von Stefan Spiess
Unser heutiger Sonntagsfilm ist eine interessantes Beispiel für Infotainment. In “The Story of Stuff” werden Informationen über den Produktionsprozess und seine Verkettungen mit sozialen und ökologischen Faktoren dargestellt. Außerdem dabei: Eine mögliche Erklärung für das Entstehen der modernen (amerikanischen) Konsumgesellschaft.
Natürlich hat der Film eine Botschaft, natürlich vertritt die Produzentin und Moderatorin Annie Leonard [Wiki] eine bestimmte Position. Dennoch muss man sagen, dass diese Positon auf einem soziologisch ziemlich wachen Blick für Zusammenhänge beruht. Woher kommt das, was eine Konsumgesellschaft konsumiert? Wer sagt dem Konsumenten, dass und was er konsumieren muss? Und, last but not least: Wie kann man Moden und Trends anders erklären, als schlicht über einen jählich wechselnden “Massengeschmack”?
Aber genug der Worte, Bühne Frei für Annie Leonard und “Die Geschichte von Zeug”, einem 20minütigen Film auf Englisch. Einen schönen Sonntag und viel Spaß beim Schauen wünscht, wie üblich
Das Team von homosociologicus.de (Mit unserem Dank an Christine Bartsch für den Filmtipp.)
Ein Klick auf das Banner bringt euch zum Film.



Sehr schöner Film – wenn auch selbstverständlich von Beginn an und jede Minute ganz unmissverständlich klar ist, warum er gedreht wurde. Ich überlege, ob ich ihn in meinem “Soziologie der Dinge” Seminar in der nächsten Sitzung zeigen soll. Er passt zwar nicht 100% zur Lektüre (Linde), aber warum nicht?
Vielen Dank für den Hinweis!
Jan
Interessant fände ich die Verknüpfung dieses Films mit dem Artikel und vor allem der Diskussion zum Thema Nadja Benaissa ist schuld! Oder? – Tabus und Sündenböcke.
Für sehr viele scheint die Schuldfrage relativ klar zu sein: Wer die Konsequenzen seiner Handlung ignoriert, ist schuld.
Mal sehen, wie es um die Schuldfrage in The Story of Stuff steht. Der Inhalt des Films war vermutlich für wenige völlig neu. Wie viele fühlen sich deswegen schuldig? Hmm.
Viele Menschen sehen vielleicht gar keinen direkten Zusammenhang zwischen ihrem Konsumverhalten und den daraus entstehenden Konsequenzen. Tatsächlich ist es schwer, sich für die Ausbeutung von Mensch und Umwelt verantwortlich zu fühlen, wo man doch so weit weg ist und es nicht sieht. Aber wir wissen es.
Im letzten Kommentar zu Nadja Benaissa kritisierte jemand, Schuld werde in der Diskussion sehr relativiert. Während das im Falle Benaissa vermutlich notwenig ist, erscheint mir im Falle des Stuff die Sache tatsächlich so klar, dass ich gar nicht lang und breit erklären muss worauf ich hinaus will: Es würde mich interessieren, wie viele von denen, die eine Aidskranke eindeutig für schuldig erklären, weil sie wissentlich die Gesundheit eines anderen gefährdet hat, ausschließlich fair gehandelte ökologische Produkte kaufen, Energie sparen und sich an sonstige Ratschläge von Annie Leonard halten.
Von denen die dies nicht tun würde ich gerne wissen, ob sie sich hiermit offiziell für die Ausbeutung, den Hungertod und die aussichtslose Zukunft anderer Menschen schuldig bekennen wollen. Wir wissen doch, wer die Nikes macht…?
Ein anderer Kommentator des Benaissa-Artikels meinte, Schuldzuweisung sei nicht prinzipiell negativ. Im Zusammenhang mit dem Stuff kann ich dem nicht widersprechen. Zumindest wenn man Schuld als Verantwortung versteht.
Da haben wir aber Glück gehabt, dass in unserem moralischen System die Beeinträchtigung und Gefährdung von Menschen und ihrer Umwelt, solange sie weit genug weg sind, nicht verwerflich ist.
Hallo Katharina!
Das ist natürlich eine interessante Parallele. Man könnte auch noch eine weitere sehen, und zwar zu dem Film “Capitalism and other Kids Stuff”, den wir vor einiger Zeit verlinkt haben.
Um aber nicht gleich wieder in die moralische Panzerschlacht einzusteigen, möchte ich eine kleine Anmerkng machen: Es ist im Alltag gar nicht anders möglich, als viele Dinge aus der persönlichen Wahrnehmung auszusortieren.
Das ist schon psychologisch angelegt – wir filtern die Umweltreize ständig – und ist auch soziologisch zunächst einmal wirtschaftlich: Jede Entscheidung, die ich nach einem einfachen Kriterium treffen kann, spart mir Zeit. Beim Einkaufen ist das für viele Menschen der Preis.
Natürlich ist jeder Kaufprozess genauso wie jede Wählerstimme sozial wirksam.
Ich stimmt dir persönlich zu einem weiten Teil zu, besonders, wenn man den breiten Zynismus in deinem Kommentar berücksichtigt. Ich denke aber, dass für viele Menschen immer noch nicht klar ist, was der Preis eines Produktes ausdrückt.
Ein Beispiel: Wenn man in einem Bioladen ein Produkt erwirbt, wie viel Prozent des Preises sind dann tatsächlich höheren Produktionskosten geschuldet, und wie viel werden für den Faktor “Sauberes Gewissen des Käufers” – also wie in einem mittelalterlichen Ablasshandel – aufgeschlagen?
Ich habe sicherlich eine ausgeprägte persönliche Meinung zu dem Thema. Mitunter trifft mich gerade die Tatsache, dass sich zu diesem Thema so eine Allgemeinakzeptanz durchgesetzt hat und so ein „eigentlich müsste man“- Konjunktiv als ‚Lösung’ dient.
Das manche Leute nicht so gut informiert sind, und z.B. nicht wissen was den Preis eines Produktes ausdrückt, wie du meinst, ist klar. Aber wir sprechen ja davon, was passiert, wenn man eben schon Bescheid weiß.
Ich spreche hier von einem kollektiven Beschluss, den großen Schaden der von einer Masse zumindest zum Teil bewusst verursacht wird, zu ignorieren oder zu rechtfertigen.
Argumentiert wird z.B. mit zu hohen Preisen in der Bio-Branche etc. (Argumente, die oft durchaus berechtigt sind, aber das ist wiederum ein anderes Thema), die aber für viele (nicht für alle) Peanuts sind, vor allem wenn man bedenkt, wie viel Geld sie problemlos für unnötigen „stuff“ aufbringen.
@ „Es ist im Alltag gar nicht anders möglich, als viele Dinge aus der persönlichen Wahrnehmung auszusortieren.“
Dass es im Alltag bequemer ist, bestreite ich nicht. Die selektive Wahrnehmung ist ein natürlicher Prozess, ja. Aber was man aussortiert und was nicht, welchen Wert man welchen Dingen gibt, ist häufig eine bewusste Entscheidung und schlichtweg Prioritätensetzung.
Eine interessante Frage wäre, ob man die Verantwortung hat, sich zu informieren? Wenn ich HIV-positiv bin oder AIDS habe (oder wenn ich konsumiere), muss ich dann etwas über Ansteckungsgefahren (oder Produktquellen) wissen? Wo liegt die Grenze zwischen dem was ich wissen muss, dem was ich wissen sollte, und dem was ich wissen kann (moralisch betrachtet)?