Übersetzer gesucht. Sprachen: Deutsch, Akademisch

Katharina Kaiser unterzieht die wissenschaftliche Blogosphäre einer linguistischen Analyse.

Ralph Dahrendorf hat in seiner Rede zum 40. Geburtstags des WZB einen wichtigen Appell hervorgebracht, in dem er sagt, die Wissenschaft müsse der Öffentlichkeit nicht nur zugänglich gemacht, sondern deren dynamischer Austausch untereinander auch bewusst gefördert werden. Seiner Ansicht nach seien hier weniger die Fachzeitschriften als die allgemeinen Medien wichtig. Bei der Frage, wie die heutige Wissenschaft in Zeitung, Radio, Fernsehen und Internet mit der Öffentlichkeit kommuniziert, glaube ich auf eine Unerhörtheit gestoßen zu sein.

Ohne mich auf eine ausgedehnte Analyse einlassen zu wollen, beschränke ich mich hier zunächst auf zwei Beobachtungen: Ein Text wissenschaftlichen Inhalts wird der Öffentlichkeit in den meisten Fällen auf zwei verschiedene Arten präsentiert. Eine Variante sind jene wissenschaftlichen Texte, die in gekürzter aber sprachlich nicht bedeutend veränderter Form an den Benutzer weitergegeben werden. Dabei wird von einem gewissen Vorwissen des Lesers ausgegangen, das zum Verständnis des Textes erforderlich ist. Die Texte sind in einer Fachsprache verfasst, die sich unter anderem durch technische Ausdrücke und einen für die Wissenschaft typischen unpersönlichen Schreibstil auszeichnet. Diese Art von Texten findet man in Fachzeitschriften, aber auch in manchen „high brow” Tages- und Wochenzeitungen.

Die andere Variante ist jener Text, der so adaptiert ist, dass er ein möglichst breit gefächertes Publikum erreicht, das kaum über Vorwissen verfügen müssen, um den Text zu verstehen. Bei diesen Texten handelt es sich in der Regel leider nicht mehr um eine Originalfassung des Wissenschaftlers, sondern um den Artikel eines Zeitungsredakteurs oder Journalisten, der in seinen eigenen Worten den Inhalt des wissenschaftlichen Textes wiederzugeben versucht. Dies führt oft zu verschwommenen bis hin zu verfälschten Inhalten, bei denen Kernaussagen ausgelassen oder andere Schwerpunkte gesetzt werden. Beispiele finden sich vor allem in „low-brow” Zeitungen.

Dann gibt es für Interessierte selbstverständlich noch ein reiches Repertoire an Dokumentarfilmen oder Internetportalen, wo man eine Mischung dieser beiden Stile durchaus finden kann und das Material hervorragend und anschaulich aufgearbeitet ist. Diese Quellen werden aber nicht von der breiten Öffentlichkeit genutzt und können somit nicht zu den „allgemeinen Medien” gezählt werden.

Wo sind in dieser Einteilung wissenschaftliche Blogs einzugliedern? Um dies beantworten zu können, muss zuerst die wichtigste aller Fragen gestellt werden, nämlich die nach dem Empfänger: Wer ist die Öffentlichkeit? Vor welchem Publikum versuchen wir unsere Ideen zu präsentieren?

Wenn wir von so einem schwammigen Begriff wie der „Öffentlichkeit” sprechen, stellen sich die meisten einen „ganz normalen Durchschnittsmenschen” vor (was für ein furchtbares Wort). Bei dieser Vorstellung laufen wir Wissenschaftler glaube ich oft Gefahr (bescheiden wie wir sind), uns selbst als den „Durchschnittsmenschen” zu betrachten. Wenn wir an uns Wissenschaftlern das Niveau eines „Durchschnittsbürgers” orientieren, dann muten wir dem tatsächlichen „Durchschnittsmenschen” allerdings wirklich einiges an Kauderwelsch zu.

Erst neulich bin ich in einem Seminar über die Sprache wissenschaftlich-technischer Texte selbst in die Falle getappt, als ich darauf beharrt habe, dass eine Werbereportage aufgrund ihres niedrigen Schwierigkeitsgrades kein wissenschaftlicher Text ist (man beachte, ich habe somit den wissenschaftlichen Text gerade dadurch definiert, dass er für Laien unverständlich ist) Ich wurde dann von meiner Dozentin darauf hingewiesen, dass ein Text, nur weil wir Akademiker ihn verstehen, deswegen nicht gleich „leicht” ist. Klingt logisch, tatsächlich ist mir aber zum ersten Mal klar geworden, warum ich mich für meine nicht studierten Eltern und Freunde teilweise anhöre als käme ich vom Mars. Und dass liegt nicht etwa an deren Dummheit, sondern an meiner eigenen Unfähigkeit (und Arroganz?), mich auf mein „Publikum” einzustellen.

Projizieren wir das Ganze auf eine gesellschaftliche Skala, so stellt sich die Frage, ob die unnötige Verwendung komplizierter Fachterminologie in diversen Medien dazu führt, dass die breite Öffentlichkeit mit einer wissenschaftlichen Herangehensweise, oder einem „soziologischen Blick” vielleicht nichts anzufangen weiß. Wenn dies so ist, wer oder was könnte zwischen der Öffentlichkeit und der Wissenschaft „vermitteln”?

Hier kommen Dahrendorfs „öffentliche Intellektuelle” ins Spiel, denn der Schlüssel liegt vielleicht wirklich in der Kommunikation. Um eine Brücke zwischen der Wissenschaft und der Öffentlichkeit zu bauen, müssen Wissenschaftler und Nicht-Wissenschaftler einen Weg finden, sich untereinander zu verständigen. Wissenschaftler könnten ihren Beitrag dazu leisten, indem sie endlich von ihrem hohen Ross herunterkommen, und aufhören eine Wolke unverständlichen Wortschwalls von sich geben. Stattdessen sollten sie versuchen, ihre Kompetenz dadurch unter Beweis zu stellen, dass sie ihre theoretischen Überlegungen praktisch anzuwenden wissen und sie somit auch Laien ihres Gebietes verständlich machen können. Dabei brauchen wir uns keine Sorgen darum zu machen, dass das Niveau der Wissenschaft sinken könnte. Es geht nicht darum, generell auf Fachsprache zu verzichten, sondern seinen Stil der Situation anzupassen und, dort wo es angebracht ist, seinen Akademikerstolz hinten anzustellen.

Welche Schlussfolgerungen können wir Blogger aus dieser Überlegung ziehen?

Nun, wir müssen uns überlegen, wen wir mit unseren Blogs ansprechen wollen. Bisher scheinen die meisten Blogs auf ein sehr klar definiertes Publikum abzuzielen, dass die breite Öffentlichkeit, zumindest nach sprachlichen Kriterien, ausschließt. Ich bin schon, nichts Böses ahnend, in Studentenblogs auf Kommentare gestoßen, in dem ein angehender Wissenschaftler ein halbes Fremdwörterbuch ausgekotzt hat, und Schuld an der Verdauungsstörung scheint ein sich im Lesetrakt verhedderter Schachtelsatz gewesen zu sein.

Ausschlaggebend für die Bestimmung des gewünschten Publikums ist selbstverständlich das Ziel, das man mit seinem Blog verfolgt. Wollen wir zu einer offenen Diskussion einladen, oder zu einer Ratsitzung unter Kollegen? Für viele Blogs (auch für homosociologicus?) bedeutet das möglicherweise, die eine oder andere Umstrukturierung in Betracht zu ziehen.

Nicht zuletzt könnte die neue Rolle der Öffentlichkeit nicht nur als Diskussionspartner, sondern als direkter Entscheidungsträger in aktuellen wissenschaftlichen Fragen, möglicherweise zu mehr Verantwortungsgefühl und Handlungsbereitschaft derjenigen Interessengruppen führen, die an der öffentlichen Diskussion bisher nur schwach beteiligt sind. Manche werden argumentieren, dass für wichtige Entscheidungen eine hohe Kompetenz von Nöten ist, und dafür seien ja schließlich die Experten da. Sicherlich ist die Öffentlichkeit, so wie wir sie heute kennen, nicht in der Lage, langfristig gesunde gesellschaftliche Entscheidungen zu treffen. Eine neue Generation von „öffentlichen Intellektuellen” könnte aber auch eine neue gebildete Öffentlichkeit nach sich ziehen, die in einer Art Symbiose zusammenarbeiten könnten. Utopie?

Und jetzt nochmal für dich, liebe Omi: Ich habe mir heute ein paar Gedanken darüber gemacht, wie kompliziert ich und meine Kollegen immer sprechen. Ich glaube, dass wir uns oft nicht viel Mühe geben, unsere Ideen auch anderen Leuten zu erklären. Das ist schade und unfair, weil unsere Arbeit meistens sehr viel mit diesen anderen Leuten zu tun hat. Ich würde mich gerne auch mit dir darüber unterhalten, was ich in meinem Studium so lerne. Was denkst du darüber?

52 Antworten zu „Übersetzer gesucht. Sprachen: Deutsch, Akademisch“


  1. 1 Stefan Spiess 18. März 2009 um 10:48

    Aber wie können wir Wissenschaftler dann noch den Pöbel von den Universitäten fernhalten? Und was machen wir mit unseren schönen deutschen Hauptschulen? Sollen die etwa dann später mit meinen elitären Mittelschichtskindern gemeinsam lernen und am Ende genauso viel wissen? Verdammt, da läuft gerade etwas schief im deutschen Bildungs-Apartheids-System.

  2. 2 Thomas 18. März 2009 um 11:01

    Ich glaube die Ursache für Wissenschaftskauderwelsch gefunden zu haben: In jahrelangen empirischen Studien konnte ich ein Distinktionsbedürfnis der forschenden Elite feststellen, welches sich in wissenschaftlich-technisch-verquaster Sprache manifestiert.

  3. 3 Stefan Spiess 18. März 2009 um 11:45

    Hehe. Also Howard S. Becker schreibt in “Professionelles Schreiben in den Sozial- und Geisteswissenschaften” von einer Studentin, die ihm mal erklärt hat (in einem Aufsatz) dass sie so schreibt, weil die ganzen Leute die an der Uni was zu “sagen” haben auch so schreiben und reden.

    Oder um in deine Ode an die Wichtigtuerei mit einzustimmen:
    Wenn ich “großer Haufen …” mit “beachtliche Ansammlung von Exkrementen mit hochgradig intensivem olfaktorischen Einschlag” umschreibe, dann klingt das fast, als ob ich als Bildungsmensch weit weg von den Alltäglichkeiten des Volkes bin. Cool. Aber: Auch der Papst … nur auf einen Topf. ;)

  4. 4 lunamovo 21. März 2009 um 10:44

    Auch im Bereich Geschichte tritt diese Problematik immer wieder auf. Die dt. Historikerzunft schaut auf einen herab, der für die Öffentlichkeit schreibt. Hier spielt wohl der hohe Wissenschaftsanspruch und die hohen Wissenschaftsstandards der Geschichtswissenschaftler eine wichtige Rolle.

    Daraus ergibt sich die Frage: Welchen Wert hat die Geschichte für die Gesellschaft, wenn die Ergebnisse der Historiker sie nie erreichen?

    In England und USA sehen es die Historiker ganz anders: Sie bleiben wissenschaftlichen Standards treu und schreiben dennoch für die Öffentlichkeit. Die angelsächsischen Historiker sind eben pragmatischer, während ihre deutschen Kollegen idealistischer eingestellt sind.

  5. 5 Katharina 21. März 2009 um 11:26

    @lunamovo:
    Richtig! Und, nicht zu vergessen: Terry Jones’ geniale Doku-Serien “Medieval Lives” und “The Barbarians” u.a… Sehr zu empfehlen!

  6. 6 Martin 21. März 2009 um 11:56

    @ lunamovo:
    Da ich diese Zeilen aus Edinburgh schreibe: Übrigens auch in Schottland!

    Vielleicht sollte man sogar weiter gehen und die Wissenschaftlichkeit jener Elfenbeinturm-Akademiker in Frage stellen. Denn Wissenschaft ist – grob gesagt – was Wissen schafft. Und wer Wissen schafft, das keiner versteht, ist vielleicht gar kein richtiger Wissenschaftler oder -beschaffer.

