“Früher war so etwas nicht vorstellbar”

Ein Gastbeitrag von Robert Brumme

Wenn man die letzten Jahre zurückschaut, beschleicht einen das Gefühl, dass eine merkliche Zunahme von Amokläufen Jugendlicher zu verzeichnen ist. Ob diese Vermutung wirklich stimmt, ist schwierig zu beantworten, da es meist an den Journalisten liegt, welche Gewalttaten als Amoklauf bezeichnet werden, und welche nicht1 Wenn wir uns aber dieser Annahme hingeben (die nebenbei gesagt empirisch belegt werden kann) drängt sich die Frage auf, was die Gründe für die Häufung von Amokläufen an Bildungseinrichtungen sein könnten.

Werfen wir einen Blick in die aktuelle Presse scheint die Antwort zwar vielseitig aber immer eindeutig zu sein. Es sind die klassischen Monster der modernen Gesellschaft. Einige der Gründe muten bereits heute so bizarr an, dass man sich schon fast nicht mehr vorstellen kann, dass sie wirklich mal ernsthaft formuliert wurden. Aber sammeln wir doch einfach mal die Top 10 der ausschlaggebenden Gründe dafür, dass Jugendliche Amok laufen. 2

  1. Zu leichter Zugang zu Waffen

  2. Wachsender Egoismus und Desinteresse an Mitmenschen

  3. Gewalttätige Computer-/Videospiele

  4. Schwindender Einfluss und Interesse der Eltern auf/an ihren Kindern

  5. Gewaltdarstellung in Fernsehen/Nachrichten/Filmen

  6. Fehlende Zuneigung und soziale Einbindung

  7. Psychische Erkrankungen

  8. Nachlassende Verbindlichkeit von Normen und Werten

  9. Gewaltverherrlichende Musik

  10. Internet und andere neue Medien

Was ständig wiederholt wird, ist jedoch noch lange nicht wahr. Unser Ziel muss es sein, sich ernsthaft damit auseinander zu setzen, warum Jugendliche sich heutzutage eher dafür entscheiden (oder eher den Drang verspüren) Amok zu laufen als einen anderen Lösungsweg für ihre subjektiv oder objektiv erlebten Probleme zu finden. Wenn wir davon ausgehen, dass Ausgrenzung aus Peer-Groups, fehlende elterliche Zuneigung, Mobbing oder Depressionen bei jungen Menschen keine neuartigen Phänomene sind (was natürlich zu beweisen wäre), bleibt dennoch die Frage, warum es heutzutage eher passiert, dass ein Amoklauf die finale Lösung für persönliche Probleme zu sein scheint.

Psychologische Untersuchungen bei überlebenden Amokläufern und im Nachhinein angefertigte Profile haben dazu beigetragen, eine Liste mit Verhaltensmerkmalen der Täter zu erstellen: narzisstisch, beziehungsgestört, leicht kränkbar, sehr bemüht um Anpassung, geringe Frustrationstoleranz, plötzliche Verhaltenssprünge, Mangel an Nähe und Vertrautheit, Schwierigkeit Probleme zu erkennen und zu bewältigen.3 Die Liste ist selbstverständlich keine Bastelanleitung und auch nicht als Kontrollliste für Eltern zu verstehen; vielmehr handelt es sich um eine Art psychologisches Abbild des „Idealamokläufers” – für Vollständigkeit kann keine Haftung übernommen werden.

Gehen wir also davon aus, dass es auch früher schon Jugendliche mit Auffälligkeiten und Profilen dieser Art gab, dann bleibt die Frage, warum sich Amokläufe in den letzten zehn Jahren gehäuft haben. Und jetzt müssen wir unseren ganzen Mut zusammen nehmen und uns von dem schönen Gedanken trennen, der uns in den Medien verkauft wird, dass es eine einfache, monokausale Antwort gibt. Nein, die Antwort ist komplex und es kommt eine Vielzahl von Faktoren zusammen, die schließlich darin münden, dass ein Jugendlicher überhaupt den Gedanken entwickelt und die Möglichkeit hat, einen Amoklauf durchzuführen.

Wir haben also eine Person mit einer Vielzahl der oben beschriebenen Verhaltensstörungen mit unterschiedlich starker Ausprägung (die Gründe für die Entstehung dieser fällt dann eher in den Bereich der (Sozial-)Psychologie). Nun betrachten wir die Amokläufer der letzten Jahre und tragen ihre weiteren Gemeinsamkeiten zusammen.

