homosociologicus.de warnt: Sozialwissenschaftler chronisch unterversichert – handeln Sie noch heute!

(CC) Flickr.com / © Ralf Peter Reimann 2009

Ein Panopticum (Kilmainham Gaol). Müssen Soziologen in Zukunft Angst haben, dort zu landen? (CC Flickr.com / © Ralf Peter Reimann 2009

von Stefan Spiess

Schuld und Schuldzuweisungen waren ja erst vor wenigen Tagen im Zusammenhang mit Frau Benaissa Thema dieses Blogs. Ein weiterer hoch interessanter Fall fand jetzt in Südkorea ein vorläufiges Ende: Der Blogger Minerva war angeklagt, durch seine Prognosen die Glaubwürdigkeit der südkoreanischen Regierung unterhöhlt zu haben und die Devisenmärkte beeinflusst zu haben (NZZ, ZEIT). Park Dei Seung, so heißt Minerva mit bürgerlichem Namen, hatte nach Ansicht der Staatsanwaltschaft mit seinen pessimistischen Prognosen zu wirtschaftlichen Fehlentwicklungen beigetragen. Er wurde nun freigesprochen. Dennoch: Man fragt sich als Soziologe, wie er das gemacht hat!

Eine ganze Reihe von Bankangestellten, Politikern, Wirtschaftswissenschaftler und sogar so genannte Wirtschaftsweise beschäftigen sich damit, die Entwicklungen auf dem Finanzmarkt zu prognostizieren. Hat die Prognose der Beteiligten das Ergebnis getroffen, und es war ein gutes Ergebnis, dann wollen alle es gewusst haben. Tritt eine negative Entwicklung ein, dann hat es keiner der Verantwortlichen kommen sehen.

Die Soziologie selbst hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Regeln gesellschaftlicher Prozesse zu verstehen und daraus, wenn möglich, auch Prognosen abzuleiten. Die meisten Menschen, die ernsthafte Soziologie betreiben, werden mir zustimmen: Es ist nicht immer leicht. Manchmal hat man beinahe das Gefühl, dass es unmöglich ist.

Die Fragen, die sich nun die Gesamtheit der Soziologen stellen muss, sind die Folgenden:

Wie konnte “Minerva” so präzise in die Zukunft sehen? Warum ist die Vorhersage von schlimmen Ereignissen strafbar? Warum wird man von den Menschen, die nichts unternommen haben, diese Ereignisse zu verhindern, ja in der Regel sogar noch Öl ins Feuer gegossen haben, für die Prognose angeklagt?

Und, was vielleicht das wichtigste ist: Haben wir jahrelang die brachiale Wirkung der “selbsterfüllenden Prophezeiung” maßlos unterschätzt? Brauchen Soziologinnen und Soziologen, die mehr tun, als den Kaffeesatz zu lesen, in Zukunft eine noch bessere Rechtschutzversicherung und Bodyguards, um sich vor Ursula von der Leyen und Wolfgang Schäuble in Sicherheit zu wissen? Muss ich mir Sorgen machen, dass mich Vladimier Putin mit Plutoniumkaffee tötet, wenn ich die Machtmechanismen im Kreml zu genau beschreibe? Kann ich Helmut Kohls Karriere kritisch beleuchten, ohne, dass er es auf mir aussitzt, wie George Bush es mit 9/11 tat?

Auch mein Privatleben sehe ich dadurch gefährdet. Wenn ich in einem etwaigen Südkorea-Urlaub jemanden warne, dass er gleich im Rahmen einer Disko-Schlägerei verhaftet werden wird, klagt er mich dann wegen Ermutigung zum gewaltsamen Freiheitsentzug an, und bekommt möglicherweise auch noch recht?

Ich bin, so kurz vor Abschluss meines Studiums, nicht mehr sicher, ob ich Soziologe werden will. Vielleicht studiere ich lieber VWL oder BWL und prognostiziere in einer Branche, in der man für hauptberufliches Fehleinschätzen noch eine Abfindung einklagen kann. Wenn ich es mir recht überlege, kann ich ohne massive Verdrängung der Risiken weder diese Artikel guten Gewissens veröffentlichen, noch morgen vor die Türe gehen.

Niklas Luhmann schreibt 1968 in “Vertrauen – ein Mechanismus der Reduktion sozialer Komplexität”:

Vertrauen im weitesten Sinne eines Zutrauens zu eigenen Erwartungen ist ein elementarer Tatbestand des sozialen Lebens. Der Mensch hat zwar in vielen Situationen die Wahl, ob er in bestimmten Hinsichten Vertrauen schenken will oder nicht. Ohne jegliches Vertrauen aber könnte er morgens sein Bett nicht verlassen. Unbestimmte Angst, lähmendes Entsetzen befielen ihn. Nicht einmal ein bestimmtes Mißtrauen könnte er formulieren und zur Grundlage defensiver Vorkehrungen machen; denn das würde voraussetzen, daß er in anderen Hinsichten vertraut. Alles wäre möglich. Solch eine unvermittelte Konfrontierung mit der äußersten Komplexität der Welt hält kein Mensch aus.

Genau so fühle ich mich gerade ohne Rechtsschutzversicherung und Bodyguards, kurzum: Ohne die Mittel zur Reduktion sozialer Komplexität, die ich doch scheinbar so dringend brauche – als angehöriger der gefährlichsten Sozialwissenschaft, die es gibt. Mit einem soziologisch-sarkastischen Augenzwinkern wünscht eine gute Nacht

Stefan Spiess

Nachtrag: Müssen Soziologen im Jahr 2050 vielleicht in Hochsicherheitsbunkern mit militärischer Sicherung arbeiten? Wer weiss…

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