Warum verdienen Frauen weniger?

von Martin Booker

Zum heutigen Weltfrauentag wird eine altbekannte Sau durchs Dorf getrieben. Deutschland gehört zu den Ländern in der Europäischen Union, in denen Frauen noch am schlechtesten bezahlt werden. Das durchschnittliche Gehalt liegt hier bei gleicher Arbeit 23 Prozent unter dem von Männern, womit nur Österreich und Estland schlechter abschneiden. Schuld daran ist neben diversen strukturellen Faktoren, die etwa in diesem Artikel (Telepolis) erörtert werden, nicht zuletzt der Mangel an soziologischer Intelligenz, die fehlende Verbreitung eines soziologischen Blickes.

Der Zusammenhang wird klarer, wenn man einige andere Vorfälle in den vergangenen Jahren betrachtet. Gerade drei Monate ist es her, dass eine UN-Konvention das deutsche Sonderschulwesen aufbrach. Hunderttausende von geistig und körperlich behinderter junger Menschen werden in Deutschland immer noch von der Normalöffentlichkeit abgedrängt, trotz zahlreicher Studien, die dies als falschen Weg identifiziert haben, und trotz der Tatsache, dass fast alle europäischen Nachbarländer fortschrittlicher sind. Deutschland musste erst mit einer UN-Konvention auf den Weg rationaler Politik gezwungen werden.

Erst vor wenigen Jahren entdeckte die deutsche Öffentlichkeit, dass hier wie in kaum einem anderen Land der OECD der Bildungserfolg von der sozialen Herkunft abhängt. Auch hier gab es bereits vorher zahlreiche sozialwissenschaftliche Studien, die dies bemängelten, aber erst durch die vergleichende PISA-Studie wurde Handlungsbedarf erkannt. Wieder kam der Impuls von außen, wieder von einer als übergeordnet angesehenen Organisation.

Alle drei Beispiele haben ein gemeinsames Muster: Zunächst wird durch sozialwissenschaftliche Studien festgestellt, dass eine bestimmte Gruppe in einem bestimmten Bereich benachteiligt wird. Diese Studien werden jedoch von Politik und Medien nicht sonderlich ernst genommen, erfahren wenig Öffentlichkeit, und nichts oder nicht viel passiert. Fast alle anderen entwickelten Demokratien reagieren jedoch auf ähnliche Studien und entwickeln sich weiter. In Deutschland dauert es dann einige Jahrzehnte, bis irgendwann eine internationale Organisation an die nationale Politik herantritt und Änderungen einfordert. Noch ist dies für Frauen noch nicht geschehen, zumindest nicht in einem Ausmaß, dass Politik und Wirtschaft zum Handeln genötigt hätte. Im Gesamttrend gehört Deutschland zu den großen Profiteuren der Globalisierung, denn durch internationale Vernetzung werden gesellschaftliche Modernisierungsprozesse angestoßen, die ansonsten nicht stattfinden würden.

Warum jedoch versagt das System? Zunächst versagen die Akteure. Die Medien nehmen ihre Kontrollfunktion nicht wahr. Ihre Aufgabe wäre es, Missstände aufzudecken und deren Behebung einzufordern. Dasselbe gilt für die jeweilige politische Opposition. Hier fehlt offensichtlich eine Kultur der Kritik, des Hinterfragens und der Einforderung einer aufgeklärten Gesellschaft – also typische Elemente einer soziologischen Intelligenz. Politik und Medien versagen aber vor allem deshalb, weil diese Intelligenz nicht von den Bürgern eingefordert wird.

Es wird deutlich, dass die Sensibilität für Diskriminierung allgemein und im Vergleich mit anderen entwickelten Gesellschaften, niedrig ist. Tatsächlich wird diese Tatsache von den Erhebungen von Eurobarometer [PDF] bestätigt – auch hier gehört Deutschland zu den Schlusslichtern.

Der mangelnden Sensibilität liegt wiederum ein mangelndes soziologisches Interesse zu Grunde. Den Menschen ist zu wenig bewusst, wie sehr sie durch ihre Zugehörigkeiten zu bestimmten Gruppen definiert werden, wie sehr ihre Chancen und Möglichkeiten damit verbunden sind. Wie sollte es auch anders sein? Die Tradition des Privatismus sieht das Interesse an sozialen Zusammenhängen nicht vor. Die Mehrheit der Bürger interessiert sich vor allem für sozialstaatliche Absicherung, eine ordentliche Rente, ein solides Auto heimischer Produktion, einen Bausparvertrag und ein Feierabendbier.