  1. Mitglied im Schützenverein (Sportschütze) / Paintball/Softair-Spieler

Durch das reale Trainieren mit Schusswaffen erhöht sich die Zielgenauigkeit und die Vertrautheit mit Waffen allgemein. Hemmschwellen diese zu benutzen verringern sich und Abläufe werden automatisiert.

  1. Zugang zu Waffen

Jeder der Täter hat sich auf legalem oder illegalem Weg Zugang zu effizienten und relativ einfach zu bedienenden Mordwerkzeugen verschafft. Die Ermöglichung dieses Zuganges kann durch vorherrschende gesellschaftliche Rahmenbedingungen, Unachtsamkeit Dritter oder Kreativität der Täter erfolgen.4

  1. Konsum gewaltverherrlichender Filme und Spiele

Der Konsum von Medien, deren Inhalt von Gewalt und dem Ausleben oder Zufügen dieser gekennzeichnet ist, versorgt die Täter mit gewalttätigen Lösungsmöglichkeiten für ihre persönlichen Probleme. Sie erleben in Form Dritter (durch Filme) oder direkt (durch Videospiele), wie Protagonisten oder Spielfiguren in der Lage sind, Probleme mit Gewalt zu lösen. Dieser Punkt mag der Spielgemeinde nicht gefallen, ist aber extrem wichtig. Das Konsumieren von gewalttätigen Filmen oder Videospielen versorgt den Jugendlichen auf der einen Seite mit neuartigen (d.h. von den vorherrschenden abweichenden) Ansichten, wie Konflikte zu lösen sind.5 Es ermöglicht ihnen aber auch, einen Identitätswechsel zu vollführen. Sie haben die Möglichkeit, die Rolle übermächtiger Charaktere zu übernehmen, die sich von ihrer wahren Persönlichkeit in Selbstbewusstsein, Stärke und Macht unterscheiden. Das Erleben dieses Allmachtgefühls führt zu einem immer stärker werdenden Rückzug in eine zweite Realität – in eine unreale Fantasiewelt, die nach und nach zur realen Welt des potentiellen Amokläufers wird. Er beginnt die erlebten Lösungsstrategien für Probleme auf die reale Welt zu übertragen und verliert mehr und mehr die Hemmung, diese auch anzuwenden.

  1. Fehlende soziale Einbindung (zu Eltern / Peer-Groups)

Durch fehlende soziale Integration, sei es in einen Freundeskreis, in Vereine oder im Elternhaus hat der Täter die Möglichkeit seine Persönlichkeitsveränderungen und die Flucht in eine Scheinwelt zu verheimlichen. Dort wo soziale Kontakte fehlen, wird die Fähigkeit unbeachtet zu agieren, zu grübeln, vorzubereiten und schließlich loszuschlagen gefördert. Des Weiteren verstreicht durch die Ausgrenzung die Chance, den Jugendlichen auf der einen Seite bei ihrer Problembewältigung zu helfen, aber auch auf der anderen Seite, sie mit adäquaten Lösungsansätzen für ihre Probleme zu versorgen. Es gibt für sie einfach keine Möglichkeit mehr, Probleme zu verarbeiten, sie zu bereden und sie zu vergessen. Durch das Alleingelassen-Sein verengen sich die Gedanken des Täters irgendwann soweit, bis es nur noch einen Ausweg gibt, die subjektiv oder objektiv vorhandenen Konflikte zu lösen: mit Gewalt.

  1. Zugang zum Internet

Das Internet dient als Medium für Vielerlei: es ist (1) ein Ort, an dem die Jugendlichen ihre „wahre” Identität hinter sich lassen können. Dies kann bspw. über Chatrooms oder OnlineSpiele erfolgen. Hier können sie sich Eigenschaften zuschreiben und ausleben, die sie im wahren Leben nicht haben. Das Internet dient (2) als Informationsquelle einerseits für zurückliegende Amokläufe und als Tor zu jenen Seiten auf denen frühere Amokläufer auf das Level von Märtyrern gehoben werden aber auch (3) als Quelle für Informationen über den Bau von Bomben oder die Beschaffung von Waffen und Munition. Des Weiteren ist es (4) das am leichtesten zu bedienende Medium um Amokläufe anzukündigen oder um der Nachwelt Abschiedsbriefe bzw. Videos zu hinterlassen. Dies geschieht auch, um selber den erhofften Status eines Märtyrers zu erhalten.6

