Katharina Kaiser macht einen Ausflug in die Soziolinguistik und setzt sich in der Artikelserie „Gender und Migration“ mit der Opferrolle von Frauen im Migrationsprozess auseinander. Teil I hinterfragt die allzu häufig gemachte Zuschreibung dieser Rolle.
Die These der Frau als Opfer ist weit verbreitet. Selbst die feministische Literatur unterstützt diese Annahme zumindest insofern, als dass sie über Benachteiligungen von Frauen in der Gesellschaft berichtet. In verschiedenen Kontexten werden Frauen in einer untergeordneten Position dargestellt – eigentlich sogar an allen Ecken. Die Werbung, Unterhaltungsindustrie und Pornografie etwa, aber auch Hollywood präsentiert häufig unsichere, dümmliche Frauencharaktere die kaum selbstständig handeln können. Sex and the City ist nett, aber taugt Carry wirklich als Heldin?
Bisher wurde der Aspekt des sozialen Geschlechts in Untersuchungen über die Migration kaum mit einbezogen. Die Migrationsforschung befasst sich erst seit kurzem mit der Frau als Einwanderin, und stellt dabei die These einer Feminisierung der Migration auf. Diese weist darauf hin, dass sich weltweit eine Zunahme und Veränderung der Migration von Frauen vollzieht. Der gesamte Artikel Migration und Genderaspekte. Feminisierung internationaler Migration von Manuela Westphal ist hier zu finden (pdf). In diesem einführenden Artikel soll er, angereichert durch eigene Kommentare, kurz zusammengefasst werden und als Hintergrund für die Thesen in den darauf folgenden Artikeln zum Thema Gender und Migration dienen.
Westphal führt aus, wie die Frau lange Zeit unter zwei Gesichtspunkten in den Blick der Migrationsforschung gerückt ist, entweder als Anhängsel migrierender Männer, oder aber als „Ware“ im Zusammenhang mit dem sog. Frauenhandel. Die sozialen Rollen dieser Frauen werden folglich zum einen mit dem Hausfrauendasein und der Kindererziehung verbunden, oder aber mit der Prostitution, anderen Sexgeschäften und der Beschäftigung in Niedriglohnsektoren. Neuere Untersuchungen jedoch setzen aus differenzierteren Blickwinkeln an, und sprechen Einwandererfrauen eine weitaus bedeutendere Rolle zu.
Woher kommt die neue Perspektive?
Laut Westphal ist dies einerseits der englischsprachigen feministischen Forschung (beispielsweise Dale Spender, Adrienne Cecile Rich) zu verdanken, die darüber aufklärt, dass Frauen den Verlauf und die Form der Migration wesentlich mitgestalten. Nicht selten ermöglichen eben diese durch ihre Arbeit und sozialen Netzwerke das Überleben der Einwandererfamilie, sowohl im Herkunfts- als auch im Ankunftsland.
Andererseits trägt eine ansteigende Anzahl von Publikationen der Migrantinnenforschung (z.B. des Instituts für Migrationsfoschung und Interkulturelle Studien) dazu bei, dass v.a. in der deutschen „Ausländerpädagogik“ die Belange der Frauen stärker berücksichtigt werden. Hier möchte man einer Dreifachunterdrückung der Einwanderin als Frau, Arbeiterin und Ausländerin unter Berücksichtigung ihrer kulturellen Differenzen entgegenwirken.
ABER: Gerade durch die neue Aufmerksamkeit, die den Bedürfnissen eingewanderter Frauen gewidmet wird, hat sich die Wahrnehmung einer stereotypischen Opferrolle der Migrantin, besonders der Türkin, herausgebildet, die sie von der in Deutschland herkömmlichen weiblichen Identität abgrenzt. Ihre Fähigkeiten zur Weiterentwicklung und autonomen Lebensführung werden dabei im Allgemeinen stark unterschätzt. Dies führt dazu, dass man Einwandererfrauen wenige Möglichkeiten gibt, diese Fähigkeiten zu entfalten.
Die Frage ist also primär, woher die Opferrolle der Einwanderin kommt. Ist sie ein unabwaschbares Element des Herkunftslandes? Oder werden Migrantinnen im Ankunftsland gleich nochmal „abgestempelt“? Oder vielleicht erst hier? Haben etwa Migrantinnen zweiter Generation, die nie oder kaum im Herkunftsland ihrer Eltern gelebt haben, genau dieselben Möglichkeiten wie einheimische junge Frauen?
Die Migrationsforschung versucht nun diese Fragen zu klären, indem sie Aspekte wie die Migrationsbewältigung, Familiendynamik und die Entwicklung von Geschlechter- und Generationsbeziehungen untersucht.
