von Stefan Spiess 2008
Endlich sind die unsicheren Zeiten vorbei, zumindest für Jena. Die Schar von organisierten Zweiflern ist weitergezogen. Ein besonders präsentes Thema waren die Beziehungen Mensch/Umwelt und Umwelt/Mensch in diversen Zusammenhängen. Ein kurzer Überblick über die Inhalte aus den Veranstaltungen Neue Trends in der Umweltsoziologie, Umweltsoziologie und gesellschaftlicher Wandel sowie dem Vortrag The Global Future of the Welfare State von Ian Gough [home, wikiEN].
Neue Trends in der Umweltsoziologie
Den Anfang machte Katina Kuhn [home] mit einem Vorschlag für ein praxisorientiertes Handlungsmodell im Bezug auf nachhaltige Entwicklung, und diese Entwicklung benötigt zum Erfolg gesellschaftliche Partizipation der Akteure. Die Motivation im Bezug auf Handeln scheint jedoch über Faktoren wie Bildung, Lebensstile sowie Werte und Normen nicht übermäßig stark determiniert (vgl. dazu z.B. Diekmann, Preisendörfer 2001 [GoogleBooks]). Ein alternativer Ansatz zu bisherigen Erklärungen über zweckrationale oder normative Handlungstheorien bietet ihrer Ansicht nach ein “praxisorientiertes Handlungsmodell”. Die Arbeit dazu befindet sich jedoch noch im Anfangsstadium.
Heiko Grunenberg [home] machte den Versuch, einen notwendigen Umschwung in der Kommunikation betreffend den Klimawandel zu veranschaulichen. Seiner Meinung nach muss die Kommunikation weg von den bisher dominanten Vermeidungsansätzen hin zu Adaptionsansätzen. Das bedeutet konkret, dass man vermitteln muss, dass der Klimawandel menschengemacht ist, und darüber hinaus auch definitiv kommt. Anpassung ist die neue Strategie, die mehr als bisher die Vermeidung ergänzen muss. Zudem stellte er in der Diskussion dar, dass er in Studien festgestellt hat, dass Bildung, wie bereits oben erwähnt, nicht mit dem Umweltverhalten korreliere.
Christian Kuhlicke [home] hat an Hand des Muldehochwassers 2002 untersucht, wie der “Naturmythos Resilienz” sich als Eigenschaft sozialer Gruppen darstellt. Resilienz wird dabei als eine Strategie verstanden, mit dem Einbruch des Unbekannten in einer Krise umzugehen, indem man sich adaptiver Strategien bedient. Dabei stellte Kuhlicke dar, wie die eine Gruppe über Resilienz als Eigenschaft (vielleicht besser “Strategie” oder “Verhalten”) verfügt, während die andere das Unbekannte ausblendet, und davon ausgeht, dass Krisen planbar sind. Allgemein wurde von mehreren Anwesenden bemerkt, dass der Begriff der “Adaptive Capacity” besser angewandt werden könne, und die Anwendung des Begriffes “Mythos” nicht wirklich plausibel erscheint. Fazit bleibt jedoch: Ein sehr interessantes Beispiel für unterschiedliche Verhaltensstrategien in Krisensituationen, besonders darum, weil es im betreffenden Ort zu einer Zweiteilung der Verwaltungsbelegschaft kam, die sich auf die genannten Strategien festlegten.
Umweltsoziologie und gesellschaftlicher Wandel
Diese Gruppe war ein absolutes Highlight. Die Referenten waren praktisch ausnahmslos gut strukturiert im Vortrag und machten ihre Punkte klar. Scheint an der Nachwuchsgruppe Umweltsoziologie zu liegen, das wurde mehrfach betont. Und mein eigener Eindruck bestätigt das: Sehr konstruktive Diskussion, keine überzogene Selbstdarstellung und ein absolut produktives Klima.