Eines soll noch klargestellt werden. Natürlich ist bspw. der Zugang zum Internet nicht zwingend nötig um die Idee zu entwickeln oder sich dem Drang hinzugeben, einen Amoklauf durchzuführen. Das Internet und moderne Unterhaltungstechnologie sind vielmehr erleichternde Momente, wenn es darum geht die Realität hinter sich zu lassen um sich in eine Scheinwelt zu flüchten – sie erleichtert diesen Vorgang nicht unwesentlich. Wie gesagt, das was hier zusammengetragen wurde, spiegelt die Vorgehensweise und die Einflussfaktoren des idealtypischen jugendlichen Amokläufers wieder. Das Streichen einzelner Punkte aus der obigen Liste würde vermutlich nicht ausreichen, um Amokläufe zu verhindern.

Sämtliche jugendliche Amokläufer der jüngeren Zeit erfüllen ausnahmslos (so gut wie) alle der oben angeführten Punkte. Zwei Fragen können wir nun versuchen zu beantworten: (1) Warum treten Amokläufe von Jugendlichen an ihren Bildungseinrichtungen in den letzten Jahren so gehäuft auf und (2) welchen Effekt hat es, wenn den öffentlich formulierten Forderungen nachgekommen wird, die fast immer nur einen der oben genannten Punkte ansprechen.

Zu (1): Es ist für Jugendliche heutzutage viel einfacher, sich in Fantasiewelten zu flüchten oder sich allgemein aus der Realität und aus sozialen Bindungen zurückzuziehen als früher. Dies liegt einerseits an den Charakteristika der Moderne (Individualisierung, Enttraditionalisierung, Embedding), andererseits an der Bereitstellung moderner Medien und deren uneingeschränkte Nutzbarkeit. So ist es mit Hilfe von Filmen, Videospielen und Internet viel einfacher, sich eine zweite unreale Welt zu schaffen als es bspw. vor 50 Jahren war. Ein Knopfdruck genügt, um sich in eine Fantasiewelt zu begeben, in der man sämtliche gewünschten Eigenschaften und Fähigkeiten erhalten kann ohne sie in der Realität wirklich zu besitzen. Sicherlich kann man behaupten, dass es auch früher Bücher oder Theaterstücke gab, die Gewalt enthielten – dies ist unbestritten – aber die heutige Zeit mit den modernen Medien zeichnet sich dadurch aus, dass alles permanent verfügbar ist. Man hat jederzeit die Möglichkeit sich einer Scheinwelt hinzugeben und Fantasien zu entwickeln und auszuleben. Dies geschieht umso einfacher je mehr Sinne bedient werden und je größer der Anteil der Fantasiewelt im Vergleich zur „realen” Welt wird. Real wird das, was ich permanent erlebe. Und wenn Gewaltdarstellungen dauerhaft auf einen sozial nicht eingebundenes Individuum treffen, dem ein gefestigter Geist fehlt, dann kann das, was auf dem Bildschirm erlebt wird, real werden. Der Bildschirm wird zu einer Art Ersatz-Sozialisierungsinstanz, welche dem Jugendlichen mit Lösungsmöglichkeiten für seine Probleme versorgt. Wenn diese auf die reale Welt übertragen werden, kann ein Amoklauf die Folge sein. Darüber hinaus ist es heutzutage aufgrund der geringeren sozialen Integration einfacher, diese Flucht in eine Fantasiewelt vor Anderen zu verstecken.

Zu (2): Ob ein monokausales Einwirken auf einen der oben genannten Punkte wirklich einen Effekt auf die Häufigkeit des Auftretens von Amokläufen haben kann, ist für mich nicht möglich zu beantworten. Und selbst wenn ein totales Verbot von bspw. Waffen oder Videospielen die Eintrittswahrscheinlichkeit von Amokläufen verringern könnte, wäre damit nicht das Problem als solches gelöst. Die Ursachen, die dazu führen, dass junge Menschen sich überhaupt erst zurückziehen und sich auf die Suche nach einer zweiten Realität begeben oder sich eine Fantasiewelt erzeugen, wären damit nicht beseitigt. Jedoch wird dieses „Wurzelproblem” kaum in der Öffentlichkeit thematisiert.

