt aus dem schönen Jena die Zuhausegebliebenen und den Rest der Welt,
Martin Booker


Ist das Dein erster (größerer) Soziologie-Kongress?
Du hast mich entlarvt! Der ganze Artikel war wahrscheinlich für einen alten Hasen ein Fall von “stating the obvious”!?
Meine Frage umweht schon einen Hauch von arroganter Abgeklärtheit, was eigentlich nicht beabsichtigt war.
Viele Deiner Beobachtungen treffen zu. Ein Kongress ist tatsächlich häufig eine Schaubühne, man will sich präsentieren und was für den Lebenlauf haben. Man kann (nachträglich) aber auch Jobangebote bekommen, es kann sich also lohnen
Bernd – gibt man so einen Kongress etwa im Lebenslauf an?
Den Aspekt “Jobbörse” hatte ich so nicht bedacht, interessanter Punkt.
Ich frage mich derweil, ob ich hier wirklich so offen und kritisch schreiben sollte – man könnte sich ja unbeliebt machen… Aber den Idealismus will ich mir nicht nehmen lassen (und meine nächste Station liegt sowieso im Ausland).
Ich kann euch nur zustimmen. Derartige Events haben immer etwas von den Big-Man-Treffen in Melanesien. Insofern passt der Verweis auf den Totemismus auch recht gut. Aber: Man muss sich ja nicht die Vorträge der Big Men anhören, sondern kann so ein Zusammensein nutzen, um ein paar Leute persönlich kennen lernen, die man vorher nur in Textform kannte. Ich halte diese Form der Kongresse für überholt. Viel spannender wäre es, wenn solche Veranstaltungen z.B. nur dem Zweck gewidmet wären, Soziologie der Öffentlichkeit zu präsentieren. Dann hätte man wahrscheinlich ganz andere Leute auf der Bühne. Und wer am Publikum vorbeiredet wird ausgebuht und darf abtreten
Für mich war es aber zumindest kein verlorener Tag: die Diskussionen in der Adhoc-Gruppe waren prima und endlich die Person getroffen, die hinter homosociologicus.de steckt
Das hat sich gelohnt.
@ martinbooker: Der Lebenslauf kommt ins Spiel, wenn Du als Vortragender aufgetreten bist. Wir bekommen (fast) nur noch Reisemittel, wenn wir vortragen.
@ furukama: Ach, ich finde den “Große-Namen-Tourismus” nicht weiter schlimm, zB bin ich zur UseR nach Dortmund (fast) nur gefahren, um einen Workshop bei Doug Bates und Frank Harrell zu belegen und mal Andrew Gelman und Gary King live zu erleben.
Und ob diese Form der Kongresse überholt ist… ich weiß nicht. Ich frage mich ab und an, ob ein soziologisches, sehr informelles und unakademisches Barcamp mal eine interessante Sache wäre.
furukama – ich stimme dir voll zu. Das wäre in der Tat ein interessantes Konzept – die Frage ist nur, ob die Öffentlichkeit interessiert ist. Eure Ad-Hoc-Gruppe heute fand ich sehr erhellend und arbeite bereits an einem Blog-Eintrag. Mit Tina, Lars, Kai-Uwe und Dir einige der Top-Soziologie-Blogger kennenzulernen, hat mich ebenfalls sehr gefreut. Schade nur, dass Marc nicht da war.
Bernd – Danke für die Info. Zumindest ein paar experimentelle Elemente würden einen Kongress wie diesen sicher auffrischen.
Allgemein – Nicht dass hier der falsche Eindruck entstanden ist: Insgesamt hat mir der Kongress sehr gut gefallen. Ich nehme viele Anregungen von dem Kongress mit, habe viele interessante Leute kennengelernt und werde die Woche in guter Erinnerung halten. Allerdings eben mit ein paar Dingen, die mir nicht gefallen haben und die ich anzusprechen wichtig fand.
Bernd, ich halte Sektionstagungen und andere thematisch zugespitzte Kongresse für sehr viel sinnvoller als derartige Großveranstaltungen, wenn die spezifischen Vorteile einer Universalveranstaltung nicht genutzt werden – also z.B. eine große Medienöffentlichkeit zu bekommen (die einzigen, die wirklich differenziert über so einen Event berichten, sind Blogger, aber davon, das zu erkennen, ist man in der DGS noch sehr weit entfernt) oder eben so etwas wie den state of the art der soziologischen Forschung und Theorie nach außen zu repräsentieren, wie das in Initiativen wie Wissenschaft im Dialog anklingt. Zudem wird es nicht lange dauern, bis solche Events einfach nicht mehr zu finanzieren sind (Jena war schon ein Versuch, die Kosten gegenüber Kassen deutlich zu senken, keine Ahnung, ob das geklappt hat).