    Das ist natürlich überspitzt formuliert, aber ich finde man sollte durchaus über diesen Aspekt von Wissenschaftlichkeit nachdenken. Hier an der University of Edinburgh etwa werden schon die Undergraduates dazu angehalten, einen lesbaren Schreibstil zu pflegen. Man drückt Ihnen C Wright Mills’ Sociological Imagination und Howard S Beckers Writing for Social Scientists in die Hand und lenkt sie durch feedback in die entsprechende Richtung. Gibt es eine deutsche Uni, die etwas vergleichbares in dieser Systematik macht?

  7. 7 Katharina 21. März 2009 um 12:47

    Die Romanistik der Uni Regensburg bietet eine Übung zum Thema “Wissenschaftliches Schreiben” an (den ich allerdings bis jetzt noch nicht besucht habe). Wie in vergleichbaren Kursen, die die Anglistik anbietet, geht es darin aber hauptsächlich um richtiges Zitieren.
    Viel wichtiger als solche Kurse fände ich aber die Korrektur der Hausarbeiten, und zwar nicht nur auf Inhalt, sondern auch auf den Schreibstil, und vor allem so, dass die Studenten dieses Feedback dann auch bekommen. Ich habe bis jetzt noch keine Hausarbeit mit Verweisen wieder zurück bekommen, und wenn du die Dozenten um einen Termin bittest um die Arbeit einzusehen, zeigen manche wenig Begeisterung, sich ein bißchen Zeit freizuschaufeln, das ist nämlich keine gängige Praktik bei uns. Wenn doch, gehen sie meist nur auf Inhaltliches ein.

    @Stefan: Vielleicht könntest du kurz deine Idee beschreiben, die nun in zwei Seminaren durchgeführt wird: Hausarbeiten, die in Form eines Blogs präsentiert werden, so dass die Kursteilnehmer ihre Ideen, Schreibstile etc. miteinander vergleichen können, Anregungen austauschen etc.
    Diese Methode hat auch den Vorteil, dass man seinen eigenen Text immer wieder umschreiben und verbessern kann. Und nicht zuletzt lernt man, sich bewusst an ein Publikum zu richten, weil tatsächlich auch mal jemand liest was man schreibt (nicht nur der Prof)! Ich denke das ist ein ganz wichtiger Punkt! Das motiviert dann auch dazu, dass man sich überhaupt erst Mühe gibt verstanden zu werden.

  8. 8 adresscomptoir 21. März 2009 um 16:03

    Warum sollte es in den Geistes/Sozial/Kulturwissenschaften (GSK) soviel anders sein als in den Naturwissenschaften: Die Abhandlungen der letzteren sind mit ihrem Fachvokabular und ihren mathematischen Formeln für die breite Öffentlichkeit unlesbar und benötigen daher für die “Übersetzung” eigene WissenschaftsjournalistInnen; umso löblicher, wenn die ForscherInnen die Übersetzung mal selbst wagen.
    Was nun die GSK anbelangt: Auch wenn ich für mich den Anspruch habe, möglichst verständlich zu schreiben, möchte ich keinem/r verbieten, eine Fachterminologie (zB der Diskursanalyse) zu verwenden; ob es sich dann um Wissenschaft oder Geschwurbel handelt, kann dann im Review-Prozess überprüft oder in den Rezensionen nachgelesen werden.

  9. 9 pathoblogus 21. März 2009 um 17:34

    Der “aufklärerische” Gestus der allgemeinverständlichen Wissenschaft sollte aber auch ein wenig gebremst werden. Ich denke man muss gerade einem Soziologen nicht erst erklären, dass Abstraktion und damit gezwungenermaßen einhergehender Jargon alles andere als eine pseudoklassistische Distanzierung von der “ungebildeten” Öffentlichkeit zum Grunde haben. Man denke hier in etwa an Niklas Luhmann oder Habermas. Problematisch ist an Beispielen dieser Art, dass der Leser sich erst auf die Autoren “einlassen” und möglicherweise verfestigte Einstellungen ausblenden muss, was ich für wissenschaftliche Literatur im Regelfall annehme. Dieser Umstand aber ist es genau, der einer populären Lesart zumeist widerspricht. Es ist meiner Meinung nach ein Fehler immer nach der Vereinfachung der Komplexität zu fragen, vielmehr sollte das Niveau einiger Medienumgänge insgesamt gehoben werden, um auch den sogenannten Normalbürger für eine schon fruchtbare Alltagsmedienwelt zu rüsten.

  10. 10 Katharina 22. März 2009 um 01:29

    @ pathoblogus:
    Du stellst völlig richtig fest, dass das „richtige“ Lesen von „wissenschaftlicher“ Literatur oft voraussetzt, dass man sich auf den Autor einlassen muss. Allerdings ist das schon meine erste Kritik: Die Wissenschaft hat doch zum Ziel, so objektiv und exakt (also eindeutig) wie möglich zu sein. Das bedeutet, dass man idealer Weise den jeweiligen Autor gar nicht „raushören“ sollte, sondern der wissenschaftliche Stil durch relative Einheitlichkeit gekennzeichnet und somit völlig „unindividuell“ ist. Die Tatsache dass man sich in die Sprache vieler Wissenschaftler erst hineinlesen muss, liegt nicht unbedingt an der Komplexität der Materie, sondern oft am schlechten Stil des Autors.
    Die Vereinfachung wissenschaftlicher Literatur wäre dann schlimm, wenn sie sich auf diese Form beschränken würde. Wie schon gesagt plädiere ich für ein Anpassen des Stils, wo es angebracht ist. Dabei leugne ich nicht, dass meiner Meinung nach oft auch die Kommunikation unter Wissenschaftlern zu wünschen übrig lässt.
    Das Ziel ist zunächst einmal den Leser, in diesem Falle die Öffentlichkeit, an das Lesen wissenschaftlicher Texte heranzuführen, so dass sie (sicherlich nicht von heute auf morgen) die Wissenschaft nicht mehr als unerreichbares Fenster im Elfenbeintürmchen betrachten. Das wird man zwar nur in kleinen Schritten erreichen, aber nach und nach kann man sicherlich eher das Interesse an wissenschaftlichen Themen wecken, indem man zugängliche Texte präsentiert. Akademische „Hieroglyphen“ machen wenn überhaupt das letzte Fünkchen Interesse eher noch zunichte.
    Ich lese zum Beispiel auch gerne mal Populärliteratur, und die lese ich auch auf eine andere Art und Weise als einen wissenschaftlichen Text. Warum sollte nicht jeder lernen können, einen wissenschaftlichen Text zu lesen? Das kann man auch ohne Studium, aber man muss, wie so oft, klein anfangen. Ich denke eine unserer Aufgaben ist es, da Hilfestellung zu leisten. Nur so kann das Niveau, wie du schon sagst, (langsam) gehoben werden.

    Ich lasse mich aber gerne von anderen Vorschlägen überzeugen, und da mir der Dialog zu diesem Thema sehr wichtig ist, würde ich dir gerne folgende Fragen stellen, wenn du erlaubst:
    Wenn ich richtig verstehe, schlägst du vor, das Kommunikationsproblem zwischen Wissenschaft und Öffentlichkeit zu lindern, indem du das Niveau der Öffentlichkeit (oder nur der Medien?) hebst anstatt das Niveau des Wissenschaftlers zu senken. Wie würdest du versuchen, dies zu verwirklichen?
    Außerdem noch eine etwas persönlichere Frage: Wie sehr viele Wissenschaftler bestehst du auf dein Recht, in jeder Kommunikationssituation Fachjargon einzusetzen (wie du auch in diesem Blog demonstrierst). Könntest du erläutern, welche Beweggründe du dafür hast (außer der fehlerhaften Vereinfachung der Komplexität von der du sprichst) (oder aber vielleicht doch der pseudoklassistischen Distanzierung?)?

    Im Übrigen ist doch die Frage nicht, ob die Abstraktion und der damit einhergehende Jargon eine pseudoklassistische Distanzierung von der „ungebildeten“ Öffentlichkeit zu Grunde haben, sondern ob sie eine (nicht pseudo-) klassistische Distanzierung NACH SICH ZIEHEN. Ist das wirklich so leicht von der Hand zu weisen?

    P.S.: Dennoch danke für den wichtigen Hinweis, dass die Idee des “öffentlichen Intelektuellen” auch negative Tendenzen nach sich ziehen KÖNNTE, wenn falsch verstanden.

  11. 11 Katharina 22. März 2009 um 01:33

    hoppla, sorry, Typo: Intellektueller mit zwei “l”… wenn wir hier schon von Schreibstil sprechen… :-)

  12. 12 pathoblogus 22. März 2009 um 11:31

    Die “pseudoklassistische Distanzierung” habe ich erwähnt, da diese Figur in meinem Verständnis eine häufige, wenngleich naive Zuschreibung von Seiten der Allgemeinverständlichkeit ist. Mir scheint dass das Motto der Aufhebung von Sprachbarrieren, wie es ja auch wissenschaftsintern (Schlagwort: Interdiziplinarität) gefordert wird, die Problematik der Sprache unterschätzt.
    Das von dir angeführte Motiv der eindeutigen und objektiven Wissenschaft ist schon ein Symptom dieser Auffassung, die allen modernen Sprachauffassungen (Heidegger, Jaspers, Wittgenstein, Benjamin, Derrida, Foucault, …) widerspricht. Eben die dem Wissenschaftler “eigene” Sprache (in deiner Auffassung wohl seine Subjektivismen) ist es, die das Unersuchungsfeld IHM erst aufschließt. Wir sollten uns von einer rein instrumentellen Auffassung der Sprache nicht verwirren lassen. (da fließt sowohl die Sprache des privaten Umfelds des Wissenschafters als auch seine fachspezifische Prägung mit ein)
    Es ist also schon die Sprachauffassung als grundlegendes Thema, die die Geisteswissenschaft von einem populären Umgang trennt. Problematisch ist also nicht die Sprache der Wissenschaftler sondern die Sprachauffassung. Dass es aber erst diese Wandlung der Sprache möglich gemacht hat überhaupt Ergebnisse in der Forschung zu erzielen, ist wohl nicht erst auszuführen. In dieser Hinsicht muss die Geisteswissenschaft (wenn man die “zwei Kulturen” überhaupt noch voneinander trennen will) gezwungenermaßen eine größere Schwierigkeit als die Naturwissenschaft darstellen, auch wenn das einer angeblich größeren Nähe zum Menschen widerspricht.
    Als Historiker verstehe ich die Probleme im Umgang mit wissenschaftlicher Literatur von Seiten einer populären Auffassung gerade in der Grundeinstellung des Lesers. Die Überforderung des Rezipienten mit Daten und Möglichkeiten, mit Hyphothesen und Fachtermini entsteht mitunter auch aus dem Umstand, dass die Dinge nun einmal nicht so klar sind, wie das von einem P.M. History Heftchen oder einer Brad Pitt Geschichtsverfilmung suggeriert wird. Die grundlegende Veränderlichkeit der “Dinge” im Untersuchungsfeld und im Untersucher selbst, muss sich eben auch in seiner Sprache äußern.

  13. 13 Stefan Spiess 22. März 2009 um 13:16

    Die Idee mit dem Blog
    Klappt bisher super. Sind wir sicher nicht die ersten. Man merkt deutliche stilistische Unterschiede, muss ich nochmal was sagen, wenn wir alles online haben. ;)

    @Die Unterschiede zwischen Natur- und Geistes-etc-Wissenschaften
    Biologen sind keine Bäume. Wenn also ein Biologe (und da kann man getrost mal mit Luhmann klotzen) etwas schreibt, dass die Zukunft der Bäume betrifft, dann muss er das nur in Normalsprech übersetzen, wenn sich jemand für die Belange der Bäume zuständig fühlt.
    Menschen, die allerdings Menschen untersuchen, sind relativ nutzlos in ihrem Tun, wenn sie dann am Ende sagen “Also eigentlich ist es mir relativ wurscht, was da passiert. Ist eher so mein persönliches Mantra, dass ich immer behaupte, die Wahrheit zu suchen. Suche ich aber gar nicht in der Welt. Könnte also auch genauso gut Religionswissenschaften studieren oder bei der Kirche arbeiten, da kann ich auch zu Leuten aufschauen, die ohne Empirie und Austausch mit der Basis irgendwelchen Schmurks von sich geben.”

    Die Frage ist also, für jede Wissenschaft, die den Menschen zum Subjekt hat:
    Hat man als Menschenwissenschaftler irgendeine Verantwortung oder nicht? Der öffentliche Intellektuelle verfolgt da klar ein anderes Konzept als der elitaristische Intellektuelle. Während der eine in der Welt lebt und schafft, schaut der andere sich die Welt nur an, und tut so, als ob (Oh, oh, Soziologischer Alarm!) ihn das nicht betrifft und er die Welt nicht betrifft.
    Dann brauchen sich die elitaristischen Intellektuellen aber auch nicht zu wundern, wenn man ihnen die Gelder streicht, niemand ihnen zuhört und sie keinerlei Einfluss haben, obwohl sie immer alles besser wissen. Schade drum.