Verlauf Amoklauf

Robert Brumme ist Masterkandidat an der Uni Rostock [Institutsseite] und Autor des Buchs „Amok – Amokläufe Jugendlicher an ihren Bildungseinrichtungen – Erklärungsansätze mit Hilfe soziologischer Theorien” (2007, verlinkt zu amazon). Kontakt: robert.brumme[at]homosociologicus.de.


1 Zu einer genauen Klassifikationsdefinition der Gewalttat „Amoklauf” siehe: Adler, Lothar (2000): „Amok – eine Studie”, S. 50

2 Diese Liste ist mehr als ein Gedankenprotokoll der meistgenannten Gründe und Forderungen in der Öffentlichkeit nach Amokläufen in den letzten Jahre zu verstehen

3 Theisen, Manfred (2004): „Amoklauf an Schulen” | Adler, Lothar (2002): „Und dann ist er Rambo”, im Spiegel-Interview, online einzusehen unter: http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,194799,00.html

4 Wie bspw. die selbstgebauten (Rauch-)bomben von Bastian Bosse oder Erik Harris & Dylan Klebold

5 Dies kann nur geschehen, wenn a) die Einbindung in das gesellschaftliche Gefüge gering ist (andere Lösungsmöglichkeiten also nicht erlernt wurden oder verdrängt werden können) und b) eine Fantasiewelt erschaffen wurde, in der diese Lösungsstrategie erfolgreich zur Anwendung gebracht werden können.

6 Bspw. Cho Seung-Hui, Pekka-Eric Auvinen, Bastian Bosse

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14 Responses to ““Früher war so etwas nicht vorstellbar””


  1. 1 Andreas Kemper 17. March 2009 at 00:36

    Der Ansatz ist gut, aber der gemeinsame Habitus in einer gemeinsamen sozialen Position wurde nicht mit aufgelistet:

    Die Amokläufer kommen meines Wissens aus einer gut situierten Mittelschicht und sind männliche Jugendliche. Ihr jugendlicher Mittelschichts-Männlichkeits-Habitus ähnelt sich, stellt eine Gemeinsamkeit dar.
    Ebenso ist ihre soziale Position ähnlich. Sie sind noch Kinder, leben im Elternhaus, haben aber wenig Aussichten, die selbe soziale Position zu erreichen wie ihre Eltern. Sie sind Absteiger.

    Junge Mittelschichts-Männer, die wenig Perspektive haben die gleiche Perspektive wie ihre Eltern zu erreichen, hat es immer schon gegeben. Aber nie war es so “schlimm” wie heute, ein “Looser” zu sein, nie gab es so wenig Möglichkeiten, sich der marktgesellschaftlichen Wertesetzung zu entziehen.

    Soziale Isolation, Zugang zu Waffen und Trainieren im Internet führen zur “Lösungsmöglichkeit” Amoklauf. Die deutsche Geschichte hat gezeigt, dass von Deklassierung bedrohten jungen Mittelschichtsmännern größere Gefahren ausgehen können als isolierte Amokläufe.

  2. 2 Robert Brumme 17. March 2009 at 01:25

    Ich denke, dass dein Hinweiß auf die Ähnlichkeiten der jugendlichen Amokläufer im Hinblick auf ihre(n) soziale(n) Status/Position korrekt ist. Ebenfalls der Bezug zum Druck der Konkurrenz- und Erfolgsgesellschaft. Den letzten Absatz lass ich mal lieber unkommentiert.

    Eine interessante Frage wäre ebenfalls, warum wir keine Amokläufe von Jugendlichen aus den untersten Schichten der Gesellschaft erleben. (mir sind jedenfalls keine bekannt). Ist hier der Erfolgs- und Erwartungsdruck zu gering, die Ausgrenzung seltener, oder bestimmte Einflussfaktoren (wie oben erwähnt) nicht vorhanden?! spannende Frage

  3. 3 Andreas Kemper 17. March 2009 at 03:26

    Warum sollten Jugendliche aus der Unterschicht Amok laufen? Frauen aus der Mittelschicht laufen auch nicht Amok. Nicht mal alleinerziehende Mütter.

    Spannender als die Frage, warum bestimmte Gruppen nicht Amok laufen, ist die Frage, warum sich Amokläufer aus den jungen Männern der Mittelschicht rekrutieren und vor allem: warum dies in den gesellschaftlichen Debatten nicht fokussiert wird.