Andrea Pronzini [home] stellte eine Studie über das Auftreten der Konzepte “Unsicherheit” und “Stabilität” vor. Sie kam dabei zu dem Ergebnis, dass die Kommunikation in den Massenmedien auf einfache Kausalstrukturen zugreift, und sich dabei maßgeblich naturwissenschaftlicher Erkenntnisse bedient. Eine soziologisch fundierte Analyse hingegen bleibt aus, wenn sie auch die Debatte bereichern könnte. Das ist leider absolut nichts neues, man findet diese Feststellungen schon beispielsweise bei Luhmann in seinem Buch “Ökologische Kommunikation” aus dem Jahre 1985 [GoogleBooks]. Sicherlich ein interessantes Forschungsgebiet. Festgestellt wird damit aber ironischerweise kein gesellschaftlicher Wandel in dieser Hinsicht. Möglicherweise weist dies aber nochmals darauf hin, dass die Sozialwissenschaften, insbesondere die Soziologie vermehrt Beiträge zum Thema liefern müssen, und dabei möglicherweise auch zu einer “offensiveren Strategie” finden müssen, was die Publikation angeht.
Julia Schwarzkopf [home] präsentierte Ergebnisse einer Studie zur Bewertung der eigenen CO2-Emissionen und von Offsetting-Maßnahmen durch die Bevölkerung in Deutschland und den USA. Dabei ergibt sich eine wenig erstaunliche Unkenntnis in diesem Bereich (Besonders betreffend die Einschätzung der Kosten für Offsetting: Was schätzen sie, was 2,5t CO2 im Jahr für 15.000km Autofahren für Absatzkostenhaben?) Alles in allem ein gelungener Vortrag und eine vielversprechende Studie, die in der nächsten Zeit sicher noch mehr interessante Datenbasierte Ergebnisse liefern wird.
Maximilian Mayer [home] legte ein Problem vor, dass aus der Vermittlung der Ergebnisse von Klimaforschern resultiert: Da die hochkomplexen Computersimulationen der IPCC [home, wiki] beispielsweise nur graduelle Entwicklungen darstellen können, und keine rapiden Umschwünge, stellen sie auch ein wenig bedrohliches Szenario vor. Es ist eigentlich relativ klar, dass eine Veränderung der globalen Durchschnittstemperatur um 0,8 Grad von den meisten Laien als marginal empfunden werden dürfte, während die Darstellung rapider, katastrophenartiger Veränderungen schon stärkeren Handlungsbedarf suggeriert.
Anders als in der Sitzung zu den neuen Trends in der Umweltsoziologie fühlte sich hier dankenswerterweise niemand dazu berufen, seine Empörung anzumerken, dass “0,8 Grad keineswegs marginal seien”. Mag zwar für den Experten offensichtlich sein, aber wenn ich mal den unreflektierten Teil meines Gehirns befrage: Was sind denn bitte 0,8 Grad? Nach Mayer entfaltet die Koalition von Naturwissenschaft und Politik einen starken Effekt auf die öffentliche Debatte, die seiner Meinung nach eben auf der ungenügenden Vermittlung von Alternativinterpretationen beruht. Wieder ein Bereich, in dem die Sozialwissenschaften ein massives Engagement beweisen könnten.
