Nadja Benaissa ist schuld! Oder? – Tabus und Sündenböcke (Update)

© CC-Lizenz, Jonathan Sull 2005 / Flickr.com

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von Stefan Spiess

Dieser Artikel ist nicht dazu gedacht, irgendeine Wertung abzugeben. Er stellt den Versuch dar, neutral, aus der Perspektive des soziologischen Betrachters, die Debatte um den Fall “Nadja Benaissa” zu hinterfragen. Der Begriff “Schuld” ist dabei nicht im juristischen oder moralischen Sinne zu sehen. Schuld ist Gegenstand sozialer Konstruktion, ebenso wie Verantwortung. Ich versuche hier darzustellen, wo in der Gesellschaft eben diese Fragen stoppen – und wie sie trotzdem weitergeführt könnten.

Niklas Luhmann und andere Systemtheoretiker würden vielleicht sagen, dass an genau der Stelle, wo wir uns für “eine Schuldige” oder “einen Grund” entscheiden, die komplexe Realität vereinfachen [Wiki:Komplexitätsreduktion]. Auch das ist nicht Gegenstand irgendeiner Wertung – als Mensch kann man schlicht und ergreifend nicht alle Faktoren, die eine soziale Situation beeinflussen, überblicken. Gegenstand der Soziologie ist unter anderem, wie und wo genau solche Vereinfachungen vorgenommen werden.

Nadja Benaissa wurde festgenommen, weil sie jemanden mutmaßlich mit HIV infiziert haben soll. Sie selbst wusste angeblich, dass sie HIV-positiv ist, und hat ihren Partner darüber nicht informiert. [Spiegel Online]

Interessant ist aber die Argumentation: Sie ist schuld. Wenn man das Ganze objektiv betrachtet, dann sind Frauen die häufigeren “Opfer” von HIV und AIDS, alleine medizinisch gesehen ist die Infektionsgefahr für eine Frau schon deutlich höher, als für einen Mann. Auch sind es bei uns häufig Männer, die sich bei Prostituierten beiderlei Geschlechts  in der Heimat oder im Urlaub mit dem Virus infizieren. Außerdem: Wie viele Menschen gehören zum ungeschützten Geschlechtsverkehr? Genau: Zwei. Und das wirft die Frage nach der Verantwortung auf. Darum möchte ich in diesem Artikel kurz zwei soziologische Konzepte darstellen: Die Tabuisierung[Wiki] und den Sündenbock[Wiki]. Beide dienen dazu, die Suche nach Ursachen zu unterbinden oder zumindest zu vereinfachen. (Update: Das Thema ist natürlich auch ein gutes Beispiel für Stigmatisierung [Wiki].)

Die Tabuisierung

Diesem soziologischen “Monster des Alltags” begegnet man oft. Möglicherweise ist Deutschland auf Grund seines ausgeprägten Privatismus dafür prädestiniert? Bei Wikipedia heisst es, dass Tabus ein Thema vor dem Diskurs in einer Gruppe schützen. Nun existiert aber selten ein Thema, das sich selbst geschützt wissen will. Es sind immer Menschen, die hinter diesen Themen stehen. Es sind immer Menschen, die ihre Interessen geschützt wissen wollen. Das macht auch das Tabu so gefährlich. “Man sprich nicht über…” was? Spricht man nicht über die gesellschaftliche Verantwortung des Einzelnen? Spricht man nicht über seine sexuelle Interessenlage? Oder spricht man, Mafia lässt grüßen, nicht darüber, wenn jemand Beamte besticht, um dadurch die Konkurrenz auszustechen? Und was für Gründe gibt es, nicht über HIV und AIDS zu sprechen?

In Deutschland ist es nun so, dass HIV und AIDS trotz großangelegter Aufklärungskampagnen im privaten Bereich immer noch ein Tabuthema sind. Bei Jugendlichen geht das häufig noch ganz gut, aber was passiert, wenn diese plötzlich Erwachsene werden? Was passiert, wenn andere ihnen wichtig werden, und sie in eine “feste Beziehung” eintreten?

Über AIDS zu sprechen fällt schon vor fremden Menschen schwer, mit denen man keinen Sex hat, und an die man nicht so wie an einen Partner gebunden ist . Nach meinen Erfahrungen bei der AIDS-Aufklärung haben ich und viele meiner Kollegen und Kolleginnen eine Annahme immer wieder bestätigt gesehen: Paare sprechen nicht gerne über HIV und AIDS. Dann wird häufig, und gerade in Beziehungen, dieses Thema zu einem Tabu. Man liebt einen Menschen, man ist an ihn gebunden. Wie Menschen dabei im Einzelnen mit der Frage nach HIV und anderen Krankheitenverfahren, ist sicherlich sehr individuell. Aber: Sobald die Beziehung “offiziell” und “aidsfrei” ist, wird es schwierig über HIV und AIDS zu sprechen. Wenn man diese Möglichkeit nämlich in Betracht zieht, dann stellt man damit indirekt auch die Monogamie und exklusive Intimität einer Beziehung in Frage – zwei Dinge, die vielen Menschen geradezu heilig sind. Zuzugeben, dass man sich möglicherweise mit HIV angesteckt hat, kommt in vielen Fällen einem Beziehungsselbstmord gleich, ob “nur” subjektiv oder realistischerweise, das spielt aus der Akteursperspektive keine Rolle. Fertig ist die in diesem Falle wahrscheinlich wichtigste Tabuisierung.

Diesem Beziehungstabu sind aber noch sehr viele andere Tabus vorgeschaltet – HIV haben nur Prostituierte, Homosexuelle und Drogenabhängige (Update: s.u. “Stigmatisierung”). Diese bequemen Vorturteile, die die Masse der Gesellschaft aus der Gefahrenzone herauskonstruieren, sind immer noch sehr verbreitet. Zu uns ist mal jemand an den AIDS-Hilfe Stand gekommen, und meinte  “Das geschieht den Schwuchteln schon recht, mit ihrem ständigen Analverkehr. [Genau so!]” Eine unaufgeklärte Meinung, klar. Hört man aber manchmal. Und mit einiger Sicherheit haben diese Meinung auch viele Leute, die sie so nicht äüßern würden.

