Was sagt die Soziologie zur Finanzkrise?

von Martin Booker

Die Finanzkrise und ihre Auswirkungen bestimmen das öffentliche Bewusstsein wie kein anderes Thema seit 9/11. Ihr gehört seit Wochen die Seite Eins einer jeden Zeitung, sie bestimmt die Ängste und Sorgen der gesamten westlichen Welt. Plötzlich erscheint alles möglich: Island geht bankrott, andere Staaten drohen bankrott zu gehen, Banken gehen pleite oder werden teilverstaatlicht, Unsummen von Steuergeldern werden in die Märkte gepumpt, um sie wiederzubeleben. Jene Teile des Wirtschaftsbooms der letzten Jahre, die über Kredit finanziert wurden, müssen nun wieder in einem schmerzhaften Prozess abgetragen werden.

Was macht die Presse in diesen schweren Zeiten? Sie macht – wie ich finde – das einzig Richtige und wendet sich der Soziologie zu! ;-) Wie schon oft zuvor in Krisensituationen entdeckt das deutsche Pressewesen plötzlich diese scheinbar so unbedeutende Wissenschaftsdisziplin, die so viel mehr kann als die einseitig auf Märkte und Modelle fixierte Ökonomie.

Aus diesem Anlass habe ich in den letzten Tagen und Wochen jene Zeitungs- und Online-Artikel zusammengetragen, in denen Soziologen zu dem Thema Finanzkrise befragt wurden, beziehungsweise in denen versucht wurde, anhand von soziologischen Konzepten die Krise zu verstehen und zu erklären. Hier eine kleine Auswahl:

Am Freitag, 10. Oktober schreibt die WELT: “Wie die Mittelschicht die Krise ausgelöst hat – Nicht nur Banker, auch die deutschen Soziologen fragen nach den Ursachen der Finanzkatastrophe. Ihre Antwort: Die Krise ist eine originäre Mittelschichtkrise. Nicht nur, weil davon mittlere Einkommen massiv getroffen werden, sondern auch, weil die Mittelschicht die Krise mit herbeigeführt hat. Weil sie meinte, es zu müssen.” (zum Artikel)

Ebenfalls am 10. Oktober erscheint ein Artikel in der NZZ: “Gier erklärt nicht alles – Die Finanzkrise am Deutschen Soziologentag in Jena – Die Suche nach den Ursachen des Desasters läuft. Beliebt sind psychologische Deutungen: Gier regiere den Finanzmarkt, Leichtfertigkeit bestimme den Umgang mit Risiken, übersteigerte Panik hingegen kennzeichne die Reaktion auf die Krise. Moralisten vermissen Ehrbarkeit und Seriosität; Zeitgeist-Diagnostiker beklagen eine Neigung zum Über-unsere-Verhältnisse-Leben; Soziologen rügen die Blindheit gegenüber unerwünschten Nebenfolgen des Handelns.” (zum Artikel)

Am Montag, den 13. Oktober, veröffentlicht die taz ein Interview mit Christoph Deutschmann, dessen Vortrag in Jena für Furore gesorgt hatte: “Geld erfüllt religiöse Funktionen – Wir müssen uns von der Fetischisierung des Geldes befreien, warnt der Soziologe Christoph Deutschmann.” (Artikel)

Ebenfalls ein Interview, allerdings mit Ulrich Beck (dass der auf diesem Themagebiet Experte sein soll, ist mir neu) erscheint am Mittwoch, 15. Oktober auf Spiegel Online: “Die Finanzkrise hat aus Schurken Helden gemacht – Milliardenhilfen für die Banken? Das darf nicht die einzige Folge der Finanzkrise sein, sagt der Soziologe Ulrich Beck im SPIEGEL-ONLINE-Interview. Er fordert: Der Staat muss die Chance nutzen, die Wirtschaft endlich wieder sozial und demokratischer zu machen.” (zum Artikel)