    ÜBRIGENS: Luhmann soll mal über einen anderen Wissenschaftler gesagt haben “Im Gegensatz zu mir glaubt der, was er sagt.”

  14. 14 Katharina 22. März 2009 um 14:01

    @pathoblogus:
    Die Problematik der Sprache ergibt sich gerade aus ihren vielseitigen Möglichkeiten. Man kann ein und denselben Sachverhalt auf verschiedene Weise darbieten (wobei du dies, wenn ich richtig verstehe, in Frage stellst). Nehmen wir ein ganz einfaches Beispiel: Die Sendung mit der Maus. Hier wird ein Publikum angesprochen (Kinder), dass aufgrund seines (noch) beschränkten Wissens an oft sehr komplexe Sachverhalte herangeführt wird. Auf Youtube ist zum Beispiel ein knapp elfminütiger Ausschnitt zu finden, in dem erklärt wird, wie Mobiltelefone funktionieren (http://www.youtube.com/watch?v=9oX505kproU&feature=PlayList&p=453A395C58C27081&playnext=1&playnext_from=PL&index=2). Ich empfehle sehr, sich diese Folge mal anzuschauen. Jetzt wirst du sagen, das ist ja total vereinfacht. Nun, ehrlich gesagt war ich überrascht wie genau der Prozess von Signale senden, Identifizieren, Registrieren, Freischalten, etc. dort beschrieben wird. Dabei werden sogar Fachbegriffe verwendet, die für ein Kind zunächst unzugänglich sind, ABER, sie werden dort nicht nur genannt, sondern erklärt. Idealerweise hat ein Kind, dass diese Folge gesehen, danach eine Vorstellung davon, was die Begriffe Netzbetreiber, Funknetz, Funk (-wellen), Empfangsstation, Funkzelle, Basisstation, Chip, betriebsbereit, Funkantenne, Kontrollstation, Vermittlung, Zentrale Datenbank und Gateway bedeuten und wie das alles grob funktioniert (all diese Wörter kommen dort vor). Das ist doch schon recht beachtlich.
    Dieses Konzept kann man auch auf die „erwachsene“ Öffentlichkeit übertragen, denn das Ziel ist ja nicht, dass jeder Bürger sich in einen Experten einer jeden Disziplin verwandelt (sind Wissenschaftler ja auch nicht), sondern dass ein Grundwissen da ist. Je breiter, desto besser zwar, aber schon ein bisschen Ahnung ist besser als nichts. Dieses Grundwissen ist notwenig, um sich an gesellschaftlichen Entscheidungen zu beteiligen, Zivilverantwortung zu zeigen und sich politisch zu orientieren.

    Wie schätzt du denn die Wichtigkeit ein, dass in der Gesellschaft ein gewisses Geschichtswissen vorhanden ist? (Du bist ja, wie hervorgeht, Historiker.) Wo siehst du die Aufgaben eines Historikers (deine)?
    Zusammenfassend, die Problematik bzw. Vielfalt der Sprache wird nicht unterschätzt, sie wird nur nicht richtig als RESSOURCE genutzt.

    Zum Thema Eindeutigkeit / Objektivität:
    Die Wissenschaft hat ihre eigene Sprache, keine Frage, das ist auch toll. Mit eindeutig / objektiv meine ich, dass eine Zweideutigkeit / Subjektivität in der Beschreibung eindeutiger, exakter Konzepte unbrauchbar ist, da sie zu Missverständnissen führt. Ziel ist es, genau eine Bezeichnung für genau ein Konzept zu finden, und diese dann auch einheitlich zu verwenden. Sonst weiß kein Wissenschaftler wovon ein anderer spricht. Heute existieren eine ganze Reihe von Synonymen, Polisemien, Polymorphien und Homonymen in praktisch allen Wissenschaften. (Verzeihung, wenn ich hier aus Platzgründen nicht auf die Erklärung dieser Begriffe eingehe.) Diese fehlende Eindeutigkeit ist ein „Fehler im System“, Fehlfunktionen des wissenschaftlichen „Kodes“, die eben auf der Auffassung beruhen, dass ich das Recht habe, zu Karotte Apfel zu sagen wenn ich will.
    Heidegger, Jaspers, …, wie ich schon sagte, viele (konservative oder bereits tote) Wissenschaftler haben eine andere Sprachauffassung. Ja, der widerspreche ich, denn in der Wissenschaft hat die Ästhetik und Selbstdarstellung keinen Platz. In erster Linie geht es darum, Wissen zu schaffen und zu vermitteln. Wer lieber was „Schönes“ liest / schreibt, der wende sich bitte der „schönen Literatur“ zu. Die wissenschaftliche Sprache IST eine rein instrumentelle Sprache.

    Zu deiner Aussage:“ Als Historiker verstehe ich die Probleme im Umgang mit wissenschaftlicher Literatur von Seiten einer populären Auffassung gerade in der Grundeinstellung des Lesers.“
    Als Sprachwissenschaftlerin verstehe ich die Probleme im Umgang mit wissenschaftlicher Literatur von Seiten einer populären Auffassung gerade in der Grundeinstellung des AUTORS. Die Dinge mögen so komplex sein wie sie wollen, es besteht keine Notwendigkeit sie in dieser Komplexität darzustellen. Das macht sie nicht weniger komplex, nur mehr begreiflich. Dies immer unter der Bedingung, dass keine fehlerhafte Information entsteht.

    Im Übrigen wäre schön, wenn du trotzdem noch etwas konkreter auf meine Fragen eingehen könntest (auch meines vorherigen Kommentars). Ich suche konkrete Lösungsansätze.

  15. 15 pathoblogus 22. März 2009 um 18:10

    Die Geschichte ist bloß mein zweites Standbein, mein erstes Studium habe ich in Philosophie abgeschlossen. Möglicherweise ist mein etwas differenzierteres Sprachverständnis aus diesem Bereich gespeist. Du schreibst im Zusammenhang mit “Heidegger, Jaspers,…”, “viele konservative oder tote Wissenschaftler” (wobei ich nicht ganz verstehe, was diese “Attribute” mit den Sprachtheorien zu tun haben) hätten eine Sprachauffassung der du widersprichst. Ich habe keine Ahnung wie die Umstände gerade in der institutionalisierten Sprachwissenschaft so sind, schließe aber aus deiner Aussage, die Wissenschaft sei da um Wissen zu schaffen, dass du hier einen durchaus positivistischen Zugang hast, den ich in keinster Weise teilen kann.
    Wie oben erwähnt hast du ein instrumentelles Verständnis von Sprache, das jeder modernen ausgefeilteren Sprachtheorie widerstreitet, schließlich befinden wir uns hier in einem Soziologieblog. Eine solche Sprachauffassung wie von mir erwähnt ist ja nicht einfach bloß ein beliebiges Theoriekonstrukt sondern eine Reaktion auf vielfältige Rechtfertigungsansprüche gegen z.B. die Soziologie. Luhmanns halbes Werk besteht aus einer Aufarbeitung dieser Problematik, die mitunter bereits bei Nietzsche eingesetzt hat, und deren Entwicklung heutzutage nahezu inflationär als linguistic turn bezeichnet wird. Darüber lässt sich nicht so einfach hinwegsehen.
    Auch was die Sprachwissenschaft betrifft kann ich mir nicht vorstellen, dass man einfach bei strukturalistischen Tendenzen von Saussure, der Prager Schule oder Hjelmslev stehen geblieben ist, die eine Wissenschaftlichkeit einforderten, die einfach nicht mehr haltbar ist, die aber selbst schon ein durchaus sinnvolles Sprachsystem bereithielten. Gerade aber die Zerstörung des Wissenschaftsanspruches führt zu einer Ausuferung der Sprache. Dieser Wandel wird bis zum heutigen Tag aber nicht wahrgenommen, wenn man universitäre oder ähnliche Bereiche ausnimmt, anscheinend gilt das aber auch hier nicht für alle.

    Die technologische Perspektive ist im Vergleich ziemlich einfach, was ich aus meiner Berufsausbildung als Programmierer eindeutig sagen kann. Andererseits ist aber auch hier z.B. die Informationstheorie ausgehend etwa von Shannon nicht gerade mit einem Format für Kinder zu erklären. Im Endeffekt stehen natürlich grundlegende Konzepte, die oft durch ihre Einfachheit überraschen, was als Verständnis aber für den Laien so gut wie garnichts bringt.

    Du sprichst von Homonymien, Synonymen, … als von Fehlern im System. Ich dachte diese Auffassung wäre mit dem Wiener Kreis gestorben. –> Wittgenstein Spätwerk

    Als Historiker kann ich sagen, je mehr man von Geschichte weiß, desto eher lernt man, dass es aus der Geschichte nichts zu lernen gibt. Von dem Punkt her sollte ich eigentlich kein Problem mit vereinfachenden Darstellungen haben. Leider habe ich aber eine “subjektive” und vielleicht sogar ästhetische Abneigung gegenüber simplifizierenden Auffassungen von daher also…

    Du sagtest:
    “Vielfalt der Sprache wird nicht unterschätzt, sie wird nur nicht richtig als RESSOURCE genutzt.”

    Nicht wir sprechen die Sprache, die Sprache spricht uns.
    Dass sowas für einen populären Umgang schwierig ist muss man einfach hinnehmen.

    Ich persönlich verstehe nichteinmal den Grund warum überhaupt eine Allgemeinsverständlichkeit angestrebt werden sollte, glaube aber ein überbordendes Gefühl von Gleichberechtigung heraushören zu können, das eher einer utopischen Anmaßung als einer “wissenschaftlich” haltbaren Forderung gleichkommt.

  16. 16 Stefan Spiess 22. März 2009 um 18:47

    Zunächst einmal:
    “Wie oben erwähnt hast du ein instrumentelles Verständnis von Sprache, das jeder modernen ausgefeilteren Sprachtheorie widerstreitet, schließlich befinden wir uns hier in einem Soziologieblog. Eine solche Sprachauffassung wie von mir erwähnt ist ja nicht einfach bloß ein beliebiges Theoriekonstrukt sondern eine Reaktion auf vielfältige Rechtfertigungsansprüche gegen z.B. die Soziologie.”

    1. Was ist denn der Gegensatz zu einem “instrumentellen Sprachverständnis”? Das fände ich in dem Zusammenhang mal interessant.
    2. Genau das mit den “Rechtfertigungsansprüchen” ist das Problem. Im deutschen Sprachraum scheint es seit langem eine Tradition in verschiedenen Wissenschaften – besonders in der Soziologie – zu geben, auf keinen Fall mehr Bezug auf die Wirklichkeit zu nehmen. Stattdessen beruft man sich auf radikalkonstruktivistische Denker, und dann ist es eh schon wurscht. Dann befindet man sich im sicheren Hafen der Allerweltstheorie und muss nie wieder eine Aussage über das treffen, was man angeblich eigentlich untersucht – menschliche Gesellschaften.
    3. Menschen sprechen Sprachen, und die Art, wie sie sprechen beeinflusst ihr Handeln, Denken und Tun. Da haben wir eine Übereinstimmung. Da kann man aber einfach bei Simmel nachschlagen und findet ein ganz einfaches Wort dafür – Wechselwirkung.
    4. Ein Problem im Sinne ernsthafter EMPIRISCHER Wissenschaft ist es, wenn man keinen Bezug mehr auf etwas hat, was man gesellschaftliche Realität nennen könnte. Genau das war aber mal der Sinn der Soziologie (im Gegensatz zur Religion beispielsweise). Gesellschaftliche Prozesse EMPIRISCH zu untersuchen und ihre Gesetzmäßigkeiten herauszufinden. Die generelle Absage daran, dass das möglich wäre, ist ERKENNTNISTHEORETISCH sinnvoll, soziologisch aber keinesfalls.
    5. Da wären wir dann auch wieder bei Herrn Mills. Der verlangt nämlich Theorien MITTLERER Reichweite. Eine erwachsene Soziologie kann es vertragen, wenn man von ihr Verständlichkeit und einen gewissen Realitätsbezug erwartet. Sie will nicht alles erklären. Die Weltformel sollen Physiker suchen, Soziologen sollten das aber allein schon aus Popperscher Bescheidenheit mal von Anfang an abblasen.