Die Sündenböckin

Ich erwähnte ja Eingangs, dass zum ungeschützten Geschlechtsverkehr immer zwei gehören. Nun ist es mit HIV scheinbar ein bisschen so wie mit der Finanzkrise. Man investiert jahrelang getrost in irgendwelche Fonds, hat eigentlich keine Ahnung, was die so machen, es interessiert einen eigentlich auch nicht. Man fragt da auch nicht nach, so lange die Rendite stimmt. Und: Man verlässt sich darauf. Das ist soziologisch gesehen ein “als ob”. Es könnte sein, dass die Menschen, denen man sein Geld anvertraut hat, damit furchtbaren Unsinn anfangen, es hochriskant anlegen oder rein theoretisch: Sich damit Zigarren anzünden, wie ma n es aus manchen Filmen kennt. Ähnlich ist es auch in diesem Falle. In einer Beziehung gewöhnen sich viele Menschen irgendwann an (außer, sie sind sehr eifersüchtig oder misstrauisch) einfach so zu leben “als ob” Monogamie unhinterfragbar und selbstverständlich wäre.

Nun weiss man nicht, ob der fragliche Mann sie einfach “mal so nebenbei” gefragt hat “Sag mal, Baby, hast du eigentlich AIDS?”, das wäre schon etwas anderes. Aber insgesamt ist es auf der ganzen Welt sehr ähnlich: Die Frau ist schuld.

In Deutschland entscheiden scheinbar immer noch fast ausschliesslich Frauen darüber, ob Geschlechtsverkehr geschützt stattfindet oder nicht. Und wenn sie das hohe Risiko eingehen, ungeschützten Geschlechtsverkehr zu haben, dann sind sie hinterher auch gerne mal schuld an Kindern – und auch AIDS, wie es scheint.  Zeit, dass sich beide Seiten ihrer Verantwortung bewusst werden. Lewis A. Coser hat dem Begriff des Sündenbockes eine soziologische Dimension verliehen: An einem Sündenbock trägt man einen Konflikt aus, den man direkt nicht austragen kann. Wer verklagt eigentlich den Mann, der Nadja Benaissa mit HIV angesteckt hat? Oder hat er ihr das vorher gesagt?

Update 1

Die deutsche AIDS-Hilfe bemängelt ebenfalls die kritiklose Vorverurteilung von Frau Benaissa, und führt einige mögliche Wirkungen einer Kriminalisierung auf. [Pressemitteilung] Dort heisst es unter anderem:

Wir fordern die Medien auf, sachlich über den Fall zu berichten und Frau Banaissa nicht vorzuverurteilen. Die Verantwortung für den angeblich ungeschützten Sexualverkehr wird allein Frau Benaissa zugeschoben, ohne nach der Mitverantwortung ihrer Sexualpartner zu fragen. Die deutsche Politik der HIV- und Aidsbekämpfung wird aber gerade deshalb als beispielhaft betrachtet, weil sie von der Verantwortung jedes einzelnen, von der Solidarität und der Bekämpfung jeder Art von Stigmatisierung ausgeht. Die hessische Justiz will offenbar ein Exempel statuieren. Die Justiz ist und darf aber keine Akteurin der HIV-Prävention in Deutschland sein.

Die DAH weist außerdem darauf hin, dass bei einvernehmlichen Sexualkontakten die Verantwortung bei beiden Partnern liege, und dass die Strafbarkeit der wissentlichen Übertragung möglicherweise dazu führt, dass viele Menschen sich einfach nicht mehr testen lassen. Nach dem Motto: Wenn ich es nicht wusste, ist es auch nicht strafbar.

Was ich heute morgen gar nicht mehr anmerken konnte in der Kürze der Zeit: Auch das Phänomen der Stigmatisierung  kann man hier gut beobachten. AIDS und HIV sind nach wie vor in der Gesellschaft unter dem Begriff der Risikogruppen vertreten – Homosexuelle, Drogenabhängige und Prostituierte – und umgekehrt bedeutet das: Wenn jemand HIV-positiv ist, dann gehört er oder sie doch sicher in eine der Gruppen, oder? Der “Verdacht” liegt also auf jeden Fall nahe, womit das öffentliche Bekenntnis zur Krankheit einem sozialen Selbstmord gleichkommen kann.

Blogschau

  • Sprachlosigkeit kann tödlich sein [Im Blog Lie in the sound]
  • Freiheit für Nadja Benaissa! [Im Blog Weltwurst]
  • Partnerinnen mit AIDS infiziert: Kanadier wegen Mordes verurteilt [Im Blog Queer.de]
  • Anwälte von Nadja Benaissa zur heutigen Erklärung der Staatsanwaltschaft Darmstadt [Auf Presseportal.de]
  • Was schützt vor AIDS? U-Haft [Im Bildblog]

35 Antworten zu „Nadja Benaissa ist schuld! Oder? – Tabus und Sündenböcke (Update)“


  1. 1 Clemens 15. April 2009 um 09:38

    Deine Argumentation kann ich sehr gut verstehen, vor allem, wenn man in diesem Bereich tätig ist und schon vieles mit erlebt hat. Ich selber durfte vor ein paar Jahren in der Schule einen Aidskranken zuhören, wie er sich nun selber für eine bessere Aufklärung einsetzt, wie er infiziert wurde (Autounfall – Blutverlust – Blutinfusion), etc. Mir ist die Problematik, so wie du sie ansprichst absolut bewusst.

    Leider lenkst du mir mit deinem impulsanten Text etwas zu sehr vom Thema ab. Auch wenn es hier Kausalitäten gibt zwischen “sie wurde von einem Mann angesteckt” und “sie hat nun andere Männer angesteckt”, muss man diese beiden Sachen doch von verantwortungstechnischen Gesichtspunkten trennen.