Sind diese Mindestanforderungen erfüllt, ist Regierung gut. Ob nun Behinderte wider besserer Erkenntnis in Sonderschulen abgeschoben werden, ob Bildungserfolg durch soziale Herkunft bestimmt wird oder Frauen bei gleicher Arbeit deutlich weniger verdienen, ist nicht wichtig, solange man nicht selbst davon betroffen ist.

Bereits Almond und Verba diagnostizierten den Deutschen Anfang der 60er Jahre in ihrer berühmten Studie über die politische Kultur eine ausgeprägte Output-Orientierung und eine schwache Prozessorientierung. Dies bedeutet, dass die Bürger sehr daran interessiert waren, was für sie am Ende herauskam, aber wenig Interesse für die Prozesse von Politik zeigten, also wie Politik gemacht wurde und ob sie moralisch-ethischen Wertvorstellungen entsprach. Letzteres wiederum geht Hand in Hand mit dem soziologischen Blick, mit dem Interesse für (gesamt-)gesellschaftliche Zusammenhänge, und dafür, wie sie unser Leben bestimmen.

Die Impulse der 68er-Bewegung mögen hier einiges verändert haben. Doch offensichtlich nicht genug. Wie die obigen Beispiele zeigen, sind einige der Strukturen in Deutschland verkrusteter als fast überall anders.

Auf den Punkt gebracht: Die Tradition des Privatismus und das mangelnde Interesse an den Prozessen von Politik bedingt in Deutschland einen Mangel an soziologischer Perspektive, Sensibilität und Intelligenz. Dies wiederum führt dazu, dass Politik weniger rational-aufgeklärt gestaltet wird, sondern von Parteien vor allem erwartet wird, dass sie die materiellen Bedürfnisse ihrer jeweiligen Klientele bedienen. Dadurch ist Deutschland zu einem der Schlusslichter in einigen Bereichen moderner gesellschaftlicher Entwicklung geworden. Die Tatsache, dass Frauen deutlich weniger verdienen als Männer ist nur ein Aspekt dieser Rückständigkeit.

Wie kann man diese Rückständigkeit aufholen? Es wäre mit Sicherheit nicht falsch, mit der Verbreitung einer soziologischen Perspektive zu beginnen. Besonders wichtig erscheint mir ein sinnvoller Soziologie-Unterricht an Schulen, in dem vermittelt wird, hinter die Kulissen zu blicken, kritisch zu denken, die Welt zu hinterfragen und sich der sozialen Zusammenhänge bewusst zu werden, in die man tagtäglich eingebunden ist. Im 21. Jahrhundert werden dies die Schlüsselkompetenzen sein, die eine Gesellschaft braucht, um in einer komplex gewordenen Welt nicht den Verlockungen des Populismus oder der Ineffizienz einer Bananenrepublik zu verfallen. Deutschland hat keinen guten Start hingelegt.

4 Antworten zu „Warum verdienen Frauen weniger?“


  1. 1 Clemens 9. März 2009 um 22:44

    Wie kommt es denn, dass Soziologen in unserem Staat nicht gehört werden? Gibt es zu wenige?

  2. 2 Martin 16. März 2009 um 01:14

    Hallo Clemens, bitte entschuldige, dass ich jetzt erst auf deinen Kommentar antworte. Allerdings habe ich eigentlich im Text schon versucht, diese Frage zu beantworten. Ich glaube, dass die schwache Stellung der Soziologie in Deutschland auf ein Desinteresse an soziologischen Fragestellungen zurückzuführen ist. Ist man selbst versorgt – dies scheint nach meinem Erkenntnisstand für die Mehrheit der Bevölkerung zu gelten – zieht man sich in seinen Privatraum zurück und kümmert sich nicht um gesellschaftliche Belange.

    Woher aber kommt diese Kultur des Privatismus? Da kann ich selbst nur spekulieren. Möglicherweise hängt es mit dem Scheitern der demokratischen Bewegungen im 19. Jahrhundert zusammen. In Frankreich etwa mobilisierte eine Revolution die Massen und zog sie in die großen nationalen gesellschaftlichen Fragen hinein. In UK erkämpften sich die Radicals politische Rechte. In Deutschland hingegen scheiterte die 48er Revolution, stattdessen wurde das Land erst 1871 “von oben” vereint, ohne das Zutun gesellschaftlichen Engagements. Wie gesagt, nur Spekulation bzw. informierter soziologischer Instinkt. Wäre doch mal eine Seminar-/Magister-/Doktorarbeit wert!?


  1. 1 3vor10 Trackback zu 9. März 2009 um 09:59
  2. 2 Gastbeitrag: 3 x 1: Die (weibliche) Stimme, Gender und Politik in einem « homo sociologicus Trackback zu 9. März 2009 um 12:21

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