    Natürlich kann man auch fragen, warum Hauptschüler nicht Amok laufen. Aber Hauptschüler werden sowieso schon über Gebühr als Problemfälle behandelt. Jetzt sind sie es mal nicht und dann wird gefragt: warum laufen die denn nicht Amok???

    Ich plädiere dafür, nach den ganzen Klassismen der letzten Jahre (Mißfelder und Co) endlich einmal die schöne heile Welt der Mittelschicht zu problematisieren.

  4. 4 Stefan Spiess 17. March 2009 at 11:54

    Im Gegenteil: Genau die Frage, warum die anderen 99,99% der Jugendlichen, die auch Demütigungen, Ängsten und Gewalt ausgesetzt sind, nicht Amoklaufen, ist doch spannend.
    Amoklauf ist nur ein Weg von vielen, “Druck abzulassen”. Andere junge Menschen betreiben fleissiges Komasaufen, werden magersüchtig oder verletzen sich anderweitig selbst. Junge Männer schlagen schwächere, junge Frauen tun das mittlerweile auch.
    Junge Frauen laufen auch Amok. Anders, als in unserem Kulturkreis, aber sie tun es, inklusive Selbstmord: Junge religiöse Fanatikerinnen sprengen sich in die Luft und nehmen dabei reihenweise “Unschuldige” mit, die in ihren Augen sehr wohl “Schuldige” sind.
    Eine erstaunliche Parallele zu unseren “Amokläufern”: Die gehen da hin, wo sie ihrer Meinung nach am schlimmsten gedemütigt wurden, und wo sich alle der “Nichtbeachtung” ihrer wichtigen Probleme schuldig gemacht haben.
    Klingt komisch, könnte aber so sein.

  5. 5 Andreas Kemper 17. March 2009 at 17:47

    @ Stefan Spiess

    Bei den “Amokläufern” handelt es sich um junge Männer aus der Mittelschicht, die objektiv oder subjektiv deklassiert sind.

    Ich finde es bedenklich, wenn hiervon immer wieder abgelenkt wird. Zumal es in den Medien ein erschreckendes Bashing gegen Familien und Jugendliche aus der sogenannten “Unterschicht” gibt.

    Zudem glaube ich nicht, dass sich fundamentalistisch orientierte Selbstmordattentate mit Amoklauf gleichsetzen lassen.

    Es ist schon erschreckend: selbst jetzt, wo sich wieder zeigt, dass die schöne heile christliche Mittelschichtswelt imstande ist, mordende Jugendliche hervorzubringen, wird wieder auf die alten Feindbilder rekurriert: Unterschicht und Islam.

  6. 6 Robert Brumme 17. March 2009 at 22:34

    Vielleicht verzerrst du selber etwas dass Bild. Wir versuchen nicht die “heile christliche Mittelschichtswelt” zu verdteidigen, oder von etwas abzulenken. Dennoch: Jugendliche Amokläufer kommen scheinbar sogut wie nie aus der sogenannten Unterschicht. Warum dies so ist, wäre soziologisch sehr interessant. Und zwar nicht unter dem Gesichtspunkt “wo ist denn die Unterschicht, warum laufen die denn nicht Amok” sondern weil sich so vielleicht neue Erklärungsansätze auftun. Und zwar indem man die Gründe dann umkehrt, und schaut ob sich die Erklärungen warum die “Unterschicht” nicht Amokläuft als Gründe anwenden lassen warum gerade in der Mittelschicht Amokläufe auftreten. Zu den Fundamentalisten. Klar gibt es unterschiede – trotzdem auch gemeinsamkeiten in dem Verhalten. Es sind beides homizidale-suizidale Gewalthandlungen. Gerade das Abgrenzen des Amoklaufes von den Taten der Fundamentalisten liefert uns interessante Einsichten … naja solangsam wird der Platz eng … ich hör ertsmal auf =)

  7. 7 Andreas Kemper 17. March 2009 at 22:47

    Ich möchte dies nocheinmal hinterfragen.

    Warum wird dann, wenn festgestellt wird, dass die Täter aus der Mittelschicht kommen, gefragt: warum kommen sie nicht aus der Unterschicht?

    Weshalb drängt sich diese Frage auf?

    Weshalb wird nicht gefragt: Warum kommen die jugendlichen Täter nicht aus der Oberschicht?