    Sagen wir mal hier wäre vorher ein Mann gewesen, der sie wissentlich mit Aids infiniziert hat, nur weil der Herr sich zu cool war ein Kondom zu nutzn – schlimm genug. Hier stimme ich übrigens mit deinem Punkt überein, dass natürlich auch der Mann proaktiv zum Kondom greifen müsste und das nicht alleine bei der Frau hängen bleibt. Geht nicht!

    Hier ist Nadja Benaissa ganz klar hinters Licht geführt worden, hier wurde mit ihrem Leben gespielt. In diesem Falle wäre der Mann für mich eine Art “Sündenbock”, obwohl das immer so leicht zu sagen ist – er trüge auf jeden Fall eine große Schuld daran.

    Nun ist sie mit Aids infiziert und sie weiß es. Hier beginnt der Wendepunkt. Ab hier ist natürlich Sie der “Sündenbock”. Natürlich hätte sie darauf bestehen müssen ein Kondom zu nutzen, natürlich hatte sie auch nicht mit dem Leben der Männer spielen dürfen. Für mich hat sie in dem Falle etwas getan, was sie nicht hätte tun dürfen!

    Und ich finde wichtig, dass man trotz der Tragik, trotz der natürlich unaufgeklärten Bevölkerung, die AIDS ignoriert, trotz der immernoch bestehenden Ignoranz der männlichen Welt gegenüber dem weiblichen Geschlecht, sie in diesem Punkt absolut schuldig ist und zur Rechenschaft gezogen werden muss (nicht aus juristischen Gesichtspunkten, denn da habe ich keine Ahnung, sondern aus meiner Sicht).

    Was man jetzt tun müsste, wäre nicht die Hexenverfolgung sondern diese Problematik aufgreifen und ein erneutes Bewusstsein schaffen, dass, wie du schon sagtest, zum Sex immer zwei gehören, dass natürlich nicht nur die Frau auf Verhütung bestehen sollte, dass man nicht die Pille mit einem Kondom verwechseln darf, etc. Doch das hat nicht mit dem eigentlichen Fall zu tun, um dem es im SPON-Bericht geht. Hier geht es um Verantwortungsbewusstsein, um Moral.

    Bildliches Beispiel (soll nicht die AIDS-Problematik herabstufen): Wenn ich mit einer Grippe von jemanden angesteckt wurde rechtfertigt das nicht meiner Freudnin ins Gesicht zu Husten – egal, was vorher passiert ist.

  2. 2 DifferentStars/Lie In The Sound 15. April 2009 um 11:16

    Verhütung ist immer Sache beider Seiten. Doch wer um die eigene Infizierung weiss, hat eine besondere Sorgfaltspflicht.

    Wenn ich Masern oder Röteln habe, besuche ich auch keine schwangere Mutter. Zwar kann man sich gegen beide Krankheiten impfen lassen. Doch ich kann dies nicht voraussetzen.

    Diese Krankheiten sind für Kinder und Erwachsenen ohne große Folgen zu überstehen. Werden jedoch Schwangere infiziert, kann dies schwerste Behinderungen des Fötus zur Folge haben.

    Auch hier hat der/die Kranke eine besondere Pflicht, anderen keinen Schaden zuzufügen.

    Das die mutmassliche Täterin Nadja Benaissa früher vermeintlich selbst einmal Opfer war, entschuldigt nichts. Auch nicht die Tatsache, dass Frauen generell häufiger Opfer sind.

  3. 3 Stefan Spiess 15. April 2009 um 11:49

    Erstmal danke an euch beide für euer Interesse und die Kommentare!

    @Clemens & DifferentStars
    Mir ist nicht daran gelegen, zu sagen, wer schuld ist. Die Frage ist, aus soziologischer Perspektive, wie hier schuld konstruiert und verteilt wird. Man kann da nämlich auf sehr verschiedene Arten argumentieren.

    Mir liegt es völlig fern, hier moralisch zu argumentieren. Ich versuche mit dem Artikel lediglich darauf aufmerksam zu machen, dass “schuldig sein” keine Selbstverständlichkeit ist. “Schuld” wird konstruiert: Was macht einen schuldig? Was für strafrechtliche Folgen sind dafür vorgesehen? Und vor allem, und das ist vielleicht das kniffligste in diesem Fall: Wer ist schuld? Eine Person? Kommt darauf an, wie man schuld definiert. Und genau das ist soziologisch interessant.

    Wer woran schuld ist, wer welche Pflichten hat, und was moralisch gut und schlecht ist, ist aus soziologischer Perspektive nur aus der zweiten Reihe wichtig. [Wiki:Beobachtung 2. Ordnung] Das sollen Philospohen, Juristen und Theologen erforschen, und dann natürlich jeder für sich selbst.

    @Clemens
    Ich verstehe dein Grippe-Beispiel. Der Punkt ist aber: Grippe ist vielleicht kein so gutes Beispiel, weil du weder als “Schlampe” vorverurteilt wirst, wenn du Grippe hast, noch dir jemand unterstellt, dass du homosexuell bist und sozusagen “darum” HIV-positiv. Es ist darum deutlich leichter, zu einer Grippe zu stehen, als zu HIV.
    Darum ist beides wichtig: Dass man als HIV-positiver Verantwortung übernimmt, dass aber auch andere Menschen einem die Möglichkeit geben, dazu zu stehen, ohne dass man aus der Gesellschaft ausgeschlossen wird.

  4. 4 Clemens 15. April 2009 um 14:30

    Danke für die Antwort, ich bin angekommen. Gut, nun will ich schließlich von meiner ersten Sicht auf die zweite Sicht versuchen zu springen und mir die Frage stellen, wie konnte das passieren, dass eine Frau mit anderen Männern schläft, wissend, dass sie AIDS hat.

    WOW: Viele, viele Gedanken, viele Einflussfaktoren. Was mir nach vielen hin und her dazu nur als einzige Lösung einfällt, unter einem langen und dicken Strich:

    REDET MEHR ÜBER AIDS!!!