    Ceterum censeo Luhmanninem esse delendam. Unterhaltsam, macht auch einige interessante Feststellungen und schreibt sicherlich tolle Sachen über Vertrauen und Komplexitätsreduktion, aber ansonsten scheint mir sein Werk allenfalls schelmische Qualitäten zu haben.

    Wer als Wissenschaftler der Auffassung ist, dass er tatsächlich den Konstruktivismus so richtig leben kann, der möge doch mal zwei Wochen lang kein Wasser trinken. Empirisch kommt da in aller Regel genau die Anzahl N Tote bei rum, die das Experiment mitgemacht haben. Aber vielleicht haben wir den Durst ja nur gesellschaftlich konstruiert? Vielleicht brauchen wir in Wirklichkeit gar kein Wasser, sondern nur die INFORMATION Wasser, oder die IDEE Wasser.

    ;)

  17. 17 Stefan Spiess 22. März 2009 um 18:57

    Ach und das mit der Gleichberechtigung: Ja schon. Aber einfach in dem Sinne, dass dieser wissenschaftliche Elitarismus, sich ständig hinter Wortblasen und Komplexitätsübertreibeurismen zu verstecken, nicht nur nervt, sondern auch kontraproduktiv ist.

    Und wenn du auch Recht hast, damit, dass dies ein soziologisches Blog ist, so steht oben rechts auf jeder Seite:

    Willkommen! Auf dieser Seite verlassen Soziolog/inn/en den Elfenbeinturm und führen öffentliche Experimente mit soziologischen Gedanken, Konzepten und Sichtweisen durch.

    Und meine Brötchen mache ich entweder selbst, oder aber ich bin darauf angewiesen, dass sie mir jemand zusammenbaut. Der möchte dann von mir wissen, warum er immer so wenig Geld bekommt und die Politiker und die Wissenschaftler nicht versteht.

    Dann sage ich ihm oder ihr: Das liegt daran, dass du so lange Sätze scheisse findest. Aber auch ein bisschen daran, dass die Politiker und die Wissenschaftler manchmal extra lange Sätze machen, damit nur Leute, die ganz lange unglaublich langweiligen Selbstdarstellern zuhören können, auch an die Uni und den Bundestag kommen. Sonst müssen die nämlich irgendwann auch so früh raus wie du und am Ende auch noch richtig was leisten für DEINE Brötchen. (Which is sarcasm at the most, still not utopian theory.)

    Informatik können übrigens auch Kinder. Ich hab PC’s gebaut und Progrämmli geschrieben, da war ich grad mal 10. Und viele Jugendliche waren am Anfang der Computerspielbranche Stars mit ihren Spielchen. Face it: Kinder sind oftmals besser, als wir ihnen einreden. Denn unsere Arroganz redet uns, nicht wir unsere Arroganz!

    :)

  18. 18 pathoblogus 22. März 2009 um 19:27

    Ich denke wir treffen uns in unseren Ansichten nicht mehr, was ich übrigens garnicht problematisch finde, das passt dann auch gleich wieder zu dem was ich vorhin gesagt habe.

    Dass Kinder PCs zusammenbauen können ist nichts besonderes, schließlich ähnelt das heutzutage ja auch einem Lego-steckspiel, was die Hardware betrifft. Habe übrigens auch nichts anderes gesagt. Bloß dass in der Informationstheorie nicht alles so einfach ist, wie es aussieht.
    Wenn man jetzt noch bedenkt, dass der Normaluser nichteinmal fähig ist eine Linuxdistribution aufzusetzen und dieser Umstand auch vor kindern keinen Halt macht … (solltest du das allerdings auch beherrschen, so wirst du wissen wie einfach das ist)
    Ich hoffe du machst einen Unterschied zwischen “Progrämmli” schreiben und dem Programmieren von kommerzieller Software, ich selbst bin ja ziemlich herablassend gegenüber meinem eigenen Beruf eingestellt, aber es gibt doch gewisse Grenzen des Understatement (nicht dass ich nur für kommerzielle Software wäre!) –> fehlendes Unterscheidungsvermögen ist bekanntlich die größte Hürde in der Pseudowissenschaft, nicht?

    Dass du die Rechtfertigungsprobleme nicht für wichtig hälst erkennt man am ganzen, nunja, “Auftreten” dieses Blogs. tja… hauptsache es ist gut gemeint.

    Übrigens bin ich auch ein Fan von Georg Simmel, wobei dieser ja wohl das beste Beispiel dafür ist, dass Objektivität nicht die höchste Weisheit ist.

  19. 19 pathoblogus 22. März 2009 um 19:30

    Was das instrumentelle Sprachverständnis betrifft, habe ich mit meinem Heideggerzitat wohl den Anforderungen, noch bevor du überhaupt gefragt hast, genüge getan. Bloß oben lesen…

  20. 20 Stefan Spiess 22. März 2009 um 19:40

    Hm. Interessant. Also ich finde das durchaus wichtig. Und genau darum. Weil “Rechtfertigungsprobleme” absolut ungenau ist. Das ist eben so ein Begriff, der KLINGT als ob man ihn intuitiv verstehen könnte, aber kann man gar nicht. Weil wir da offensichtlich was sehr unterschiedliches drunter verstehen.

    Trennschärfe von Begriffen finde ich durchaus wichtig, völlig deiner Meinung. Unterschiede in der Programmierung von kommerzieller Software und dem Programmieren von “Progrämmli” finde ich durchaus ebenso. Möglicherweise ist dieser Fehler meiner Liebe für flotte aber nicht immer treffsichere Vergleiche geschuldet.

    Dennoch würdest du mir vielleicht zustimmen, dass wenn man ein Programm schreibt, dass man dann in der Regel schon den Versuch Unternehmen sollte, das dem Endnutzer so zu erklären, dass er es versteht, oder?

    Ansonsten scheint mir das nämlich ein bisschen nach dem Prinzip “Hihihi! Wenn der mich mal verstanden hat, dann kann ers auch selbst. Das will ich aber nicht. Also erklär ichs ihm so, dass er denkt, es ist voll krass.” zu sein.

    Und es ist einfach so, dass eine bestimmte Richtung soziologischer Forschung mit eigentlicher Soziologie nichts mehr zu tun hat. Meiner bescheidenen Meinung nach.

    Ziel DIESES Beitrages war aber wohl ursprünglich, auf etwas ganz konkretes hinzuweisen: Dass viele Leute in den Sozialwissenschaften es nicht hinbekommen, genau diese permanenten Doppelnennungen und Unschärfen zu vermeiden, weil sie ständig 10.000 Dinge durcheinanderwerfen und eben solche Begriffe verwenden, die auch in der Alltagssprache vorkommen, UND gleichzeitig noch 50.000 andere mit der gleichen Bedeutung, ohne aber dazuzusagen, dass sie damit das gleiche zu meinen meinen.

    Sehr anschaulich finde ich das am Beispiel der Umwelt. Da hat Luhmann auch wichtiges geleistet, indem er mal ein Stück klarer macht, was man eigentlich mit “Umwelt” alles meinen kann. Das muss man dann aber alles rückübersetzen, um tatsächlich etwas über die Welt auszusagen. Sonst kommen dabei Sätze raus, die mehrmals das Wort Umwelt beinhalten und nur noch ein sozialwissenschaftlicher Insiderwitz sind.

    Und das ist schade. Da macht man sich dann nämlich selbst die Tragweite und den Inhalt zunichte.

    und [em] scheinen nur den meisten das selbe zu sein. Dabei sind doch zwei unterschiedliche Codes mit dem selben Formatierungs-Zweck. ;)

  21. 21 pathoblogus 22. März 2009 um 19:50

    Das Rechtfertigungsproblem verstehe ich, zugegeben etwas ausholend, ausgehend von einer Metaphysikkritik, die sich im 20. Jahrhundert in vielen Ausgestaltungen geäußert hat. Du hast bereits den Konstruktivismus erwähnt. Die Hermeneutik und die Phänomenologie. Die Sprachphilosophie. Luhmanns Ausgangspunkt war eine, Mischkulanz :) aus all den obengenannten Bereichen. Was und warum Metaphysikkritik muss ich jetzt nicht wohl auch noch erklären…

    Wobei natürlich die Metaphysikkritik nicht mit der Kritik Comtes gleichzusetzen ist.

  22. 22 Katharina 22. März 2009 um 21:50

    Liebe Wissenschaftler, äh, ich glaube wir verrennen uns hier gerade ein bisschen. Wir haben offensichtlich ein paar unterschiedliche Ansichten, und das macht die Diskussion ja gerade so interessant. Immer weiter, aber vielleicht könnten wir mal kurz tief Luft holen.
    Folgender Vorschlag: Wir können alle nochmal nachlesen, was wann welche Philosophen, Soziologen, Sprachwissenschaftler, Theologen, etc. gesagt haben. Sollten wir vielleicht auch, denn ich bin mir nicht sicher dass wir alle dasselbe verstehen und meinen wenn wir (Foucault, etc.) hinter eine unserer Aussagen setzten. @ Pathoblogus: wenn du von einer gewissen zulässigen Subjetivität eines Wissenschaftlers ausgehst, dann kann man ja nicht erwarten, dass ich weiß was du sagen willst wenn du (Luhmann) in den Raum wirfst, den kann man nämlich so und so lesen, und ich bin mir relativ sicher, der hat auch so oder so „geschrieben“. Lassen wir doch bitte mal die ganzen Angebernamen weg, und machen mal EIGENE Aussagen, wir wissen ja wir haben alle ein bisschen was gelesen und müssen dass jetzt hier nicht beweisen. Sonst können wir gleich in die Bib. gehen.

    ICH MÖCHTE AN DIESER STELLE AUSSERDEM AUCH AUSDRÜCKLICH ANDERE LESER DAZU EINLADEN, SICH AN DER DISKUSSION ZU BETEILIGEN.

    Es haben sich hier ein paar interessante Kernfragen herausgebildet, die bisher noch nicht wirklich beantwortet wurden. (parhoblogus: Ich kann mir nicht vorstellen, dass jemand, der sich offensichtlich schon so viele Gedanken gemacht hat, noch nichts Neues dazu beizutragen hat. Bitte lass uns vom Zitieren anderer absehen.) Nehmen wir uns das Recht heraus, von der Meinung (auch der institutionalisierten Sprachwissenschaft) abzuweichen. Das ist nämlich eine der Ideen dieses Blogs.

    Wir haben hier von grundlegenden Konzepten unterschiedliche Vorstellungen. Daher sollten wir diese Unterschiede zunächst klären, denn je nachdem wie ich z.B. die Funktion von Wissenschaft definiere, hat das Konzept eines „öffentlichen Intellektuellen“ Sinn oder nicht.

    DIESE FRAGEN SIND AN ALLE GERICHTET.