Den Abschluss machte Florence Rudolf [leider keine Seite gefunden] mit einem Beitrag über den Klimawechsel vor Ort. Sie arbeitete mit einer privaten Inititiative zusammen, die sich die Aufklärung über den Klimawandel zur Aufgabe gemacht hat. Leider war auch hier ein zu simples Konzept etabliert (Wenn die Leute ihren “Carbon Footprint [wiki]” messen, dann ändert sich auch ihr Verhalten…) und die gesamte Kooperation wurde davon überschattet, dass einzelne Mitarbeiter das Szepter nicht aus der Hand geben wollten. So konnte sich leider keine eigenständige und schlagkräftige Gruppe im Bereich Klimawandel entwickeln, und die Organisation blieb im Stadium der “Pilotgruppe” hängen. Eine interessante Lektion im Scheitern, aus der man sicherlich lernen kann, wie man es nicht macht: In diesem Falle war die personelle Doppelbelegung einzelner Verantwortlicher sowohl durch Posten in der Lokalpolitik als auch im privaten Umweltengagement der Haken, an dem alles hing. Möglicherweise entstand so ein “parteipolitischer Greenwash [wiki]“-Effekt (Interpretation des Autors)
Ian Gough – The Global Future of the Welfare State
Der Vortrag war allgemein ausgesprochen interessant, wichtig für den Bereich Umweltsoziologie allerdings: Gough [home, wikiEN] zeichnet das Bild eines neuen Typus von staatlicher Garantie, und zwar über die soziale Sicherheit hinaus auch die ökologische Sicherheit. Seiner Meinung nach ist Zufriedenheit und soziale Stabilität in eine Staat nur möglich, wenn man auch die ökologische Stabilität und Sicherheit garantieren kann. So kurz diese Anmerkung zum Vortrag ist, so interessant scheint dieses Konzept eines, wie Gough es nannte “Eco-Welfare State”. Man darf gespannt sein, wohin diesbezüglich die Reise geht, und inwiefern dazu noch weitere Untersuchungen und Konzepte aus den Sozialwissenschaften entstehen.
Fazit
Bisher gibt es leider kaum Berichte Online zur Umweltsoziologie auf dem Kongress, außer Till Westermayer machte bisher scheinbar kein Blog Zwischenstation bei diesem Thema. Sind Umweltsoziologen vielleicht weniger technikfreudig als andere? Wäre mal ne interessante Frage…
Schade schade, denn wie auch Till auf seinem Blog schreibt, kam insgesamt ein guter Eindruck zustande, was Umweltsoziologie leisten kann, und nicht vergessen: Es eilt.


Zwei Anmerkungen:
Katina Kuhns Vortrag bezog sich nicht einfach auf ein praxisorientiertes Handlungsmodell, sondern darauf, Praxistheorie (Reckwitz, Schatzki, …) umweltsoziologisch (bzw. in ihrem Fall: umwelt- und partizipationsorientiert) fruchtbar zu machen. Das ganze ist eine prinzipielle Alternative zu RC/normorientierten Ansätzen, und Diekmann/Preisendörfer greifen da m.E. deutlich zu kurz.
Und bei dem Vortrag von Andrea Pronzini hatte ich den Eindruck, dass der Referentin Luhmanns ökologische Kommunikation durchaus bekannt ist, und dass sie mit dem von ihr vorgetragenen klar darüber hinaus geht.
Aber das nur als kleine Ergänzung, insgesamt freut mich sowohl der ausführliche Bericht als auch die positive Erwähnung, die die Nachwuchsgruppe Umweltsoziologie hier findet.
Hmmmm.. Erstmal vielen Dank für die prompte Reaktion. Wohl möglich, fand allerdings bei Andrea Pronzini dieses “darüber hinaus” nicht so klar. Habe gestern nochmal in dem extra gekauften Luhmann ein wenig nachgelesen, und fand dann die Neuerung nicht so großartig, allerdings wollte ich damit nicht vermitteln, dass ihr Beitrag überflüssig oder schlecht gewesen sei, das liegt mir fern. Sollte der Eindruck entstehen, muss ich das mal umformulieren.
Das mit dem Beitrag von Katina Kuhn hatte ich auch hinterher nochmal mit ihre besprochen, Diekmann und Preisendörfer zeigen ja auch nur auf, dass Bildung/Handlung nicht immer so viel miteinander zu tun haben, wie es beispielsweise in der Politik suggeriert wird. Meiner Meinung nach bieten Ansätze aus dem Bereich der “Communities of Practice” interessante Ergänzungen zum Thema. Das war eigentlich alles, was ich dabei anmerken wollte. Vielleicht muss ich an dem Absatz auch nochmal feilen.
Dabei fällt mir ein: Wollte mich ja noch auf eure Mailingliste setzen.