  5. 5 Clemens 15. April 2009 um 14:32

    UPDATE: Habe gerade gesehen, dass du den Beginn des Textes jetzt geändert hast – sehr gut, wird vieles klarer!

  6. 6 Stefan Spiess 15. April 2009 um 14:36

    Danke für deine Anmerkung, Clemens. Der Artikel war wohl doch etwas missverständlich, besonders wegen des Titels.

    Freut mich sehr, wenn es dir neuen Input gegeben hat, das ist ja auch der Sinn von homosociologicus.de

    lG

    Stefan

  7. 7 alivenkickn 15. April 2009 um 15:05

    @Stefan

    Gut erkannt – “frei” von Wertung.

    @Clemens

    wie konnte das passieren, dass eine Frau mit anderen Männern schläft, wissend, dass sie AIDS hat.

    Verdrängung hat eine ganz eigene Dynamik, Angst vor . . . Ablehnung, Ausgrenzung, Stigmatisierung, Diskriminierung . . . you name it . .

  8. 8 Jana 15. April 2009 um 16:41

    Woher wißt ihr das alles? Hat Nadja B. sich dazu geäußert? Was ist, wenn der Mann lügt und Nadja B. verleumdet wird, ja sogar Rufschädigung betrieben wird? Sie hat schließlich eine Karriere zu verlieren. Wer sagt, dass sie zum damaligen Zeitpunkt wusste, dass sie HIV positiv ist bzw. ist sie das überhaupt? Ich habe bisher keine Stellungnahme von Nadja B. zu den Vorwürfen gelesen. Echt krass, was hier im Internet diskutiert und behauptet wird…

  9. 9 Mirja 15. April 2009 um 18:49

    Egal ob Frau oder Mann, wer wissentlich mit Leuten schläft obwohl er weiß das er HIV hat ist in meinen Augen ein Mörder. Zudem weiß jeder, dass sie früher als Jugendliche anschaffen ging und Drogen genommen hat, somit hatte sie schon lange HIV. Schon 2006 oder 2007 warnte ein Blogger vor ihr, dessen Freund sich bei ihr angesteckt hatte. Es sitzen ja schon andere wegen des gleichen Deliktes im Knast, da wäre sie nicht die erste, sie ist halt prominent und der Fall ist deshalb wie eine Bombe geplatzt. Meist sind ja in der Tat Männer die Täter und dieser Fall ist umgekehrt, vermutlich wollte sie sich für ihr eigenes Schicksal rächen, aber diese Handlung ist ein Straftatbestand. Es ist nicht verboten mit jemandem ohne Gummi zu schlafen , aber es ist verboten jemnnaden wissentlich mit HIV anzustecken, das hat mit Sündenbock oder Hexenjagd nicht zu tun. Sie hat ihr Unwesen über viele Jahre hinweg getrieben und ihre Freunde und Liebhaber nicht über ihren Zustand aufgeklärt. Weltweit ab es schon soclhe Fälle und Verurteilungen und dies hier ist nur die spitze des Eisberges. Medizinisch kann man heute auch feststellen wer der Überträger war. Sicher hat sie schon seit Jahren Medikamente genommen und ihr Arzt und das Gesundheitsamt werden schon wissen wann ihre Infektion gemeldet wurde und zu welchem Zeitpunkt die ihresr Partners.

  10. 10 pathoblogus 15. April 2009 um 19:54

    Ich würde die Schuldzuschreibung nicht von vornherein als negativ ansehen. Vielleicht ist eben ein solcher Fall Anstoß genug, Aidsfragen von der hohlen Aufklärungsthematik hin zur Problematisierung der Lebensführung umzuleiten. Das wäre auch eine soziologische Frage: Paradigmenwechsel. Da stellt das Ausblenden der moralischen Position bloß ein Hindernis dar. Außerdem scheint mir die Untersuchung der Schuldzuweisung in der Gesellschaft in deinem Artikel allzusehr in die Richtung der Unschuld zu tendieren, das wäre dann kein Objektivitätsgewinn, sondern bloß eine andere Richtung.
    Das lässt sich auch an der deutschen Aidshilfe ablesen. Eine Hilfsvereinigung dieser Art ist – ähnlich einer Interessensvertretung – an sich schon moralisch.

    http://pathoblogus.wordpress.de

  11. 11 antifo 15. April 2009 um 22:08

    Ich denke, daß man das Strafgesetzbuch nicht mit soziologischen Taschenspielertricks aushebeln sollte. Eine Entkopplung von Schuld und Verantwortung ist letztlich nicht möglich. Betreibt man es dennoch, führt es nicht dazu, daß weniger Leute Schuld auf sich laden, sondern dazu, daß der Sinn für Verantwortung allgemein schwindet.

    Meine Sichtweise zum eigentlichen Thema ist hier:

    http://antifo.wordpress.com/2009/04/15/werbeslogans-halfen-nadja-benaissa-nichts/

  12. 12 antifo 15. April 2009 um 22:24

    Was man jetzt tun müsste, wäre nicht die Hexenverfolgung sondern diese Problematik aufgreifen und ein erneutes Bewusstsein schaffen, dass, wie du schon sagtest, zum Sex immer zwei gehören, dass natürlich nicht nur die Frau auf Verhütung bestehen sollte, dass man nicht die Pille mit einem Kondom verwechseln darf, etc. Doch das hat nicht mit dem eigentlichen Fall zu tun, um dem es im SPON-Bericht geht. Hier geht es um Verantwortungsbewusstsein, um Moral.

    Ich denke:
    (1) daß in solchen Diskussionen der Begriff “Hexenverfolgung” viel zu schnell fällt
    (2) daß es ein Fehler ist die AIDS-Problematik mit dem Thema Mann/Frau zu verquicken, weil so eine Moralnversäuerung nur die klare Sicht trübt
    (3) daß sich Moral nicht darin erschöpfen kann, wer nun auf diesem Hütchen zu bestehen hat

    Moral ist entweder eine umfassende Angelegenheit oder ein Vorwand, um sich vor Verantwortung zu drücken.

