Soziologie 2050 – Wie sieht die Soziologie der Zukunft aus? Wir haben unsere Leser gefragt und veröffentlichen nun jeden Montag einen Beitrag aus unserem Essay-Wettbewerb. Diese Woche: Sebastian Knecht untersucht neue Interaktionsformen, wie sie unser Leben verändern werden, und wie die Soziologie darauf reagieren wird.
Als Erving Goffman seinen soziologischen Klassiker Wir alle spielen Theater – Die Selbstdarstellung im Alltag schrieb (Originaltitel: The presentation of self in everyday life [Goffman 1959]), war der erste Internetanschluss noch etwa 30 Jahre entfernt. Das Individuum schuf sich der Konzeption Goffmans zufolge in der realen Welt eine eigene, über die Wirklichkeit hinaus facettenreich ausgeschmückte Identität und strebte danach, sie sozialer Bestätigung zuzuführen: Am Strand, im Fahrstuhl, auf dem Abschlussball oder in der Selbsthilfegruppe. Der Mensch war kein bloßer Sklave gesellschaftlicher Werte und Normen, dem es einzig danach verlangte, die Erwartungen seiner Bezugsgruppen zu erfüllen, um Interaktion vorhersehbar und erwartbar zu machen. Das hat sich bis heute nicht geändert. Nie ist er nur bloßer Rollenspieler. Soziale Rollen bieten Platz für Interpretation und Ausgestaltung. Das Individuum ist Schauspieler und das Leben seine Bühne. Sei es die Tränendrüse, auf die man drückt, um in einer wichtigen Situation noch einmal geradeso davon zu kommen oder sei es übertriebenes Gerede vom allzu stressigen Arbeitsleben und im Alltag, um auf der Höhe, beschäftigt und wichtig zu wirken.
Das alles kann echt sein, muss es aber nicht: „Auf der Bühne stellt sich ein Schauspieler in der Verkleidung eines Charakters vor anderen Charakteren dar, die wiederum von Schauspielern gespielt werden“. [Goffman 2000: 3] Es geht darum, wie viel davon tatsächlich dem Empfinden des Akteurs entstammt und wie viel darüber hinaus in die Handlung hineinimprovisiert wird, um eine bestimmte Wirkung bei sozialen Interaktionspartnern zu erreichen. Jene Mechanismen dienen dazu, die eigene Identität zu behaupten genauso wie dazu, Reaktionen auf das eigene Handeln und die Selbstdarstellung zu beeinflussen. Es handelt sich um ein eigens gewähltes, konstruiertes Selbstbild, das seine Schatten auf das Handeln des Akteurs vorauswirft. Selbstbehauptung wird in diesem Moment zum Selbstzweck – trotz und oftmals auch gegen jedes rationale Kosten-Nutzen-Kalkül und gegen jede gängige Norm. Wichtiger ist es, sein Gesicht nicht zu verlieren.
Die Welt 100 Jahre nach Goffman lässt sich aber nicht mehr auf die eine eingleisige Bühne des realen Lebens reduzieren. Zwei neue Bühnen werden das Individuum und sein Handeln im Jahr 2050 zusätzlich prägen, ihn vor neue Herausforderungen stellen, ihn aber auch mit anderen Voraussetzungen konfrontieren.
Ihr Bühnenbild befindet sich bereits in unseren Tagen im Aufbau. Die eine Bühne, das Internet, ermöglicht dem Individuum schon heute, eine zweite neu geschaffene Identität vergleichsweise schnell und ohne großen Aufwand sozialer Bestätigung zuzuführen. Diese Identität wird sich in Zukunft manifestieren; ihre Selbstverständlichkeit beruht derweil auf brüchigen Grundlagen. Auf der zweiten Bühne, auf der Individuen mit unter dem Begriff Sozionik subsummierter lernfähiger künstlicher Intelligenz interagieren werden, wird gegenwärtig noch Zukunftsmusik gespielt. Die Noten sind derweil schon geschrieben. Das Ergebnis dieser Entwicklung wird ein Identitätsdreieck aus realer, virtueller und sozionischer Selbstdarstellung sein, in welchem die leibliche Persönlichkeit sogar zurückstehen könnte. Ist Erving Goffman deshalb plötzlich obsolet geworden? Ganz im Gegenteil. Er trägt einen wichtigen Teil dazu bei, um zu erklären, was den Reiz der Selbstdarstellung in einer technologisierten Welt ausmacht. Sein Modell kann und muss um diese Aspekte modifiziert werden.