    1. Worin liegt deiner Meinung nach die Aufgabe eines Wissenschaftlers?
    2. Wozu ist denn nun die Wissenschaft da? Sinn? (Zitat pathoblogus: „Als Historiker kann ich sagen, je mehr man von Geschichte weiß, desto eher lernt man, dass es aus der Geschichte nichts zu lernen gibt.“)
    3. Zitat pathoblogus: „Nicht wir sprechen die Sprache, die Sprache spricht uns. Das so was für einen populären Umgang schwierig ist muss man hinnehmen.“ Sind wir Opfer unserer Sprache? (Denke ich nicht.). Muss man das hinnehmen? (Denke ich nicht.)
    4. Welche Funktion hat die wissenschaftliche Sprache (Ästhetik, Übermitteln von Information, beides, anderes?)?
    5. Hat die Wissenschaft eine Verantwortung, wenn ja, welche, wem gegenüber? (Zitat pathoblogus: „Ich verstehe nicht einmal, warum überhaupt eine Allgemeinverständlichkeit angestrebt werden sollte, glaube aber ein übergeordnetes Gefühl von Gleichberechtigung heraushören zu können, das eher einer utopischen Anmaßung als einer „wissenschaftlich“ haltbaren Forderung gleichkommt.“)

  23. 23 Katharina 23. März 2009 um 15:52

    @ pathoblogus:
    Unsere Meinungsverschiedenheiten liegen möglicherweise daran, dass wir zwei unterschiedliche Arten von Wissenschaft nicht voneinander trennen. Die Philosophie ist doch in gewisser Weise eine Einzelwissenschaft, die sozusagen einen sehr individuellen Charakter hat und als Selbststudium, mit dem reinen Zweck der Selbsterkenntnis / -darstellung betrieben werden kann. Das „Produkt“ der Philosophie ist nicht in dem Sinne teilbar, daher handelt es sich um eine relativ egozentrische Wissenschaft. Somit trägt sie auch keinerlei Verantwortung.
    Im Gegensatz dazu sind die Erkenntnisse, die beispielsweise die Biologie, Chemie, etc. aber auch etwa die Soziologie hervorbringt, keine „Produkte“, auf die der Wissenschaftler einen Besitzanspruch hat. Denn diese Erkenntnisse werden auf eine Art und Weise angewandt, die alle betreffen. Mal mehr, mal weniger. Das zieht schon eine Verantwortung nach sich. (krasses Beispiel: die Entwicklung von ABC-Waffen, die Einführung genmanipulierter Nahrung, etc. aber auch z.B. Einflüsse der Pädagogik auf das Schulsystem). Die Entscheidungen, die auf diesen Erkenntnissen aufbauen, trifft ein sehr kleiner Kreis von Menschen. Hierzu sage ich nur: Wissen ist Macht. Ein demokratisches System sollte es eigentlich nicht unterstützen, so große Entscheidungen in die Hände weniger „Großer“ zu legen. Um diese Entscheidungen zu treffen, muss man allerdings gut über mögliche kurzfristige und langfristige Auswirkungen, Vorteile und Nachteile usw. Bescheid wissen. Eine Gesellschaft, die bei diesen Entscheidungen mitreden will, muss informiert sein. Da wir die Lieferanten dieser Information sind, müssen wir versuchen, diese zu vermitteln.
    Schlussfolgerung: Deine Vorstellung von Wissenschaft ist glaube ich dann vertretbar, vielleicht sogar wünschenswert, wenn sie sich etwa auf die Philosophie bezieht. Eine nicht zweckorientierte Wissenschaft, die für sich steht. Auch die Sprachauffassung die du vertrittst finde ich hier vollkommen legitim.
    Für andere Wissenschaften (und da gibt es auch Grenzfälle), hat Sprache allerdings eine pragmatischere Funktion zu erfüllen und ist durchaus als Instrument zu verstehen.
    Wenn ich Synomyme etc. als Fehlfunktionen bezeichne, dann beziehe ich ausschließlich auf wissenschaftliche Texte. In der Literatur und manchen Sachtexten nennt man sie dann rhetorische Mittel.

    Kannst du dem so zustimmen?

  24. 24 Katharina 23. März 2009 um 16:14

    Übrigens sagt Philosoph Ferdinand Fellmann folgendes über seine Wissenschaft:

    „Die Sprache der Philosophen gilt als kompliziert; und selbst kritische Geister im eigenen Fach sind oft der Ansicht, der unverständliche Stil diene nur dazu, über den dünnen Gehalt und die eigene Unwissenheit des Schreibers hinwegzutäuschen…
    Die Philosophie der Zukunft braucht deshalb einen neuen Realismus, eine neue Systematik und eine neue Kommunikation… Die neue Kommunikation schließlich baut nicht mehr darauf, dass sich die Wahrheit schon von selbst durchsetzt, sondern unterstützt dies durch den Dialog, die Verarbeitung des Wissens und die Verständigung…Die neue Kommunikation ist deshalb interkulturell: Sie vermittelt die Fähigkeit, sich selbst von außen zu sehen, ohne den eigenen Standpunkt aufzugeben…
    Dies bedeutet, dass die Philosophie alte Denkgewohnheiten aufgeben muss, um neue Formen der Forschung und Vermittlung zu entwickeln.“

    aus: Orientierung Philosophie, 1998

  25. 25 pathoblogus 23. März 2009 um 17:17

    Tja, es gibt nun mal Menschen, die bei angeblichem Verlust der Relevanz, also quasi aus einem Selbsterhaltungstrieb heraus, ihren letzten Ausweg in der Reduktion der Substanz auf einen “allgemein” akzeptierten Kernbestand sehen. Die Allgemeinheit hierzu befragen heißt die Wissenschaft der Diktion der eigentlich teilnahmslosen Öffentlichkeit zu unterwerfen. In der Philosophie ist dieses Fluchtverhalten allgegenwärtig, deshalb verkommt sie auch in vielerlei Hinsicht zu einer Dienstleisung. Fellmann drückt das schön aus, er ist, und das ist sogar angestiftet von ganz großen Philosophen des 20. Jahrhunderts, anscheinend ein Vertreter dieses Absturzes. Wenn man seine Publikationsliste betrachtet erkennt man deutlich die Einflüsse der Lebensphilosophie und der Phänomenologie. Den unglaublichen Reichtum dieser “Forschungsrichtungen” in der Philosophie eingedenk, ich persönlich interessiere mich auch sehr stark für diesen Zweig, muss man aber leider zugeben, dass viele Autoren, die sich dieser Richtung verbunden fühlen, der Aufmerksamkeit zu Willen, einen Weg einschlagen, der wohl am besten mit eso-exoterischen Selbsthilfegruppen zu vergleichen ist.

    In besonders selbstzerfressenen Richtungen ist, sollte der Übertritt in die Ebene der Hausfrauensinnsuche nicht klappen, auch oft von einem Abstieg aus dem Elfenbeinturm die Rede. “Forschung light”, anstatt der theoretischen Grundlegung Beachtung zu schenken. Sehr oft ist das Problem auch nur ein Mangel an Konsequenz.

  26. 26 pathoblogus 23. März 2009 um 17:38

    Übrigens kann ich diesem Kompromiss, der die Sprachauffassung in zwei Lager teilen soll absolut nicht zustimmen. Gerade das Konstrukt der zwei Kulturen (Geisteswissenschaft und Naturwissenschaft) ist ja eben der Auslöser für eine Überbewertung des naturwissenschaftlichen Objektivitätsglaubens und des überkommenen Maßvertauens.
    Eigenster Anspruch der Philosophie ist es transzendentale Strukturen aufzudecken, da ist KEINE Wissenschaft ausgenommen.

  27. 27 Martin 23. März 2009 um 18:41

    @ pathoblogus: Ich sehe bei Dir ein grundlegendes Mißverständnis: Ein guter wissenschaftlicher Sprachstil (klar, präzise, lesbar) bedeutet keineswegs eine Simplifizierung der Wissenschaft. Im Gegenteil: Die Dinge werden klarer benannt und gewinnen an Präzision. Und bekanntlich strebt Wissenschaft u.a. nach Präzision. Unter den Soziologen, die sich darüber Gedanken gemacht haben, ist dies auch weitgehender Konsens. Am berühmtesten ist hier sicherlich C Wright Mills’ Kritik an Parsons berüchtigtem Schreibtil. Mills führte in seiner “Kritik an der soziologischen Denkweise” in aller Deutlichkeit vor, wie Parsons’ umständlicher Sprachstil auf Kosten der Wissenschaftlichkeit ging, und nicht etwa umgekehrt.

    In diesem Sinne möchte ich auch eine Kritik an einigen deiner Kommentare anbringen: Leider bleiben viele Deiner Sätze ohne klare Aussage und stiften mehr Verwirrung als dass sie zum Erkenntnisgewinn beitragen.

    Zudem möchte ich Dich bitten, sachlich zu bleiben und die Sticheleien zu unterlassen. Auch hier ist keine Motivation zur Erkenntnissteigerung zu erkennen, die wir bei hs doch sehr schätzen. Umso weniger wollen wir Bühne für pseudowissenschaftliche Selbstdarstellung sein.

    Übrigens ist dein Begriff “Hausfrauensinnsuche” deutlich sexistisch und widerspricht daher jeglichen zeitgenössischen wissenschaftlichen Standards.

    Nachtrag 29.03.09: Dieser Kommentar wurde vom Autor nachträglich editiert, einige Passagen wurden leicht entschärft.

  28. 28 pathoblogus 23. März 2009 um 19:50

    seltsam, gerade schien es mir als wären eben die letzten beiden kommentare das einzige was sich inhaltlich als beitrag rechnen ließe. deine kritik an meiner grammatik trifft mich schwer. keine sorge, ich hatte bestimmt nicht vor DEIN seminar zu besuchen, wenngleich es mir auch so schwer vorstellbar scheint, dass du wissenschaftlicher mitarbeiter einer universität bist. ein bisschen untergriffig scheinst du ja zu sein…

    vielleicht habe ich ja das niveau dieses blogs mit meinem schlechten stil unterboten

  29. 29 Katharina 23. März 2009 um 21:12

    Wow. Nachdem wir jetzt doch noch auf die allerletzte Stufe heruntergestiegen sind ist das einzig Gute dass ich aus der Entwicklung dieser Diskussion schließen kann die Bestätigung dafür, wie viel sich in Sachen Kommunikation tatsächlich noch tun muss.

  30. 30 pathoblogus 23. März 2009 um 21:20

    Ja da hast du etwas Kluges gesagt, übrigens tun mir etwaige Ausfälle meinerseits Leid, aber auf bestimmte Verhaltensweisen reagiere ich einfach schlecht.

  31. 31 pathoblogus 23. März 2009 um 23:20

    @Martin: Übrigens, und das ist mir jetzt doch ziemlich wichtig, vielleicht bin ich in dieser Hinsicht ein wenig eitel: man wird möglicherweise etwas geschraubte Ausdrucksformen in meiner Sprache finden, das hat sich eben so eingeschliffen. Grammatikalische Fehler werden dir, bis auf ein paar “hudelige” Groß/klein-Fehler eher keine begegnen, wenn ich mein Gewäsch so im Rückblick überschaue. Da hast du wohl eher deinen Unwillen Nebensätzen zu folgen auf meine Fähigkeit zu schreiben projiziert, aber wie gesagt Untergriffigkeit scheint dir nicht fremd zu sein.

  32. 32 Martin 24. März 2009 um 00:16

    @ pathoblogus: Chamberlains Taktik war eben falsch.

  33. 33 pathoblogus 24. März 2009 um 10:19

    @martin: solange du den richtigen Chamberlain meinst…
    Dein Kommentar zu meinen Aussagen war nichts anderes, als sich hinter politischer Korrektheit versteckende Angriffslust. Damit habe ich eigentlich kein Problem, wenn nicht ein herablassendes Moment hinzukäme, das sich durch seinen pseudodemokratischen Gestus legitimiert sieht.

    Jetzt wo übrigens mein Ärger über völlig haltlose Beleidigungen verraucht ist, finde ich doch, dass du gewisse Bemerkungen von mir anscheinend garnicht verstanden hast – den Grund hierfür will ich bitte nicht schon wieder als in meiner Sprache angelegt gesagt bekommen.
    Du sprichst von einem fehlenden Erkenntnisgewinn. Dass es einen solchen meiner Ansicht nach garnicht gibt habe ich doch erläutert. Auf der selben Ebene bewegt sich die Forderung nach Konstruktivität. Anscheinend hast du die Diskussion garnicht verfolgt, denn eben um diese Begriffe ging es ja. Aus eben diesem Grund fällt es mir auch schwer “sachlich” auf deine Aussage zu reagieren. Dass dich mein Wort: “Hausfrauensinnsuche” und meine angeblich fehlerhafte Grammatik so erhitzen, deutet ja auch auf den Umstand hin, dass du, das eigentliche Diskussionsthema ausblendend, versucht hast, durch eine praktische “Anwendung” der Thematik auf meine formale Darstellungsweise, die eigentliche Diskussion (in deinen Worten aber ohne Erkenntnisgewinn) zu unterwandern. Dieses Vorgehen fällt natürlich in den Bereich der Rhetorik, wenngleich es nicht sauber ausgeführt war, aber in unser Diskussionsfragment bringt das kein Licht.

  34. 34 Stefan Spiess 24. März 2009 um 10:44

    Zunächst mal Danke für das Zornverrauchenlassen. :)

    Ich hab mich da erstmal rausgehalten. Beim nochmaligen Lesen fällt auch auf, dass scheinbar besonders mein unsachlicher Stil da eine gewisse “Hitze” reingebracht hat. Zu diskutieren, woran das liegt, gehört nur bedingt hier her, ich kann dich aber auch gleich zitieren: Auf manche Sachen reagiere ich einfach schlecht.