    Hierzu eine Stellungnahme der russisch-orthodoxen Kirche anläßlich des Streits über die Äußerungen des Papsts zu AIDS in Afrika:

    Es ist falsch Kondome als Wundermittel gegen AIDS zu betrachten. Durch Empfängnisverhütungsmittel kann AIDS nicht verhindert werden, sondern nur durch Erziehung und ein rechtschaffenes Leben. Menschen, die ein sündhaftes, zielloses und sinnloses Leben führen, die Drogen nehmen und unzüchtig sind, werden früher oder später daran sterben. Kein Kondom und keine Medizin kann das verhindern. Es gibt eine ganze Reihe von Organisation, die sich zu AIDS äußern und damit versuchen die Idee der sexuellen Freiheit zu bewahren und gleichzeitig gegen AIDS zu kämpfen. Diese beiden Sachen zu versöhnen ist aber nicht möglich.

    Ich meine, daß jeder Satz in dieser Stellungnahme wahr ist.

    http://antifo.wordpress.com/2009/03/20/moskauer-patriarchat-stutzt-den-papst/

  13. 13 Stefan Spiess 15. April 2009 um 23:36

    Eine kurze Ansage in meiner Funktion als Moderator der Diskussion
    So sehr euer aller Interesse uns freut, das Thema hat (wieder einmal) soziologischen Boden verlassen.

    Persönliche und moralische Urteile über Nadja Benaissa oder HIV- und AIDS-Kranke allgemein, über das Sexualverhalten irgendwelcher Personen oder das Verhalten “der Medien” sind hier ausdrücklich nicht erwünscht. Kommentare, die außer solcher Urteile nichts zur Diskussion beitragen, werden ab jetzt gelöscht.

    Das ist nicht böse gemeint. Aber wer gerne loswerden möchte, was er gut und was er schlecht findet, der möge sich bitte einer anderen Plattform bedienen. Moralische Urteile, das geht auch eindeutig aus dem Artikel hervor, überlassen wir Philosophie, Theologie und anderen Wissenschaften. Ohne jeden Sarksasmus. Das ist schlicht nicht der Aufgabenbereich der Soziologie – im Gegenteil.

    Wir von homosociologicus versuchen, ein gewisses Maß an Wertfreiheit nicht nur bei den Autoren sondern auch in den Diskussionen einzuhalten.
    Ich danke euch nochmals allen für eure Beteiligung, gerne mehr, aber bitte nach diesen Richtlinien.

    Gruß,
    Stefan

  14. 14 Stefan Spiess 15. April 2009 um 23:51

    Und jetzt wieder ich als “Ich” ;)

    @Feminismus-Lastige Position
    Die Tatsache, dass Nadja Benaissa eine Frau ist, hat aus meiner Perspektive natürlich nichts damit zu tun, ob sie schuldig ist, oder nicht. Es ist nur so, dass im Bezug auf AIDS weltweit Frauen eben häufiger die “Opfer” sind, ein höheres Infektionsrisiko haben, und scheinbar auch häufiger als “der Infektionsherd” angesehen werden. Das finde ich persönlich vielleicht irgendwie. Gut oder schlecht. Soziologisch finde ich das bemerkenswert, und ich fände es interessant, wenn mir das jemand plausibel erklären könnte.

    @”Mörderin”
    Bitte StgB nachschlagen oder bei Wikipedia. Die Anklage lautet scheinbar auf versuchte Körperverletzung. Das ist ein gewaltiger juristischer Unterschied. Darüber hinaus ist es unerheblich. Wird ein Gericht entscheiden, sicher nicht wir in dieser Diskussion.

    @Antifo
    Wie genau definierst du Moral? Wenn du das nicht genauer kannst, dann steht deine Argumentation. Gegen Moral wettern in zwei Posts, die vor Moral nur so tropfen – geht gar nicht.
    Übrigens: Soziologisch betrachtet ist der von dir zitierte Papst nichts anderes als der Chef eines transzendeten Moralunternehmens. Schonmal drüber nachgedacht?

    Gruß, Stefan

  15. 15 antifo 16. April 2009 um 00:40

    Hallo Stefan,

    “Wie genau definierst du Moral? Wenn du das nicht genauer kannst, dann steht deine Argumentation. Gegen Moral wettern in zwei Posts, die vor Moral nur so tropfen – geht gar nicht.”

    Moral (im umfassenderen Sinne) ist das Fundament eines jeden Wertesystems. So sehen es die allgemeinen Menschenrechte: Abs. 29 Art. 2

    “Übrigens: Soziologisch betrachtet ist der von dir zitierte Papst nichts anderes als der Chef eines transzendeten Moralunternehmens. Schonmal drüber nachgedacht?”

    Ich hatte nicht den Papst zitiert, sondern einen Sprecher des Moskauer Patriarchats der Russisch-Orthodoxen Kirche zitiert.

    Grüße,
    Antifo

  16. 16 Stefan Spiess 16. April 2009 um 01:29

    Wir wir weichen ab.

    Ich hatte eigentlich an eine soziologisch verwertbare Definition von Moral gedacht. Und wenn sie das Fundament ist, warum ist sie das? Muss sie das sein? Wer sagt, dass sie das sein muss?

    Ich denke, dass Moral soziologisch betrachtet nicht das Fundament eines Wertesystems ist, sondern genau das Wertesystem.

    Soll wieder keine Rechthaberei sein. Es geht nur darum, solche Dinge zu hinterfragen und klarzustellen.(Auf diesem Blog zumindest.)

  17. 17 antifo 16. April 2009 um 01:40

    Ich bin kein Soziologe. Von daher ist es ein bisschen zu viel verlangt, daß ich eine soziologisch verwertbare Definition abliefere. Meiner Vorstellung nach wäre es die Aufgabe der Soziologen eben das zu leisten.