Die NZZ bemüht am 15. Oktober gar den Soziologen Erving Goffman: Trügerisches Vertrauen – Über die Finanzkrise und die Frage, wie aus Unglaubwürdigkeit Unwiderstehlichkeit wird – Das Gefühl, betrogen worden zu sein, haben derzeit vermutlich nicht wenige, die von der Finanzkrise betroffen sind. Es gibt aber «Betrügereien», die nur funktionieren, wenn die Opfer mitspielen – im «Vertrauensspiel». Der Schriftsteller Herman Melville und der Soziologe Erving Goffman könnten helfen, das «confidence game» besser zu verstehen. (zum Artikel)

Vorwärts – die sozialistische Zeitung (hätte nicht gedacht, dass ich die hier mal zitieren würde) veröffentlicht am Freitag, 17. Oktober ein “Interview zur Wirtschaftskrise mit: Thomas Sablowski, er ist z. Zt. Gastprofessor an der Universität Wien für Politikwissenschaft, Redakteur von PROKLA, der “Zeitschrift für kritische Sozialwissenschaft” und Mitglied im wissenschaftlichen Beirat von ATTAC.” Als Quelle dieses Podcasts wird “Radio Z, Nürnberg” angegeben (zum Podcast)

Herr Negt erklärt die Finanzkrise” heißt es ebenfalls am Freitag, 17. Oktober in der taz. Es geht um einen Vortrag im Charlottenburger Gottfried-Keller-Gymnasium von Oskar Negt, “seines Zeichens Soziologe und Philosoph, bekennender Alt-68er, Mitbegründer der berühmten Glocksee-Schule in Hannover, der einzig staatlich voll finanzierten Alternativschule in Deutschland, und: ehemaliger Absolvent eben dieses Gottfried-Keller-Gymnasiums in Charlottenburg. Titel der Veranstaltung: “Gespräche über die gefährdete Zukunft”. Die Leitfrage: Was hat die jüngste Finanzkrise mit Bildung zu tun? Konkreter könnte man auch sagen: In welchem Ausmaß kann Schule einen Beitrag zur Verhinderung einer solchen Krise leisten?” (zum Artikel)

Ebenfalls ein Interview mit Ulrich Beck publiziert die Märkische Allgemeine: ” Finanzkrise: Aus Verbrechern werden Polizisten – Der Soziologe Ulrich Beck gibt den Politikern die Schuld für den Banken-Crash – und hält sie für unglaubwürdig. (zum Artikel)

Wiederum und frei nach dem Matthäus-Effekt bemüht am Montag, 20 Oktober, die Welt Ulrich Beck. “Finanzkrise: Das Vertrauen in die Märkte ist gestört. Der Wunsch nach Sicherheit bremst dabei den Unternehmergeist – Die neue Angst vorm Risiko – Die Verunsicherung durch die Finanzkrise könnte dramatische Folgen für das wirtschaftliche Handeln haben” (zum Artikel)

Einen größeren Expertenstatus auf diesem Gebiet genießt sicherlich Jean Ziegler, der am 20. Oktober von der Frankfurter Rundschau interviewt wird: “Den Spekulanten das Handwerk legen – Der Schweizer Soziologe Jean Ziegler fordert Strafen für Wetten auf Nahrungsmittel und warnt vor den Wirkungen der Finanzkrise auf die armen Regionen der Welt.” (zum Artikel)

Nachtrag am 21. Oktober 2008:

Auch einige Blogger haben sich mit der Finanzkrise aus soziologischer Sicht beschäftigt. Zudem ein Artikel von Sven Gösmann (Rheinische Post):

Gösmann: In der Krise die Ruhe bewahren
Pala: Soziologisches zur Finanzkrise
SideEffects: These der Soziologie zur Finanzkrise
Querblog: Die Suche nach Schuldigen

Zudem möchte ich die Gelegenheit nutzen, um das neueste WordPress-Spielzeug auszuprobieren. In Zusammenarbeit mit PollDaddy können wir jetzt hier unsere eigenen kleinen Befragungen machen:

1 Response to “Was sagt die Soziologie zur Finanzkrise?”


  1. 1 René 28. October 2008 at 18:13

    “Wie die Mittelschicht die Krise ausgelöst hat” Naja, dann besteht ja in Dt. keine Wiederholungsgefahr, da die Mittelschicht ja verschwindet ;)


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