Akademisches Barcamp, Open Space wären spannende Schritte, die aber die DGS meiner Ansicht nach so schnell nicht gehen wird/kann. Aber in den Sektionen werden wir diese Formate wahrscheinlich schon in der näheren Zukunft erleben können.
Ich finde, man verzeihe mir den wieder eher saloppen Kommentar, dass durchaus auch mal Kohle fließen kann. Wenn das geht, ist es ein gutes Zeichen. Allgemein waren Martin und ich mehrfach darauf aufmerksam geworden, dass die Soziologie vielleicht wieder etwas mehr in die Offensive gehen sollte, als eine integre demokratische Wissenschaft, die eine wichtige Funktion ausübt: Den organisierten Zweifel.
Und auch von mir, frei nach Beinhart, Werner (1990):
Nich ganz fair, nich ganz fein, aber im groußen und ganzen ein
schönes Spiel.
Man versetze sich in meine Lage, und das dürfte momentan die vieler SoziologiestudentInnen in Deutschland sein:
Meine Uni macht mir den Lehrstuhl dicht, und dann treffe ich so viele SoziologInnen auf einem Haufen, war schon ein bischen wie Weihnachten. In seiner Regensburger Kaserne vergisst man das manchmal.
@ furukama: Es liegt mir fern, über die Maße Partei für den Soziologentag ergreifen zu wollen — ansonsten wäre ich wohl gekommen.
Das Ausmaß der Medienöffentlichkeit kann ich nicht einschätzen, scheint Deiner Ansicht nach aber nicht ausreichend gewesen zu sein.
Interessant finde ich Deinen Vorschlag, “so etwas wie den state of the art der soziologischen Forschung und Theorie nach außen zu repräsentieren”. Unmittelbar ergeben sich mindestens zwei Fragen: (1) Gibt es so etwas wie den state of the art der soziologischen Forschung und insbesondere der Theorie”? (2) Sollte es den state of the art der soziologischen Forschung und der Theorie überhaupt geben (aus Gründen der öffentlichen Darstellung natürlich schon; “zersplitterte” Wissenschaften (Parteien etc.) sind den Medien ein Graus)? Mir würde es sehr schwer fallen, darauf eine/mehrere Antwort/en zu geben… oder auch zu erkennen, dass es u.U. keine (eindeutige) Antworten geben kann.
@ Martin: Es wäre nett, wenn Du in meinem ” 9:11 Uhr nachmittags”-Kommentar aus “Gary Kind” “Gary King” machst. Danke! Ich fand übrigens “Schöner/Besser Leben mit Soziologie” (oder so ähnlich, wenn ich mich nicht irre), besser als “Schärfer sehen mit dem soziologischen Blick”.
@ Bernd – King erledigt. Danke für den Hinweis bzgl. unseres Mottos. Ich finde beide gut und habe mich für das neue Motto entschieden, um den Zweck des Blogs schärfer in den Blick zu rücken. Das Blog richtet sich vor allem auch an Nicht-Soziologen, die das Gefühl haben sollten, dass sie die Welt mit einem schärferen Blick sehen, wenn sie öfter bei uns vorbei schauen und/oder sich mit Soziologie beschäftigen.
Allerdings habe ich das unilateral getan ohne mit unseren Lesern in Kontakt zu treten. Du bist nun der Erste, der mich darauf angesprochen hat. Ich werde wohl in den nächsten Tagen eine kleine Befragung starten (vielleicht hilfst Du mir ja bei der statistischen Auswertung?)
Die neue Seitenstruktur ließe sich auch problemlos an das alte Motto anpassen. Aus der Seite “soziologischer Blick” könnte ich ein “Warum besser leben?” machen (was ja darin auch angesprochen wird).
Also, mal sehen, was die Anderen dazu sagen. Als Blogbetreiber fehlt einem da natürlich oft die Distanz. Das Motto des Blogs ist jedenfalls ein Thema, das ich durchaus wichtig finde (erster Eindruck, Haustürfunktion etc…)