    Zum Verhältnis von Moral und Wertesystem hatte ich mich schon geäußert. Es handelt sich dabei wie gesagt nicht um eine Privatmeinung, sondern um etwas, was sich direkt aus den allg. Menschenrechten ergibt.

  18. 18 Berliner Kindl 16. April 2009 um 02:02

    Hört sich interessant an, aber wen interessiert ’s …

    Wird doch nur so ‘n Aufheben gemacht, weil die bekannt ist,
    andere dafür krepieren einsam in der Ecke. Vielleicht hätten
    die vielen Anderen vorher und vielleicht mit mehr Recht
    Aufmerksamkeit und Hilfe verdient.

    Aber besser schreiben wie helfen.
    Hauptsache, wir ham mal darüber gesprochen …

  19. 19 naab3sujin 16. April 2009 um 03:09

    Ich sehe kein Problem; sie hätte damit Hausieren können – wenn Ich Aids habe, dann sollte Ich mir entsprechende Sexualpartner suchen; tue Ich das nicht, dann könnte man von einer mutwilligen Inkaufnahme ausgehen, denn “es” zu vergessen erscheint mir mehr als fraglich; nur für mein persönliches Empfinden ist es schon eine Art von “Totschlag auf Raten”, dies ist jedoch nur meine Meinung – nicht mehr und auch nicht weniger. btw: Sie kann sich glücklich Schätzen hier und nicht “über dem großen Teich” zu sein, denn dort würde man sie vermutlich sehr hart, alleine schon wegen der seelischen Verletzungen der Opfer, bestrafen…

  20. 20 ichbinimmerich 16. April 2009 um 07:12

    Berliner Kindl;

    Frau B. ist bekannt, weil sie ein Teenie – Idol ist. Tausende von Mädchen und sicher auch Jungs schwärmen für sie, wollen so sein wie sie, imitieren sie, tanzen mit Haarspraydose in der Hand vor dem Spiegel, schminken sich wie sie, schnibbeln sich ihren Starschnitt zusammen. Täglich grüsst sie in Lebensgrösse auf das Kinderzimmerbettchen herunter.

    Gesetzt den Fall, die Vorwürfe bestätigen sich – was hat das für eine hysterisch kreischende Teenienation zur Folge?
    Ich finde es entsetzlich, dass sich Kinder mit diesen Abgründen auseinander setzen müssen – nicht im Bezug auf HIV, darüber kann man nicht früh genug aufklären, nein sondern über die mutmassliche Kaltschnäuzigkeit, mit der (das Idol) eine möglicherweise tödlich verlaufende Ansteckung in Kauf genommen wurde.
    http://ichbinimmerich.wordpress.com

  21. 21 Stefan Spiess 16. April 2009 um 13:44

    Ich finde, dass Unterstellungen absolut unangebracht sind. Man kann sich vieles Fragen, aber im Endeffekt wird es hier keiner rausfinden. Das obliegt, ich wiederhole es gerne, wenn dann, der Justiz.

    Der Sinn des Artikels – und damit auch einer etwaigen Diskussion dazu – war es, die gängigen Standpunkte zum Thema HIV und AIDS zu hinterfragen.

    Sowohl einige Medien als auch sehr viele Personen im Internet haben eine ausgesprochen wertende und teilweise auch reisserische Position.

    Und genau das ist der Vorteil einer soziologischen Perspektive: Sie muss nicht werten. Objektiv betrachtet kann man sagen, dass eine junge Frau angeklagt ist, einen Menschen mit HIV infiziert zu haben, obwohl sie über das Risiko bescheid wusste.

    Dann kann man feststellen, dass das ziemlich gehyped wird. Das kann verschiedene Gründe haben, viele davon sind hier ja schon genannt worden.

    Die Kampagnen, die darüber aufklären, wie man sich vor AIDS und anderen Geschlechtskrankheiten schützen kann, und darüber, dass das auch die Sache beider Partner ist, sind natürlich Werbung. Das ist an sich aber mal nichts schlechtes.

    Wenn ich meiner Freundin zum Valentinstag eine rote Rose schenke, ist das Werbung – für mich.

    Meine Absicht war also: Ein wenig auf die nicht so selbstverständlichen Moral- und Wertvorstellungen aufmerksam zu machen, die oftmals großen persönlichen und Gesellschaftlichen Schaden anrichten.

    Und das geht eben am besten, wenn man einen Schritt vom Geschehen zurück tritt, eigene Überzeugungen und Meinungen mal eine halbe Stunde außen vor lässt, und sich das ganze mal objektiv betrachtet – kurzum: Mit dem soziologischen Blick!

  22. 22 Sigrid 16. April 2009 um 14:59

    Da es hier nicht um die Schuld im Zusammenhang mit Wertung gehen soll, ist das ganze drumherum irrelevant. Die Tatsache “A” hatte mit “B” Geschlechtsverkehr, und bewusst verschwiegen dass er oder sie HIV-positiv ist und somit möglicher Überträger einer lebensgefährlichen Erkrankung, ist das einzige, was in diesem Zusammenhang diskutiert werden sollte. Nicht wertend bedeutet auch emotionslos, was, zugegebenermaßen, schwer fällt. Jeder Mensch mit so wenig Verantwortungsbewusstsein anderen Menschen gegenüber ist in diesem Fall “schuld”, wenn ein anderer geschädigt wird. Sein eigenes Schicksal, auch Scham- oder Rachegefühle oder gar “er hätte ja fragen können” spielen in diesem Fall keine Rolle. Aus menschlicher Sicht ist das Weglassen des Hintergrundes natürlich kaum akzeptabel aber das ist wiederum ein ganz anderes Thema. Im Bezug auf den realen Fall (nomen est omen “no angel” – bietet sich hier ja geradezu als Quelle für Vorurteile an) kann jeder außenstehende ausschließlich mit einer Meinung aufwarten und mit dieser, sofern er der publizierenden Zunft angehört, großen Schaden anrichten. Aber auch das ist wieder nur eine Meinung u. z. meine.