Bisher wurde erkannt, dass für beide Geschlechter ihre familiären und sozialen Kontexte und Netzwerke entscheidend für ihre Migrationserfahrung sind. Gerade für die Frau hängt der Erfolg ihres Integrationsprozesses wesentlich von ihren Ressourcen und Handlungskompetenzen ab. So geht man davon aus, dass mit steigendem Bildungsniveau und eigener Erwerbstätigkeit, längerer Aufenthaltsdauer und besseren Deutschkenntnissen ihr Einfluss, auch innerhalb der Familie, deutlich wächst.
Innerhalb der Arbeitswelt sind viele Migrantinnen in der Unterhaltungs- oder Dienstleistungsbranche, im Reproduktionsbereich oder im Gesundheits- und Betreuungswesen tätig. Dabei fällt besonders die Tatsache auf, dass viele dieser Migrantinnen einen Hochschulabschluss und berufliche Qualifikationen haben, die weit über die Anforderungen ihrer Tätigkeit im Ankunftsland hinaus gehen. Das Phänomen des „brain drain“, also der Abwanderung hochqualifizierter Arbeitskräfte in vorteilhaftere Regionen, wurde im Zusammenhang mit Frauen bisher noch nicht untersucht. Eine solche Studie würde aber möglicherweise erstaunliche Ergebnisse liefern und die Prädestiniertheit der Opferrolle von Migrantinnen relativieren.
Die berufliche Qualifizierung spielt auch für Einwanderinnen zweiter und dritter Generation noch eine Rolle. Während sich enorme Unterschiede in der Bildung und Ausbildung zwischen eingewanderten und einheimischen Jugendlichen abzeichnen, erzielen junge Migrantinnen im Vergleich zu männlichen Einwandererkindern meist bessere und höhere Schulabschlüsse. Dennoch werden Merkmale und Potenziale dieser jungen Migrantinnengeneration, wie Mehrsprachigkeit und interkulturelle Kompetenz, von der Gesellschaft oft ignoriert oder abgewertet.
Generell ist die Migration für Frauen ein zweischneidiges Schwert und führt nach Ley zu einer Art „double-bind“ Situation, da sich aus dem Emanzipationsprozess erhebliche Konflikte ergeben. Außerdem können Faktoren wie das Herkunftsland, ihr Bildungsstand, ihr Alter etc. entweder dazu führen, dass sie an Autonomie und Respekt gewinnen, oder aber dass ihre Diskriminierung und Abhängigkeit zunimmt.
Rechtliche Bestimmungen über Aufenthalts- und Arbeitsmöglichkeiten sind häufig ein Hindernis für bessere Lebensbedingungen von Migrantinnen. Außerdem gelten für einwandernde Frauen zum Teil andere soziale, rechtliche und ökonomische Herkunfts- und Aufnahmebedingungen, die die Erfahrungen und Konsequenzen für beide Geschlechter jeweils unterschiedlich strukturieren. Damit nimmt die Ausländerpolitik, so Westphal, einen ebenso großen Einfluss auf die Konstruktion von Weiblichkeits- und Männlichkeitskonzepten von Einwanderern wie die Geschlechterkultur des Herkunfts- und Ankunftslandes.
Die Autorin kommt zu dem Schluss, dass sich die Erfahrungen von Frauen und Männern während des Migrationsprozesses zwar häufig überschneiden, in vielen Bereichen aber grundlegend voneinander abweichen. Dabei besteht eine starke Wechselwirkung zwischen weiblichen und männlichen Migrationserfahrungen. Die Migrationsforschung muss daher Migrantinnen und Migranten sowohl unabhängig voneinander betrachten, als auch ihren gegenseitigen Einfluss aufeinander untersuchen.
Aus den bisherigen Ergebnissen der Migrationsforschung kann man schließen, dass die Zuschreibung einer Opferrolle von Einwanderinnen keineswegs eine Notwendigkeit ist.
Der nächste Artikel blendet daher die wahrgenommene Opferrolle von Migrantinnen einen Moment lang aus und konzentriert sich stattdessen auf ihre Stärken. Auf welche Ressourcen können Einwanderinnen im Emanzipationsprozess zurückgreifen, die einheimische Frauen nicht haben? Wieso überwinden Frauen im Vergleich oft leichter die Sprachbarriere im Ankunftsland als Männer? Welche Auswirkungen hat dies auf die Familienstruktur?



0 Responses to “Gender und Migration – Teil I: Ist die Frau ein Opfer?”