    Ich glaube allerdings, dass es sich wie folgt verhält:
    1) Diese eher blumige Ausdrucksweise, die du zum Beispiel praktizierst, Pathoblogus, hat in bestimmten Wissenschaften ja durchaus ihre Tradition und Fans. Die Soziologie gehört da (ich kann nur für Deutschland sprechen) nicht wirklich dazu. In der Soziologie wird komischerweise ein eher seltsamer Stil des ewigen relativierens und drumherumschreibens praktiziert. Und das genau ist ja mein Problem damit.
    2) Interessant daran finde ich, dass komischerweise genau die Leute, die du als uninteressierte Öffentlichkeit bezeichnest, ebenfalls darauf besteht, dass man “als Wissesnschaftler” eben so redet. Sonst wird man nicht ernst genommen.
    3) Ich unterstelle niemandem, dass er keinen Inhalt hätte, nur weil er besonderen Wert darauf legt, sich mit reichlich stilistischen Kniffen zu kleiden, und auf hohem sprachlichen Niveau klassischen Typs schreibt. Dennoch führt das häufig dazu, dass man mehr Zeit in Worte als in Erkenntnisse investiert. Ich meine damit nicht mal besonders dich. Mir schweben da eher Politiker und andere Leute vor, die eigentlich gar keine Ahnung haben, aber sich von Wissenschaftlern solche Worte wie “Prekariat” abschauen und die dann völlig verantwortunglos um sich werfen.

    Vielleicht kann ich ja so nochmal einen “contentual turn” in diese Diskussion bringen, eigentlich schade, dass die so entgleist ist, offenbar spricht die ja doch viele Leute ganz unterschiedlich an.

  35. 35 Stefan Spiess 24. März 2009 um 10:53

    P.S.: Ich mag das auch (Diesen Stil… blumig und so…). Ich arbeite nur daran, “weniger Form – mehr Inhalt!” in meine persönlichen Schriebe zu bringen. Also mehr Lesbarkeit zu erreichen, vielleicht auch mal mit Bunten Bildern, wenn sie dem Verständnis oder der Wohlfühlfaktor für Leser dienen.

    Das ist zugegebenermaßen sehr populärwissenschaftlich. Aber die Frage ist doch dann, ob das so schlimm ist. Wenn man eine Erkenntnis erreicht hat, die der Öffentlichkeit durchaus nützen könne, dann kann man die doch auch so verkünden.

    Andere Wissenschaften machen das ungefragt ständig, die Frage ist also, warum beispielsweise die Soziologie und die Pädagogik oder auch die Linguistik und besonders die Philosophie das eher nicht machen?

    Was hat Harald Lesch, was Niklas Luhmann nicht hatte? ;)

  36. 36 Martin 24. März 2009 um 11:41

    @ pathoblogus: Meine Churchill-Taktik Dir gegenüber war lediglich eine Reaktion auf vorangegangene Aggressionen.

    @ Alle: Wie kriegen wir nun die Diskussion wieder zum Laufen? Ich schlage vor, dass uns Katharina als Autorin des Artikels einige pointierte Fragen stellt. Dies hat sie weiter oben schon mal gemacht, allerdings wurde das ignoriert.

    Daher meine Bitte an Alle Beteiligten: Zunächst einmal nur auf die von Katharina gestellten Fragen eingehen. Die Diskussion kann dann später wieder geöffnet werden. Bitte keine (offenen oder versteckten) Beleidigungen und unsachlichen Vorwürfe, und die Argumente auf den Punkt bringen.

    Also bitte ein bisschen Geduld bis Kathi hier ihre Fragen postet (heute nachmittag?). Bis dahin bleibt die Kommentarfunktion in diesem thread gesperrt.

  37. 37 Katharina 24. März 2009 um 16:08

    Auf Martins Vorschlag hin poste ich hier ein paar Fragen, die mir zum Thema des „öffentlichen Intellektuellen“ am relevantesten erscheinen. Es scheint mir sinnvoll, dass wir uns in dieser Diskussion mehr einschränken und sehe daher von einigen grundlegenden Fragen ab, die ich weiter oben schon einmal gestellt habe.
    Aus Gründen der Überschaubarkeit fände ich es sinnvoll, bei der Beantwortung die Nummerierung der Fragen beizubehalten. Es ist übrigens nicht nötig, in einem Kommentar auf alle Fragen einzugehen. Trotzdem bitte ich aber, zu kennzeichnen, auf welche man sich bezieht.

    1. Welche Funktion hat die wissenschaftliche Sprache (Ästhetik, Übermitteln von Information, beides, anderes?)? Welche Ansprüche stellt sie?
    2. Hat die Wissenschaft eine Verantwortung, wenn ja, welche, wem gegenüber? Sind hier alle Wissenschaften gleich zu behandeln?
    3. Büßt die Wissenschaft / der Wissenschaftler etwas ein, wenn sie / er sich an die Allgemeinheit richtet?
    4. Welchen Sinn macht es, wissenschaftliche Erkenntnisse an die Öffentlichkeit weiter zu reichen? Was kann dadurch erzielt werden?

    Los geht’s!

  38. 38 Martin 29. März 2009 um 13:39

    Dieser Kommentar berührt vor allem Fragen 3 und 4, ist aber allgemeiner gestreut.

    Ich denke, dass in der Diskussion zwei Dinge vermischt wurden, die getrennt werden sollten: Zum einen die Qualität der Wissenschaft, zum Anderen die Qualität der Sprache. Mit Qualität der Sprache meine ich einen klaren, präzisen, lesbaren Sprachstil, der präzise Begriffe verwendet und die Dinge klar darstellt, anstatt sie zu verwischen. Natürlich ist dies weiterhin Gegenstand von Debatte, aber für diesen Kommentar blende ich das einmal aus. Wenn ich von Wissenschaft schreibe, meine ich Sozialwissenschaft, für andere Bereiche traue ich mir kein Urteil zu.

    Wissenschaftliches und sprachliches Niveau existieren relativ unabhängig voneinander und ergeben folgende idealtypische Paarungen:

    (a) Niedrige Wissenschaftlichkeit und niedriges Sprachniveau. Hier ergibt sich eine interessante Verwandschaft von Populärwissenschaft (z.B. Dokumentationen im Fernsehen), in der wissenschaftliche Ungenauigkeit mit einer zwar verständlichen, aber sehr ungenauen und unreflektierten Sprache gepaart wird. Zum anderen ein Phänomen, das ich hier etwas polemisch als Pseudo-Wissenschaft bezeichnen will, in der die mangelnde wissenschaftliche Präzision durch einen schwer verständlichen Sprachstil verwischt werden soll. Vielen Lesern flößt dies Ehrfurcht ein, sie meinen fälschlicherweise, vor einem besonders hochwertigen Stück Wissenschaft zu sitzen.

    (b) Niedrige Wissenschaftlichkeit und hohes Sprachniveau. Hier kann sich jemand gut ausdrücken und die Dinge mit klaren, eingänglichen Begrifflichkeiten belegen, legt allerdings wenig Wert auf die wissenschaftliche Absicherung ihrer/seiner Behauptungen. Dies kann etwa ein Essay sein, in dem neue Ideen präsentiert werden. Diese Form des Diskurses wird meiner Meinung nach hierzulande oft noch unterschätzt. Denn tatsächlich werden hier Thesen aufgestellt, die man später empirisch prüfen und wissenschaftlich untermauern (oder natürlich falsifizieren) kann. Oft genug tragen solche essays zu einem Erkenntnisgewinn bei. Hierin sehe ich auch die Aufgabe von wissenschaftlichen Blogs. Wie es in unserer ‘Idee des Blogs’ schon heisst, wollen wir vor allem ein Marktplatz sozialwissenschaftlicher Ideen und Anregungen sein.

    (c) Hohe Wissenschaftlichkeit und niedriges Sprachniveau. Hier hat tatsächlich jemand wissenschaftlich sauber gearbeitet, scheitert aber an der Darstellung. Vorausgesetzt, dass er oder sie saubere Begrifflichkeiten verwendet (schließlich ein Element von hoher Wissenschaftlichkeit), gehen die Aussagen in einem Schwall von Worten unter, in unnötig langatmigen Textpassagen und unverständlichem Kauderwelsch. Spontan fallen mit hier Luhmann und Bourdieu ein. Die Tragik Luhmanns liegt meiner Ansicht nach darin, dass man trotz seiner Genialität auch auf ihn verzichten kann (im Gegensatz zu Bourdieu). Und aufgrund seiner Sprache tun dies auch Viele. Viele Luhmann-Fans wiederum meinen, Erkenntnisgewinn müsse per se anstrengend sein, was ich für ebenso tragisch halte.

    (d) Hohe Wissenschaftlichkeit und hohes Sprachniveau. Hier genügt die Arbeit den höchsten wissenschaftlichen Ansprüchen und ist sprachlich gut dargestellt und mit eingehenden Begrifflichkeiten belegt. Ein Musterbeispiel ist ohne Zweifel Robert K. Merton, der bezeichnenderweise auch der weltweit meistzitierte Soziologe des 20. Jahrhunderts war. Ebenso C. Wright Mills, dessen Werk “The Sociological Imagination” von der International Sociological Association zum zweiteinflussreichsten soziologischen Buch des 20. Jahrhunderts gewählt wurde. Dass beide Amerikaner sind, ist wohl kein Zufall.

    Meiner Meinung nach ist Letzteres der Königsweg der Soziologie. Gerade in einem Zeitalter, in dem Demokratisierung, Zugänglichkeit und Transparenz immer größer geschrieben werden, wird dies auch immer stärker von der Soziologie eingefordert werden. Und meiner Meinung nach ist das auch gut so.

    Bedeutet dies aber, dass man für eine möglichst breite Öffentlichkeit schreiben muss? Dahrendorf propagiert die Vorstellung eines öffentlichen Intellektuellen, der keine Berührungsängste hat, sich mit Politikern abzugeben und auch mal einen Kurzessay für eine Qualitätszeitung oder ein Blog zu schreiben. Keineswegs also geht es um Populärwissenschaft und das Erreichen möglichst großer Massen, sondern um ein Engagement an den Schalthebeln gesellschaftlicher Wissensproduktion.

    Wissenschaft per se ist wohl kaum geeignet, ein breites Massenpublikum zu erreichen, sondern immer nur eine interessierte Minderheit. Der öffentliche Intellektuelle hingegen erreicht Publizisten und Journalisten, Lehrer und Blogger, welche die gewonnene Erkenntnis in mehr oder weniger originaler Form weitertragen.

    Als Public Scientist sollte man denke ich eine Trennung vornehmen. Ich persönlich versuche als Soziologe einerseits, eine Arbeit zu verfassen, die in die Kategorie (d) fällt, höchsten wissenschaftlichen Ansprüchen genügt und sprachlich klar, eindeutig und zugänglich ist. In meiner bescheidenen Existenz als public sociologist in diesem Blog drifte ich jedoch gezwungenermaßen eher in Richtung (b) niedrige Wissenschaftlichkeit und gute Sprache ab (zumindest versuche ich dies).

    Ein Blog / Zeitungsessay ist eben nicht der richtige Ort, um strenge Wissenschaft in voller Länge und Komplexität zu veröffentlichen. Strenge Wissenschaft ist in wissenschaftlichen Journalen und Büchern bestens aufgehoben, wo sie den nötigen Platz und die nötige Unaufgeregtheit hat, um sich zu entfalten. Vielmehr sehe ich die Funktion des Öffentlichen Intellektuellen / eines wissenschaftlichen Blogs einerseits in der Anreicherung von öffentlichen Diskursen mit wissenschaftlichen Perspektiven (gerade für Soziologen gehört dies in meinen Augen auch zu der Verantwortung, die ihnen das Fach überträgt). Andererseits wirbt man dabei natürlich für seinen jeweils eigenen Fachbereich und kann vielleicht den einen oder die andere Leser/in dafür gewinnen, auch mal in die streng wissenschaftliche Domäne des Fachs hinein zu schnuppern.

    In Bezug zu Frage 3: Die Wissenschaft an sich büßt mit Sicherheit nichts ein, wenn sie sich an eine breitere Öffentlichkeit wendet – im Gegenteil, sie gewinnt durch eine stärkere öffentliche Präsenz. Allerdings wird sie es nicht unbedingt schaffen, strenge Wissenschaftlichkeit in die Öffentlichkeit zu tragen. Wohl aber, Interesse dafür zu wecken.

    Zu Frage 4: Im Falle der Soziologie: Durch mehr Öffentlichkeit kann zu einem rationaleren Verständnis von gesellschaftlichen Prozessen beigetragen werden. Mehr dazu auf der Seite “der soziologische Blick”. Für sich selbst hat die Soziologie den Nutzen des gesteigerten Prestiges in Öffentlichkeit und Politik, da dürften dann auch mehr Forschungsgelder und weniger Lehrstuhlschließungen herausspringen.