  23. 23 pathoblogus 16. April 2009 um 15:43

    Das was Sigrid gesagt hat ist richtig. Wie ich schon gesagt habe, ist die Darstellung in dem Artikel, trotzdem man sich vielleicht um Objektivität bemüht hat, tendenziös, in der Hinsicht, als jede Schuldzuschreibung hier pejorativ betrachtet wird. Hier wird Liberalismus mit Wertfreiheit verwechselt, das hatten wir übrigens schon bei einer anderen Diskussion.

    pathoblogus.wordpress.de

  24. 24 pathoblogus 16. April 2009 um 16:13

    Übrigens verstehe ich die Behandlung des Sündenbockkonzepts nicht. Der Sündenbock ist bei Freud und z.B. bei Rene Girard ein psychologisches oder im zweiten Fall anthropologisches Mittel um eine Einheit in der Differenz zu erzeugen, was z.B. durch Ausschluss einer bestimmten Gruppe geschieht. Diese ausgeschlossene Gruppe wird oftmals kriminalisiert oder hin zur Verantwortung konstruiert.
    Bei dem Fall von der mit HIV infizierten Sängerin besteht aber ein begründeter Tatverdacht. Wo ist da jetzt der Zusammenhang? Die Darstellung des Sündenbockkonzepts wäre in diesem Zusammenhang, wenn nicht fehl am Platz, höchstens dazu verwendbar die Verantwortung zu dislozieren (ich hoffe du verstehst meinen Einwand) –> deswegen auch meine Kritik an der fehlenden Wertfreiheit.

    pathoblogus.wordpress.de

  25. 25 Stefan Spiess 16. April 2009 um 16:26

    Ob Nadja Benaissa hier nach einem allgemeinsprachlichen Verständnis der Sündenbock ist, oder nicht, können wahrscheinlich nur Leute beurteilen, die direkt in die ganze Angelegenheit involviert sind. Das ist auch nicht mein Punkt.

    Das soziologische Konzept, das sich hinter dem Begriff Sündenbock verbirgt, wie ich es auch oben im Artikel verlinkt habe, besagt im Zusammenhang mit dem Konzept der Komplexitätsreduktion:

    Schuld wird hier als ein Phänomen mit nur einer Instanz gesehen. Es gibt eine oder einen Schuldige oder Schuldigen. Das ist eine soziale Übereinkunft. Man könnte ebenso gut nur eine Teilschuld annehmen. Zum Beispiel, wenn (das wissen wir ja nicht) gar nicht gefragt wurde.

    Was da nun richtig oder falsch ist, wird niemand hier klären können. Es ist nur interessant zu sehen, wo genau die Konstruktion von Schuld aufhört.

    Des Weiteren, das möchte ich noch anmerken: Ich handhabe hier nichts als Beschimpfung oder dergleichen. Ich stelle lediglich fest, dass hier und allgemein in den Medien häufiger der Begriff “Schuld” als der Begriff “Verantwortung” fällt. Außerdem ist nur sehr selten dir Rede von einer “Teil-” Schuld oder Verantwortung. Was sich daraus für Wertungen ergeben, ist mir, gelinde gesagt, egal. Als Privatperson habe ich dazu eine Meinung. Als soziologischer Beobachter stelle ich einfach nur meine Beobachtung dar.

    Man muss ja nicht aus allem und jedem immer gleich eine moralische Wertung machen. Wer das will, ich wiederhole das ein letztes Mal, damit ich nicht langweilig werde: Leserbriefe an die vier Buchstaben schreiben, in die Politik gehen und Reden halten, mit guten Freunden ein philosophisches Gespräch darüber halten, was Tugendhaft ist, oder in der Kirche eine Portion Moralpredigt abholen. Einiges davon kann man mit Stil und Niveau tun. Das hat aber mit Soziologie nichts zu tun, höchstens als Untersuchungsgegenstand.

  26. 26 pathoblogus 16. April 2009 um 16:57

    Da wirfst du zwei Dinge in einen Topf. Die komplexitätsreduktive Funktion der Schuldzuschreibung hat nichts mit der Zahl der Schuldigen oder dem Grad der Schuldigkeit zu tun. Bloß die Anwesenheit von Schuld dient der Komplexitätsreduktion. Dieses Konzept entsteht möglichereise aus einer Denkweise, die vorwiegend direkte kausale Zusammenhänge annimmt und somit durch direkte Wirkursachen eine Zuschreibbarkeit in die Welt projiziert.
    So wie du diese Sache allerdings dargestellt hast, wird dieser vollkommen klare soziologische Zusammenhang nicht erkennbar. Deine Darstellung des Schuldbegriffes projeziert eine Komplexität in einen Kausalzusammenhang (der im Fall der Infektion natürlich angemessen ist, denn eine virale Infektion mit dem HIV-Virus funktioniert unserem heutigen Wissensstand nach eben so) wo keine Komplexität ist. Deswegen meine Kritik an der Erwähnung der Schuld und der Sündenbockfrage, die, so wie du das darstellst eben NICHT wertfrei ist. Ich hoffe du nimmst meine Kritik nicht persönlich.

    pathoblogus.wordpress.de

  27. 27 Stefan Spiess 17. April 2009 um 02:48

    Kann sein. Hat aber mit dem Thema nichts zu tun, ist auch nicht soziologisch betrachtet. Und: Ignoriert weite Teile des Artikels, besonders die Einleitung.
    Zitat: “Der Begriff “Schuld” ist dabei nicht im juristischen oder moralischen Sinne zu sehen. Schuld ist Gegenstand sozialer Konstruktion, ebenso wie Verantwortung.

    Soziologisch betrachtet, kann “Schuld” schon mal nicht einfach so “sein” oder “existieren”.

    Wenn man nicht ausgesprochen religiös oder sonst wie abergläubisch veranlagt ist, dann wird “Schuld” einem Menschen immer von anderen Menschen zugesprochen, und “klebt” nicht an einem oder “wird erworben”. Das genau ist nämlich der Unterschied zwischen kausalem Zusammenhang und moralisch wertender “Verschuldung”.

