DGS-Kongress in Jena: Das Web 2.0 im soziologischen Fokus

von Martin Booker

Ein wichtiges Thema im Rahmen des Kongresses der Deutschen Gesellschaft für Soziologie vergangene Woche in Jena war das Internet, und wie es unser Zusammenleben verändert. Web 2.0-Themen wurden bereits am Dienstag nachmittag in der Arbeitsgruppe “Online Dating – neue Methoden der Partnerwahl” behandelt, sowie am Donnerstag in der Arbeitsgruppe ”Help.yourself@Web_2.0: Kundenarbeit zwischen Selbstbedienung und sozialer Produktion“.

Besonders am Freitag jedoch fand sich in der Arbeitsgruppe “Macht und Unsicherheiten im neuen Netz” die soziologische Blogger-Szene zusammen – und ich lernte einige der Köpfe hinter den Blogs kennen, die ich selbst gerne lese.

Die Freitags-Vorträge im Einzelnen:
Benedikt Köhler : “WWWissensordnungen in der Zweiten Moderne – vom Kategorienbaum zur Tag-Cloud”.
Inwiefern unterscheidet sich die Wissensordung des Web 2.0 von den bisher bekannten? Und vor welche Herausforderungen stellt uns die neue (Un-)Ordnung? Während Wissen und Information in der Ersten Moderne in einer meist hierarchischen Ordnung auftritt, in Kategorien und Klassen geordnet wird, verschwimmen diese Strukturmerkmale in den Tiefen des neuen Netzes zunehmend. An ihre Stelle tritt die Tag-Cloud, eine Wolke von relativ beliebig angeordneten Begriffen – nach Köhler eine charakteristisch zweitmoderne Wissensordnung. Abstract des Vortrags [PDF]. Blog ViralmythenUni-Home.
Lars Alberth: “Hegemonie und Repräsentation im sozialen Netz. Wer spricht für die Blogosphäre?”
Millionen beteiligen sich am Web 2.0, bringen sich in Diskussionen, Wikis und durch Blogs ein. Wer jedoch bestimmt die Diskurse über dieses Phänomen? Und wer repräsentiert die Blogosphäre nach außen? Anhand der Auswertung von Diskussionen in Blogs und herkömmlichen Medien, zwischen Bloggern, (herkömmlichen) Medienschaffenden und Wissenschaftlern sucht (und findet) Alberth Antworten auf diese Fragen. Abstract des Vortrags [PDF]. Blogs Odradek (derzeit offline), shifting realities (mit Anderen).

Tina Guenther : “Vertrauen, Macht und Unsicherheit im neuen Netz – das Beispiel Online-Identität”.

Wie im echten Leben auch, sind virtuelle Interaktionen im Netz nur mit und durch die Konstitution von Vertrauen möglich. Wer sich in das Internet begibt, muss etwa darauf vertrauen können, dass er oder sie dort nicht ausspioniert oder von anderen Nutzern gedemütigt wird. Guenther überträgt Beckert/Möllerings Konzeption von Vertrauen und dessen Konstitution auf Online-Interaktionen. Am Beispiel des Aufbaus von Online-Identitäten diskutiert sie, inwiefern unter den Bedingungen der Unsicherheit Vertrauen konstituiert wird, und wie dies im Online-Identitätsmanagement erfolgreich gestaltet werden kann. Abstract des Vortrags [PDF]. Blog sozlog. Uni-Home 1, 2.

Kai-Uwe Hellmann: “Unternehmenskulturrevolution durch Web 2.0″.

Das “Mitmach-Web” revolutioniert die Möglichkeiten der Partizipation und Eigeninitiative von Konsumenten. Der Innovationsschub, den das Web 2.0 mit sich bringt, stellt auch Unternehmen vor neue Aufgaben: Wie erreicht man den “Prosumenten” am besten? Und inwiefern verändert sich auch die interne Unternehmenskommunikation und Entscheidungsfindungen im Unternehmen? Hellmann entwickelt die These einer “Unternehmenskulturrevolution durch das Web 2.0″, die vor allem die wichtigen Fragen von Sicherheit/Unsicherheit und Macht/Ohnmacht anspricht und nach neuen Antworten sucht. Abstract des Vortrags. Blog commercial communities. Home.