  39. 39 Karin Henjes 29. März 2009 um 16:41

    und was ist mit der veränderung von sprache selbst in der blogosphäre? forscht die soziologie darüber, im idealfall zusammen mit der linguistik? bin schon einige jahre aus dem wisschenschaftsbetrieb draußen, es würde mich aber sehr interessieren!

  40. 40 pathoblogus 30. März 2009 um 17:08

    wo ist denn der beitrag von katharina hin, hab ihn gestern nurnoch angelesen, jetzt ist er weg

    pathoblogus.wordpress.de

  41. 41 Katharina 30. März 2009 um 17:24

    [Anmerkung der Autorin: Dieser Kommentar wurde aufgrund eines gestrigen eher uncoolen Anfluges von Unsachlichkeit überarbeitet.]

    @ Martin
    Zu Frage 2 und 4: In dieser Diskussion wird vor allem ein Begriff recht zweideutig durcheinander geworfen: Öffentlichkeit. Ich muss glaube ich klarstellen, dass mein Artikel doch eine globalere Definition von „Öffentlichkeit“ hat. Mein Konzept weicht hier vermutlich auch von Dahrendorfs ab. Mehr Präsenz von Soziologen in Politik und Wirtschaft ist ein sehr wichtiger Punkt. Ich gehe aber noch einige gewagte Schritte weiter, indem ich durchaus auch die breitere „Masse“ ansprechen möchte. Ich will die Grundlage meiner kleinen Utopie hier kurz erläutern:
    Es ist leider Tatsache dass nur eine kleine Minderheit sich für wissenschaftliche Themen interessiert. Man kann auch niemanden zwingen, sich für etwas zu interessieren wovon sich die meisten Menschen völlig unberührt fühlen. Die Wissenschaft allein wird dies bedauernswerter Weise auch nicht ändern können. Aber wodurch könnte sie beitragen? Ich habe mir überlegt, Dahrendorfs Idee bis auf die Ebene der Kommunikation zwischen Wissenschaft und breiter Masse zu erweitern, denn mir scheint der Diskurs hier ebenso wichtig.
    Dein Appell, Martin, „sich mit Politikern abzugeben und auch mal einen Kurzessay für eine Qualitätszeitung oder ein Blog zu schreiben“ (vermutlich ganz im Sinne von Dahrendorf), würde sicher sehr viel bringen, hat aber nur indirekt mit „der Öffentlichkeit“ zu tun. Wer würde denn z.B. Kurzessays in Qualitätszeitungen lesen? Die schon Interessierten. Das sind meistens, ebenso wie wir, Spezialisten. Diese „öffentlichen Diskurse“ sind allenfalls Diskurse IN der Öffentlichkeit, aber noch lange nicht Diskurse MIT der Öffentlichkeit. Ich bezweifle dass diese viel Interesse von Seiten der (nach meiner Definition) Öffentlichkeit wecken.
    Viel wirkungsvoller finde ich die Möglichkeit der direkten Beteiligung der Bürger an Diskursen. Z.B. bieten die Online-Versionen mancher Zeitungen (beispielsweise des britischen Guardian) jedem Leser die Option an, seine Meinung in Form eines Kommentars abzugeben. Scheint in Großbritannien, anders als in Deutschland, auch recht beliebt zu sein. Ich habe allgemein den Eindruck, dass dem britischen Bürger viel mehr „common sense“ zugetraut wird als unserem „Pöbel“… Ist das möglicherweise eine selbst erfüllende Prophezeiung?

    Du sagst in einem früheren Kommentar, Wissenschaft sei da, um Wissen zu schaffen. Jetzt ist die Frage: Für wen? Im Moment sind wissenschaftliche Blogs eine Art Online-Stammtisch für Wissenschaftler, an dem man „öffentlich“, aber trotzdem unter sich, debattiert. Selbstverständlich wird hier eine etwas verständlichere Sprache angewandt, und man erlaubt sich die eine oder andere Subjektivität. Aber vermutlich findet hier wenig Erkenntnisgewinn für jemanden außerhalb dieser Wissenschaft statt. Das ist zunächst mal überhaupt nicht schlimm. Allerdings entsteht der Eindruck, dass gerade Blogs sich gerne mit einem gewissen „pseudo-öffentlichen“ Charakter schmücken. Sie sind und bleiben dennoch oft „geschlossene Gesellschaft“.
    Daher ist es meiner Meinung nach etwas euphorisch zu behaupten, man steige aus seinem Elfenbeinturm, nur weil man z.B. einen Blog ins Internet stellt, der für die „Öffentlichkeit“ zugänglich ist, aber in Wirklichkeit ausschließlich Soziologen (oder Wissenschaftler aus anderen Bereichen) anspricht, die gerne Zeit im Internet verbringen. Man muss deswegen sein Konzept nicht ändern, ich finde diese Art Plattform für Soziologen eine hervorragende Entwicklung. Allerdings müsste man für dieses Ziel glaube ich einen präziseren Begriff wählen als „ Öffentlichkeit“.

    Weiterhin kann ich mir unter dem Begriff Populärwissenschaft wenig vorstellen. Klingt abwertend, aber was ist damit gemeint? Sollte dies eine ans Volk gerichtete „Aufklärung“ sein, dann lebe die Populärwissenschaft!

    @Karin
    Deine Frage ist hervorragend! Leider kenne ich bisher keine Untersuchungen zu dem Thema. Ich bin mittler Weile gar nicht mehr so sicher, ob Blogs so „öffentlich“ sind wie sie gerne behaupten. Denn: Wer nutzt das Internet zum Zwecke des soziologischen / ideologischen / politischen Meinungsaustausches? Ich befürchte auch hier ist wieder nur die hohe Bildungsschicht vertreten. Woran man das merkt? An der Sprache…
    Ich stelle in Frage, ob sich die Sprache in der Blogosphäre signifikant von gängiger wissenschaftlicher Literatur unterscheidet. Wie Martin schon angemerkt hat, zeichnet sich hier hauptsächlich eine Minderung des wissenschaftlichen, aber nicht zwingend des sprachlichen Anspruchs ab.

  42. 42 Katharina 31. März 2009 um 18:10

    Noch eine weitere Begriffsfrage @ Martin:
    Du beschreibst in deinem Kommentar verschiedene Paarungen von wissenschaftlichem und sprachlichem Niveau. Dabei fällt mir auf, dass du Sprachniveau mit Sprachqualität gleichsetzt.

    Sowohl bei der Einstufung der Wissenschaftlichkeit als auch der Sprache würde ich klar zwischen Niveau und Qualität trennen.
    In c) beschreibst du ein niedriges Sprachniveau als „Schwall von Worten“ und „unnötig langatmigen Textpassagen und unverständlichem Kauderwelsch“. Diese Charakteristika beschreiben einen qualitativ schlechten Text, aber kein niedriges Niveau (im Sinne von Schwierigkeitsgrad).
    Andersrum kann auch ein niedriges Sprachniveau qualitativ gut sein. Im Zusammenhang mit der Populärwissenschaft kombinierst du z.B. niedrige Wissenschaftlichkeit mit niedrigem Sprachniveau. Das Problem der Populärwissenschaft ist vielleicht weniger ihr niedriges Niveau, sondern ihre niedrige Qualität von Sprache und Wissenschaftlichkeit. Man büßt nicht zwingend „Korrektheit“ ein in dem man das Niveau senkt, wohl aber, wenn man schlampig arbeitet und dadurch fehlerhafte Information produziert. Würde Populärwissenschaft tatsächlich von Wissenschaftlern betrieben werden (die sich aber meist nicht auf diese Ebene begeben möchten), entstünde diese schlechte und schädigende Art von Populärwissenschaft vielleicht nicht, die ich übrigens als echtes Problem betrachte.

    Ich bin für hohe Qualität von Wissenschaftlichkeit und Sprache auf verschiedenen Niveaus in verschiedenen Kombinationen, je nach Bedarf.

    Vielleicht beantwortet diese Trennung von Niveau und Qualität auch die Frage, wie man die Kommunikation zwischen Wissenschaft und breiter Öffentlichkeit praktisch umsetzen könnte. Was könnte man tun?

    Es gibt beispielsweise noch keine Zeitung, die niedrige Wissenschaftlichkeit + niedriges Sprachniveau gleichzeitig mit hohem qualitativem Anspruch verbindet. Wie schon in meinem Artikel angesprochen, wird in den Medien bisher nur zwischen „interessierter“ und „nicht interessierter“ Öffentlichkeit getrennt. Dabei wird automatisch „interessiert“ mit hohem Niveau und „nicht interessiert“ mit niedrigem Niveau verknüpft. Für interessierte Menschen, die gerne gute Artikel lesen würden, aber deutliche Verständnisprobleme haben, was ein hohes Sprachniveau anbelangt, gibt es bisher praktisch keine Literatur. Wenn also jemand ein höheres sprachliches Niveau nicht beherrscht, ist er dazu verdammt, die Bildzeitung zu kaufen. Diese Gruppe wendet sich vermutlich auch häufig der schlechten Populärwissenschaft zu. Eine hochwertige auf dieses Publikum abgezielte Zeitung etwa könnte diese interessierten Leser auffangen.

    Ein soziologisches Blog könnte einem nicht-akademischen Publikum dabei helfen, den Inhalt seiner Artikel zu verstehen, in dem es eine Seite erstellt, auf der einige soziologische Grundkonzepte leicht verständlich erklärt werden. Zu diesem Zwecke könnte auch ein Glossar angelegt werden – eine Art „survival sociology“, die man schnell befragen kann, wenn man auf ein unbekanntes Konzept stößt.

    Mit ein etwas Kreativität lässt sich fast überall ein bisschen Wissen vermitteln.
    In den existierenden Zeitungen könnte eine „Wissen Sie schon…?“ – Ecke der Allgemeinbildung gewidmet werden, wo relevante wissenschaftliche Themen oder Begriffe kurz vorgestellt werden. Damit meine ich nicht „Wissen Sie schon, dass Sie im Durchschnitt 100 Mal im Jahr niesen?“, sondern z.B. „… was der so genannte ‚Matthäus-Effekt’ ist?“…

    Nur um mal ein paar Ideen zu nennen…

    Und ich bin ein großer Fan des Essays, der hier auch schon angesprochen wurde. Diese Gattung ist so vielseitig dass sie ohne Qualitätsverlust auf mehreren Niveaus von Wissenschaftlichkeit und Sprache betrieben werden kann und sich somit für unterschiedliches Publikum eignet.

  43. 43 pathoblogus 31. März 2009 um 19:00

    Selbiges ist auch mir aufgefallen: durch die fehlende saubere Begriffstrennung zwischen Niveau und Qualität ist Martins Darstellung mehrdeutig. Hier würde es sich anbieten, entweder eine Explikation vorzunehmen, bevor die Worte noch benutzt werden, oder ganz einfach ein neues “Begriffsinstrumentarium” anzulegen. Was wiederum eine weniger intuitive Lesbarkeit nach sich zöge.

    ad “Essay”: als Form würde ich sagen, dass gerade hier ästhetische Mittel mit hineinspielen. Man denke etwa an Walter Benjamin oder Theodor Adorno. Natürlich wird ja heutzutage schon jeder wissenschaftliche Aufsatz als solches bezeichnet, das ergibt sich aber eher aus ökonomischen Gründen, zum Beispiel zur Darstellung von Forschungsergebnissen, die eine größere Publikation vorbereiten, worein der Aufsatz einen Einblick bieten soll. Etwa als ein “Meilenstein”. Natürlich wäre es ein Fehler die Kunstform Essay von Montaigne abzuleiten. Dennoch hat die Form meiner Meinung nach literarische Grundlagen.
    Gerade hier sehen wir aber, dass nicht jede Art von Anspruch dem kleinsten gemeinsamen Nenner angepasst werden kann. Z.B. die Aufsätze über das mimetische Sprachvermögen; über die Gewalt; … von Benjamin verlören ohne ihr ästhetisches Element an Inhalt. Dass aber ebendiese Aufsätze sich einer populären Rezeption eher widersetzen wird ja wohl keiner bestreiten. Darauf wollte ich eigentlich auch schon zu beginn der Diskussion hinaus. Im 20., eigentlich schon im 19. Jahrhundert hat sich an einigen Beispielen gezeigt, dass Ästhetik sich nicht einfach von wissenschaftlichem Vorgehen trennen lässt, das lässt sich also nicht bloß auf den Stil der Darstellung reduzieren.

    pathoblogus.wordpress.de

  44. 44 Katharina 31. März 2009 um 21:37

    @ pathoblogus
    Auch für mich ist der Essay eine Kunstform. In vielen Essays ist gerade die Ästhetik das treibende Element, und mir persönlich gefallen diejenigen am besten, die voll von rhetorischen Mitteln sind und gerne auch mal ein wenig Ironie und Humor einbauen. Der Essay erhält dadurch ganz klar literarische Züge. Diese Essays entfalten sich meist erst dann vollkommen, wenn man sie auf mehreren Ebenen liest. Wenn ein solcher Essay allerdings wirklich ausgeklügelt geschrieben ist, bleibt er auch dann interessant, wenn man nicht jede dieser Ebenen versteht. Das ist gerade das Faszinierende an dieser Gattung!