  28. 28 pathoblogus 17. April 2009 um 08:11

    Du willst nicht verstehen was ich meine. Ich beziehe mich auf eine Komplexitätsreduktion im Sinne von Niklas Luhmann oder anderen Systemtheoretikern – ebenso wie du das erwähnt hast.
    Die kausale Funktion habe ich bloß als Illustration erwähnt. Vielleicht hast du das mit dem kausalen Denken nicht verstanden: das ist bloß eine epistemologische Grundlage für die Komplexitätsreduktion. Wenn sie dir allerdings nicht gefällt dann kann man sich ja auch auf eine andere beziehen. Deswegen habe ich ja auch geschrieben: “Dieses Konzept entsteht MÖGLICHERWEISE” aus einem kausalen Denken.
    Du wirst mir ja außerdem wohl zugeben, dass Recht und der juristische Sinn von Schuld durchaus eine soziologische Thematik sind selbiges könnte man auch über Religion sagen. Das ist zwar für meine Kritik vollkommen unnötig aber vielleicht wird dir die Inkonsistenz mancher Aussagen dadurch bewusst.

    mfg pathoblogus.wordpress.de

  29. 29 pathoblogus 17. April 2009 um 08:19

    Du hast missverstanden was ich mit der Existenz von Schuld gemeint habe. Ich habe nicht gemeint, dass die Schuld einfach da ist, ich bin ja kein Theologe:)

    Ich wollte damit bloß deiner Festlegung auf EINEN Schuldigen widersprechen. Die komplexitätsreduzierende Funktion der Schuld liegt nicht darin dass sie mit EINER Person verbunden wird. Es ist vielmehr vollkommen egal wieviele Personen schuldig sind, hauptsache es gibt die Schuld für die Gesellschaft. Sobald irgendwo Schuld ERZEUGT wird kommt es zu einer Komplexitätsreduktion (deshalb mein Hinweis auf die Kausalität).

  30. 30 Stefan Spiess 17. April 2009 um 17:18

    Lieber Pathoblogus!
    Fast hätte ich gestern Nacht noch geschrieben “Vielleicht will ich dich ja verstehen, aber willst du auch verstanden werden?”

    ;)

    Offenbar willst du ja doch verstanden werden, danke für diese verständlichere Äußerung. Ich habe einfach nicht immer die Zeit, vor großen Satzmonstern zu meditieren. Ich muss ja “nebenbei” auch noch arbeiten und studieren.

    Damit hast du dann völlig recht. Ein Sündenbock kann auch eine Gruppe von Menschen sein, Hauptsache: Die Verantwortung ist ausgelagert (Wenn du das mit “disloziert” meintest…)

    Vielleicht ist es aber nochmal ein weiterer Schritt der Komplexitätsreduktion, wenn man innerhalb dieser Gruppe dann genau einen Schuldigen ausmachen kann?

    Das könnte zum Beispiel auch Ressourcengründe haben: EINEN Sündenbock zu sanktionieren kann einfacher und effektiver sein, als eine ganze Gruppe. Oder?

  31. 31 David 19. April 2009 um 23:37

    Die Begriffe Schuld und Sündenbock werden hier sehr relativiert.Eine übliche Zersetzungsmethode in der linkspopulistichen Diskusion-Begriffe solange aufzuweichen bis sie ideologisch stimmig sind.
    Der linke Ideologe versucht hierbei gern den Täter zum Opfer zu machen. Denn er identifiziert sich mit der Unzulänglichkeit/ Minderwertigkeit des Täters und versucht sie deshalb durch Relatievierung abzuschwächen. Die Projektion der eigenen Minderwertigkeit auf benachteiligte Zielgruppen löst weder deren Probleme noch die eigene Lebensproblematik.
    Das Relativieren moralischer Wertigkeiten ist dabei nicht nur eine Methode der Täuschung sondern auch der Selbsttäuschung.
    AIDS hat man nur deshalb so in den Medien forciert um Homosexualität(Umbewertung der Werte) und Afrika(Multikultur)zu vermarkten.

  32. 32 Stefan Spiess 20. April 2009 um 02:01

    Ich habe gerade einige Zeit lang überlegt, ob ich diesen Kommentar löschen soll. Ich habe beschlossen, ihn als schlechtes Beispiel stehen zu lassen.

    Ich schließe hiermit die offene Diskussion zu diesem Artikel. Alles wichtige wurde bereits gesagt. Ich danke allen für ihre Aufmerksamkeit, ihr Interesse und ihre Kommentare.

    Ich möchte allerdings auf diesem Blog keine Diskussion haben, die Extremisten und Moralisten eine allzu willige Plattform zur Selbstdarstellung bietet. Ich denke, dass ich damit im Namen des gesamten Teams spreche.

    Der Kommentar zeigt gut, wie soziologisch uninformiertes Denken, allgemein unkritisches Denken und Dogmatik aussehen. Danke für diesen Steilpass in Sachen A³ – “Anschauunsunterricht Antiaufklärerischer Aktionen”.

    mfG Stefan

    P.S.: Wenn jemand wirklich noch etwas wichtiges und sinnvolles anzumerken hat, nehme ich gerne eine Email an stefan.spiess(at)homosociologicus.de entgegen. Bei Fragen dazu, wie genau ich diese Entscheidung begründe, stehe ich gerne auch per Email zur Verfügung. Polemische, unnötig persönliche, beleidigende oder sonstwie unangemessene Post wird selbstverständlich nicht beachtet.


  1. 1 Moral und Verantwortung « Weltrundguck Trackback zu 15. April 2009 um 18:41
  2. 2 Net Blogs Trackback zu 16. April 2009 um 20:22
  3. 3 homosociologicus.de warnt: Freidenkende Sozialwissenschaftler chronisch unterversichert - handeln sie noch heute! « homo sociologicus Trackback zu 21. April 2009 um 19:54
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