    Oder besser: Warum bleibt man nicht ersteinmal einfach bei der Frage, warum die Täter Männer aus der Mittelschicht sind?

    Dann, in einem zweiten oder dritten Schritt kann man natürlich auch fragen, warum sie nicht aus der Oberschicht (oder Unterschicht) kommen.

    Der direkte Verweis auf die Unterschicht erscheint mir allerdings so, als wolle man sagen: Nanu, die jungen Männer aus der Unterschicht sind doch eigentlich die Problemfälle. Warum ballern die denn nicht durch die Gegend? Und das ist meiner Meinung nach eine unzulässige klassistische Zuschreibung.

  8. 8 Robert Brumme 18. March 2009 at 00:02

    Mit meiner Frage nach der Unterschicht wollte ich keinerlei Wertung vornehmen. Du hast vollkommen Recht wenn du nach der Amokgefahr von Jugendlichen aus der Oberschicht fragts. Wenn wir allerdings davon ausgehen, dass bestimmte Faktoren wie Ausgrenzung, Scheitern oder nicht zu realisierende Zukunftswünsche das Amoklaufen möglicherweise mitstimulieren sind diese Zustände vermutlich eher bei Jugendlichen der unteren Schichten als in der Oberschicht zu finden.
    Eigentlich stimmen wir doch überein: die Frage lautet: “warum (fast) nur männliche Jugendliche aus der Mittelschicht”. Diese Frage können wir vielleicht besser bewantworten, wenn wir ebenfalls fragen, “warum nicht aus den anderen Schichten?” – das Problem also von hinten aufrollen.
    PS: kann eine schichtabhängige Frage eine klassistische Zuweisung sein?! =)

  9. 9 Soziobloge 2. April 2009 at 09:27

    Meine Theorie, warum es keine Amokläufer aus der Unterschicht oder Oberschicht gibt, ist die Folgende. Kinder aus der Unterschicht können einerseits nur gewinnen, sofern sie es schaffen, wenigstens ein wenig aufzusteigen. Andererseits haben viele schon direkt aufgegeben, weil ihnen klar ist, dass man mit einem Hauptschulabschluss oder schlechter nichts erreichen kann. Vielleicht wird das nicht mal erwartet in diesen Kreisen. Für ein Kind der Mittelschicht ist einerseits der Erwartungsdruck größer und zweitens die Möglichkeiten beschränkter ihre Eltern zu überflügeln. Vor allem wenn diese es relativ weit gebracht haben. Die Erwartungen werden also relativ spät enttäuscht. Die Oberschicht hat schlicht kein Interesse daran. Hier kann man auch von Beruf Sohn sein und das Leben genießen oder hat Zugang zu exklusiven Kreisen, die ein Scheitern fast unmöglich machen.

    Kurz gesagt, die Mittelschicht ist die Einzige, die etwas zu verlieren hat.

    Soweit meine Theorie dazu.

    • 10 Andreas Kemper 10. May 2009 at 13:30

      Ich fasse es nicht.

      Es geht NICHT um die Frage, warum Kinder aus der sogenannten Unterschicht nicht Amoklaufen.

      Es geht um die Frage: WARUM LAUFEN NUR JUGENDLICHE AUS DER MITTELSCHICHT AMOK!!!

      Für mich ist die Hartnäckigkeit mit der dieser Frage ausgewichen wird, inzwischen selber zu einem soziologischen Untersuchungsgegenstand geworden.

      Vielleicht kann ich ja die Sperre, mit der mein Hinweis belegt wird auch anders verdeutlichen.

      Wenn in einer U-Bahn ein älterer Mann von zwei Migranten-Kindern verprügelt wird, dann wird als allererstes herausgehoben, dass es sich um Migranten-Kinder aus der Unterschicht handelt. Es wird dann untersucht, weshalb die Migranten-Kinder aus der Unterschicht so gewalttätig sind, es wird über eine neue Ghetto-Kultur gefachsimpelt, Abschiebungen werden erleichtert und so weiter. Es wird NICHT gefragt: Nanu, warum schlagen eigentlich Mittelschichtskinder nicht alte Männer in U-Bahnen zusammen. Mittelschichtskinder unterliegen doch einem sehr viel höheren Leistungsdruck, haben das Marktdenken sehr viel mehr verinnerlicht, denken sehr viel demographischer.