    Als wir in der vorangegangenen Diskussion von wissenschaftlicher Literatur gesprochen haben, hatte ich tatsächlich weniger an den Essay gedacht, weil hier die strenge wissenschaftliche Methode ja bewusst vernachlässigt wird, und er somit nicht die Kriterien eines wissenschaftlichen Textes erfüllt. Ich bin nach wie vor der Ansicht, dass eine Trennung zwischen Ästhetik und streng wissenschaftlichen Texten besteht und bestehen muss. Der Essay beweist jedoch, dass es auch attraktive Mischformen gibt.

    Ich denke aber, dass Essays sich gerade wegen ihres oft unterhaltsamen Charakters hervorragend dazu eignen, Interesse an einem bestimmten Thema zu wecken und ihm die „Trockenheit“ zu nehmen.

  45. 45 Stefan Spiess 1. April 2009 um 01:03

    Ich habe jetzt mal vorsichtshalber eine Weile nicht meinen Senf dazu gegeben. Die letzten Male war er mir glaube ich entweder zu scharf oder zu unscharf geraten.

    Nach gründlichem Lesen des Diskussionsverlaufes möchte ich aber mal eine Grundidee zur klareren Trennung sich überschneidender Fragestellungen entwerfen:

    Frage Nummer 1: Warum ist Stil wichtig? Wegen der Präzision. Wo ist er wichtig? Überall.

    Dass man nicht für “jedermann” verständlich schreiben muss und kann, ist mehr oder weniger klar. Zumindest nicht in einem einzigen Dokument, soll dieses noch irgendwie mehr sein als bloße gesammelte Information ohne Struktur. Gerade Soziologen und anderen Sozialwissenschaftlern sollte spätestens seit dem Werturteilsstreit klar sein, dass man eine Einschränkung seines Forschungsgebietes nicht vermeiden kann und sollte – es muss nicht jede Arbeit eine Art geschriebenes Denken sein. Definition an den Anfang, wenn ichs genauer wissen will, nehm ich mir das Handwörterbuch der Soziologie und schlags nach.
    Was allerdings keinen Sinn macht, ist auch da ein sprachliches Ekzem zu schreiben, wo das fachlich nicht notwendig ist. Habitus ist Habitus. Okay. Aber muss man schreiben “der gar unglaublichstes mehrmals in rascher Folge in so vollendeter Form meine Augen erblicken ließ”, wenn man auch schreiben kann “Leistung von X: 100%”. Nur darum sind doch Statistiken und knapper Stil sinnvoll. Sie vermeiden Redundanz und präzisieren die Aussage.

    Frage Nummer 2: Ist “Öffentlichkeitsarbeit” von Wissenschaftlern überhaupt machbar? Und wenn ja, wie?

    Schauen wir uns aber den wissenschaftlichen Alltag an: Wenn jemand sorgfältige wissenschaftliche Arbeit macht, hat er oftmals wahrscheinlich weder Zeit noch ein publizistisches Interesse, seine Erkenntnisse in populärwissenschaftlichen oder gar völlig hohlen Medien wie den vier Buchstaben wieder zu finden. Das sieht zunächst ein bisschen nach einem Dilemma aus.

    Im Medienalltag finden wir häufig einen Typus, der es sich da allzu einfach macht: Ich nenne ihn einfach mal Beispielhaft Christian P. Der beschäftigt sich mit Gewalt und Medieninhalten, und scheut absolut keine Gelegenheit, sich vor eine Kamera zu drängen. Dieser Mann hat aber (unterstelle ich mal ganz dreist, ist ja eine fiktive Person) eine politische Agenda – er will etwas ganz bestimmtes erreichen. In seinem Falle: Ein Verbot von Killerspielen.

    Frage Nummer 3: Wer oder was ist eigentlich “die Öffentlichkeit”? Und ich könnte mir vorstellen, dass Herrn Dahrendorfs Wahlheimat Großbritannien da einen wertvollen Hinweis gibt. Kann es sein, dass das “informiert sein”, “gesellschaftliche Verantwortung übernehmen” und “aktiv an der Gestaltung der Gesellschaft teilnehmen” einfach Ansprüche sind, die die angelsächsische politische und zivilbürgerliche Kultur einfach verlangt, und die deutsche tut das nicht? Wenn Sozialwissenschaftler ihre Ergebnisse gewissenhaft zusammengefasst auch der Öffentlichkeit zugänglich machen, kann da ja eigentlich nichts schlechtes dran sein.

    Und die andere Fragestellung wäre dann, und könnte dann mit der ersteren korrelieren (Für Nicht-Sozialwissenschaftler: Hier steht, was Korrelation ist: http://de.wikipedia.org/wiki/Korrelation), wie die Wissenschaft in eine nationale Kultur eingebettet ist. In Deutschland habe ich oftmals den Eindruck, dass Leute “nur für sich” studieren. Oder kurz zusammengefasst: Kann es sein, dass die deutsche bürgerliche Kultur ebenso wie die deutsche wissenschaftliche Kultur eine relativ niedrige Bereitschaft nach sich zieht, sich als Teil der Gesellschaft zu sehen und dafür auch persönliche Verantwortung zu übernehmen?

    Und justament da kommen Plattformen wie sozialwissenschaftliche Blogs oder Zeitschriften wie die “WELT” ins Spiel.

    Ein Blog wie dieses kann sicherlich nicht alle Leute ansprechen. Allerdings arbeiten auch wir darauf hin, soziologische Studien und Erkenntnisse aus dem uns zugänglichen Sprachraum so umzuarbeiten, dass sie schonmal einem größeren Publikum in verständlicher Form vorliegen. Dazu stellen wir uns noch der Kritik eines informierten Publikums, in diesem Falle allen Lesern. Ein bisschen im rahrsten Sinne des Wortes “Öffentlichkeitsarbeit” ist also getan.

    Die WELT hat einen breiteren Leserkreis, und dementsprechend weniger fachspezifisch bildet sie soziologische Erkenntnisse ab. Sie schafft es dabei aber dennoch häufig, darauf hinzuweisen. Und Damit geht sie schon einmal einen lange Zeit unpopulären Weg – sie veröffentlicht andere wissenschaftliche Erkenntnisse als die über neue Breitbildfernseher, Abnehmpillen oder Raumschiffe. Sie veröffentlicht Erkenntnisse darüber, wie solche Dinge wahrgenommen werden, was sie für eine Wirkung haben, und dass sie nicht unbedingt selbstverständlich sind.

    Damit wäre ich wieder am Ausgangspunkt angelangt: Diese Medien ermöglichen einem größeren Kreis von interessierten Bürgern und Bürgerinnen, einen intellektuellen und politischen Nutzen zu ziehen. Der da wäre: Die eigene Gesellschaft für 5 Minuten am Tag auf Seite 3 in ihrer Lieblingszeitung mit einer Beobachtung zweiter Ordnung zu bedenken. Und das geschieht in Dahrendorfs Wahlheimat häufiger. In Deutschland kommt man nur mit belanglosen – wenn auch vielleicht berechtigten – Allgemeinplätzen in die Medien.

    Ein öffentlicher Intellektueller, ein lebender homosociologicus, der kann in Großbritannien geadelt werden und findet in der Politik Gehör. In Deutschland macht man ihm den Lehrstuhl zu und er lässt es sich auch noch gefallen, weil er eher sterben oder die Bibel verschlingen würde, als auch nur einmal zu behaupten, er könne die Politik beraten, würde wirklich Aussagen über die Realität machen.

    Und am Ende meiner kleinen Polemik:
    A) Wann werden deutsche Sozialwissenschaftler endlich verantwortungsbewusste Bürger ihres Staates?
    B) Wer oder was sind die “Information Broker” die zwischen Wissenschaft und Öffentlichkeit vermitteln? Sind es “öffentliche Intellektuelle” – eine Art Bindeglied zwischen der Welt der Wissenschaft und dem Rest der Gesellschaft? Da wäre mal eine Netzwerkanalytische Herangehensweise interessant. Und weil wir ja Soziologen sind: Können öffentliche Intellektuelle auch nichtmenschliche Akteure sein? Was für eine Funktion haben also die von Katharina schon angesprochenen Austauschmedien?
    C) Was hat das damit zu tun, welchen Stil man schreibt? Und das meine ich genau so, nicht ironisch. Wie wirkt sich das, was wissenschaftlich als Stil “en vogue” ist, darauf aus, wie eine Wissenschaft in der Öffentlichkeit wahrgenommen wird? Wenn Soziologen sich einer solchen Frage nicht stellen wollen, dann können wir zumachen.

    Liebe Grüße und viel Spaß beim Durchlesen, wenn das noch jemand auf sich nimmt, ich habe beim dritten Mal durchlesen immer noch das Gefühl, dass da reichlich Steine von mir reingepackt wurden, die wieder zurückfliegen. Throw them carefully, someone might get hurt otherwise!

    Stefan

  46. 46 Katharina 4. April 2009 um 01:00

    Ein kleiner Auszug aus Ralf Dahrendorfs Buch VERSUCHUNGEN DER UNFREIHEIT: DIE INTELLEKTUELLEN IN ZEITEN DER PRÜFUNG (2006), in dem er den öffentlichen Intellektuellen beschreibt:
    „…Menschen, die mit dem und durch das Wort wirken. Sie reden, sie diskutieren, sie debattieren, vor allem aber schreiben sie… Sie wollen, dass andere, möglichst viele andere, hören oder besser noch lesen, was sie zu sagen haben. Ihr Beruf ist die kritische Begleitung des Geschehens.“

    Reinschnuppern kann man hier: http://books.google.de/books?id=s920Z2OIX1kC&printsec=frontcover

  47. 47 pathoblogus 4. April 2009 um 10:06

    Ich höre hier, schon seit Beginn der Diskussion, also auch schon während des etwas übergeschwappten ersten Teils, einen implizite Auffassung von “Bildung” heraus. Meiner Meinung nach lassen sich die Implikate: “Forschung mit Ergebnissen”, “verständliche Sprache der Wissenschaft”, … auf eine solche Bildungshypothese zurückführen. Der Titel dieses Blogs stellt schon einen eindeutigen Bezug zu Dahrendorf her. Mich würde interessieren inwieweit mitunter problematische Positionierungen wie: “Bildung als Bürgerrecht” geteilt werden, das könnte versteckte Voraussetzungen sichtbar machen, die dann eben auch in die Sprachverständnisse eingreifen.

    pathoblogus.wordpress.de

  48. 48 Stefan Spiess 7. April 2009 um 12:42

    Um es kurz zu machen: Was meinst du damit? :)

  49. 49 pathoblogus 8. April 2009 um 16:44

    Ich habe genau das gemeint, was ich auch gesagt habe :)

    Vielleicht aber ein kleiner Teil davon: Die Forderung nach einer “verständlichen” wissenschaftlichen Sprache enthält natürlich gleichzeitig eine Annahme über den Effekt, den diese Verständlichmachung nach sich ziehen soll. Eine ganz banale Frage wäre zum Beispiel, worin denn der Zweck einer Popularisierung liegen soll. Haben außerdem alle Menschen ein Anrecht auf dieses Wissen? Hat denn die Wissenschaft einen Auftrag?

    Das ist nur ein kleiner Teil der Frage, die ich oben gestellt habe.

    pathoblogus.wordpress.de

  50. 50 Katharina 8. April 2009 um 19:24

    Also um genau zu sein habe ich eben diese Fragen in anderen Worten bereits mehrfach und gezielt gestellt, siehe weiter oben Fragen 1-4. An diesen hat sich bisher allerdings nur Martin orientiert.
    Die Idee war zunächst diese Fragen zu klären, bevor wir das Thema ausweiten.


  1. 1 Wichtiges Anliegen « Zwerge auf den Schultern von Riesen Trackback zu 20. März 2009 um 11:22

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