Marc Scheloske: “Das Risiko der Risikokommunikation 2.0: Wie sich Technologie- und Risikokonflikte im Internet darstellen und verändern”(geplant)

Scheloske fragt dabei unter anderem:
1. Wie können die Potentiale des „neuen Netzes“ genutzt werden? Welche Chancen bieten die Möglichkeiten, die der Dialog auf Augenhöhe bietet? Welche Aspekte des „Mit-Mach-Netzes“ können die Bürger zu mehr „Risikomündigkeit“ (O. Renn) befähigen?
2. Wie stellen sich die „traditionellen“ Akteure dieses Feldes auf das neue Medium ein? Wie reagieren sie auf die Konfrontation damit, dass im Netz die „Heterogenität von Wissen“ sichtbar wird? Wie gehen sie auf den Machtverlust und die Autoritäts-Erosion ein? Welche Praktiken führen Wissens-Autorität (evtl. durch die Hintertür) wieder ein? Abstract des Vortrags [PDF] Blog Wissenswerkstatt. Portal Wissenschaftscafé.

Von Marc erfahren wir in seinem Blog zudem Einiges über die Entstehung der Arbeitsgruppe im Frühjahr [mehr].

Die Vortragenden mögen mir die arge Komprimierung der Themen verzeihen, doch ich wollte hier vor allem aufzeigen, mit welchen Fragestellungen sich die soziologische Web 2.0-Forschung beschäftigt.

Nun scheine ich zu den wenigen Soziologie-Bloggern zu gehören, die das Web 2.0 (noch?) nicht zu ihrem direkten Forschungsgegenstand gemacht haben – entsprechend hielten die Vorträge einiges an Neuem für mich bereit.

Immer klarer wird mir vor allem die Verbindung der Thematik mit allgemeinen soziologischen Fragestellungen: Mit zunehmender Verbreitung und Veralltäglichung des Internets werden etwa auch die von Benedikt Köhler angesprochenen neuen Wissensordnungen immer relevanter. Wie wirkt sich dies allgemein auf die Produktion, Vermittlung und Verteilung von Wissen aus? Wie strukturieren diese neuen Wissensordnungen das Denken der Menschen? Wie müssen unsere Erziehungssysteme und Sozialisierungsinstanzen darauf reagieren? (Ähnlichen Fragen geht übrigens der amerikanische Anthropologe Michael Wesch in seinem Video “The Anthropology of YouTube” nach).

Ebenfalls sehr klar wird der Allgemeinbezug bei Lars Alberth, der die zentrale Frage nach der Macht im Web 2.0 stellt – ein Thema, das mit Sicherheit in den nächsten Jahren an Bedeutung zunehmen wird. Gibt es im “nicht-virtuellen” Leben einigermaßen klar definierte Machtstrukturen, und Nationalstaaten, die diese anhand ihres Gewaltmonopols aufrecht erhalten, ist die Welt des Webs wesentlich unklarer und verhandlungsoffener – und somit auch unsicherer.

Wo Unsicherheit herrscht, wird die Frage nach ihrer Vermeidung dringlich, nach der Konstitution und Aufrechterhaltung von Vertrauen. Hier leistet Tina Guenther Pionierarbeit und ich bin sehr gespannt, was bei ihren Arbeiten herauskommt.

Ein Anschauungsbeispiel davon, wie sich die neue Wissensordung bereits im nicht-virtuellen Raum auswirkt, bietet die Arbeit von Kai-Uwe Hellmann. Wie schon so oft zuvor in der Entwicklung menschlicher Gesellschaften, führen neue technologische Entwicklungen zu einem Anpassungsdruck und zu Veränderungen, in diesem Fall in den ökonomischen Märkten, jedoch auch allgemeiner in Politik, Wissenschaft etc.

Insgesamt also ein spannendes und zukunftsweisendes Forschungsgebiet, das ich mit Sicherheit auf meinem Radar halten werde. An dieser Stelle daher noch einmal vielen Dank an die Vortragenden für die interessanten Ideen und Ansätze!

Einige (bescheidene) Überlegungen zum Thema Web-Soziologie finden sich übrigens in unserer gleichnamigen Kategorie.

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