      Warum also kann man hier nicht beim eigentlichen Thema bleiben: Was läuft bei Mittelschichtskindern falsch?

  10. 11 PopUp 15. May 2009 at 11:12

    Hallo in die Runde!
    Sehr spannende Diskussion.
    Ich würde gern meinen Senf dazugeben:

    Ich finde, Soziobloge bringt`s auf den Punkt: Mittelschichtkinder haben WAS ZU VERLIEREN oder haben es bereits verloren – die Anerkennung ihrer Eltern etwa. Und für sie stellt sich dieser Verlust als weitgehend alternativlos dar.

    “Unterschichtler” (was für eine grottiges Wort) sind mit dieser Situation a) vertraut, b) haben sich aus genau diesem Grund ihre Alternativen bereits gesucht (allg. Abhängen ist zudem noch schichtintern akzeptiert) und c) sollte man auch den eher beschränkten Zugang zu Tatmitteln nicht vernachlässigen – Ein Hartz4-beziehender Vater wird wohl eher selten im Schießverein anzutreffen sein – schon weil es hier um ein relativ kostspieliges Hobby handelt.”

    Entscheidend scheint mir aber der Faktor Apathie: Wie schon in der legendären Marienthal-Studie festgestellt wurde, führt langanhaltende Arbeitslosigkeit zu Apathie und Resignation, die sich darüberhinaus auch auf die Kinder überträgt: Man revoltiert nicht mehr in diesem Stadium.

    Oberschichtkinder werden nichts verlieren, auch da ist Soziobloge zuzustimmen. Man könnte es auch “Wohlstandsapathie” nennen. :-)

    @Kemper: Auf welchem Weg man zu einer Erkenntnis kommt (induktiv oder deduktiv), das liegt doch im Ermessen des jeweils sich den Kopf zerbrechenden. Wenn du schon so engagiert auf der Induktionsschiene beharrst, dann wären Thesen, die man diskutieren kann, doch schonmal ein guter Anfang…

    LG
    J.

  11. 12 Yadgar 15. June 2010 at 16:32

    Vor 30 Jahren wären frustrierte Mittelschicht-Jugendliche nicht Amok gelaufen, sondern wären in die alternative Gegenkultur aus- und aufgebrochen – was in manchen Fällen (autonome Szene) zu Steinwürfen auf Polizisten geführt hätte, meistens aber unvergleichlich viel gewaltärmer abgelaufen wäre als ein Amoklauf, zumal die Alternativkultur mit ihren Projekten, selbstverwalteten Betrieben und Landkommunen auch umfassende lebensweltliche Alternativen zur bürgerlichen Normalbiographie anbot.

    Hat die Flucht in diese nihilistische Selbst- und Fremdzerstörung der Amokläufe ihre Ursache daran, dass die Alternativbewegung ein Ein-Generationen-Phänomen geblieben und folglich längst selbst saturiert und verbürgerlicht ist, sind Mittelschichtjugendliche im Gegensatz zu ihren Altersgenossen um 1980 herum heute schon derart vom ökonomistischen Denken deformiert, dass sie, selbst wenn es noch Reste alternativer Lebensformen gäbe, gar kein Interesse daran hätten?

    Bis bald im Khyberspace!

    Yadgar

  12. 13 Herbert 24. October 2010 at 12:04

    Als trainierter Sportschütze ärgert mich die Unkenntnis, mit der hier “analysiert” wird. Der Täter von Winnenden hat mindestens 20.000 Schuss an einer Grosskaliberwaffe hinter sich, “einfach so” Kopfschüsse zu produzieren, erfordert intensivstes Training. Das lernt man nicht mit “der Vater hat das dem Sohn im Keller gezeigt”. Das war ein Profi mit SEK- oder Personenschützerqualität von den Schiessleistungen her.

    Der Täter läuft noch frei rum dank Leuten wie Ihnen, die ihm so eine schöne Deckung geben mit peinlichen Artikeln wie diesem hier. Und natürlich dank dem Gericht, das die Ermittlungen deckt. Aber vielleicht kennt der Richter die Täter und hat auch nur Angst.

    Mich geht es nichts an. Aber solche Massenmode werden sich wiederholen, weil “es funktioniert”.


  1. 1 Innenminister beschließen Verbot von Killerspielen - Seite 9 - Die Hardware-Community für PC-Spieler - PC GAMES HARDWARE EXTREME Trackback on 9. June 2009 at 17:39

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