1989, als der erste Internetanschluss gelegt wurde, begann eine Revolution. Bekanntschaften ließen sich plötzlich bequem aus dem Wohnzimmer heraus pflegen. Vielmehr noch: Chatrooms, Foren und wenig später soziale Onlinenetzwerke ermöglichten es, völlig fremde Menschen in völlig entlegenen Gegenden der Erde kennenzulernen und zu Freunden zu machen. Was das Freundsein an diesen Freundschaften ausmachte, ist bis heute unklar. Klar ist nur, dass der Reiz des Neuen stark war. Im realen Leben kann sich ein Rentner schwerlich als pubertierender Jüngling verkaufen. Auch reichen manche Verkleidungskünste nicht aus, um aus einer Frau einen Mann zu machen. Das Internet aber hat nicht weniger als das Offensichtliche aufgehoben und gewisse Gesetzmäßigkeiten zwischenmenschlicher Beziehungen außer Kraft gesetzt. Im Internet heißt man plötzlich surferboy1987, obwohl man Bierbauch und Glatze trägt, gibt gerne vor, abends die große Weltliteratur bei einem Glas Chatêau Montrose zu lesen und in SecondLife transvestieren sich täglich, wie bezeichnend, ganze Massen. In virtuellen Netzwerken wie Facebook und StudiVZ ist die Selbstbestätigung über die Zahl der Bekanntschaften wichtiger als die Anerkennung der eigenen Persönlichkeit geworden. Und ohnehin viel einfacher zu erhaschen. Nur Weniges davon ist echt. Vor allem aber ist vieles in dem Augenblick, in dem Wahrheit und Illusion verschmelzen, sogar höchst gefährlich. Sein wollen, was man nie war, nicht ist und wohl auch nie sein wird. Die Fantasie siegt über den Verstand und Träume müssen nicht mehr nur Träume sein.
Der Kampf um einen möglichst großen virtuellen Bekanntenkreis ist eine Sucht geworden. Bescheiden könnte man das als Netzwerken bezeichnen, tatsächlich jedoch ist es eine Krankheit. Sie hat sich verselbstständigt und macht für das leibliche Individuum durchaus Sinn. Denn die Präsenz im World Wide Web sorgt an und für sich für soziale Bestätigung der realen Person. Man ergibt sich seiner Angst, etwas zu verpassen, der Zeit und der Entwicklung hinterher zu hängen, und legt sich deshalb auch noch auf dem x-ten neuen Onlinenetzwerk ein Profil an, um ja nicht die nächste Partyankündigung zu versäumen. Es gilt, dabei und auf dem neuesten Stand zu sein. Das ist ein gesellschaftlicher Wert an sich geworden. Egal, welchen realen Wert die Information hat. Mit Fortschritt hat das wenig zu tun. Vielmehr ist es eine Entwicklung weg vom menschlichen Grundbedürfnis nach Sozialität (und muss genau deshalb unweigerlich wieder dorthin zurückführen), welches die oberflächlichen Kommunikationsstrukturen der virtuellen Welt nicht wettmachen können. Vom Goffmenschen [Hitzler 1992] lässt sich lernen: Das Individuum will seine Identität bewahren. Damit ist aber definitiv das reale Ich gemeint. Die soziale Bestätigung dessen, was man nicht ist, wird auf Dauer unbefriedigend sein.
Globale virtuelle Communities sind in 40 Jahren in allen Zeit- und Raumdimensionen allgegenwärtig. Die moderne Technik wird es uns erlauben, 24 Stunden am Tag mit dem Internet verbunden zu sein – möglicherweise ist als einziges dann der Off-Knopf passé. Wir sind dann rund um die Uhr anrufbar, aufrufbar, abrufbar und stehen damit potenziell immer und überall im Blickfeld weltweiter sozialer Bezugsgruppen. Was bedeutet das für ein Individuum, dass sich präsentieren möchte und um soziale Anerkennung kämpft? Es bedeutet Mehrarbeit. Doppelte Arbeit. Denn das Individuum stellt sich außer in den Rollen seines normalen Lebens auch noch in seinen virtuellen Rollen dar. Und beide Ebenen sind keineswegs deckungsgleich. Das verlangt Koordination, Ausdauer und Erinnerungsvermögen. Die besten Lügner sind jene Menschen mit einem guten Gedächtnis: Sie vergessen nicht, wem sie was vorspielen. Das Individuum kann sich dem nicht entziehen. Auch und gerade weil 2050 Facebook und StudiVZ der Vergangenheit angehören werden und stattdessen alle Menschen einer einzigen virtuellen Global Community angehören. Der Mensch wird aufgehen in der Masse und spät merken, dass er eigentlich untergegangen ist.
Es ist an der Soziologie, die Gefahren und Nachteile virtueller sozialer Netzwerke in nachhaltiger Perspektive zu analysieren und den Menschen anschließend in Fragen der Alltagsgestaltung, Lebensführung sowie des Zeit- und Kommunikationsmanagements in einer von Arbeitswut, Überbeanspruchung und ewigem Fortschrittsglauben gezeichneten Welt ein Stück weit an die Hand zu nehmen. Eine wichtige Frage spielt dabei angesichts der Allgegenwart virtueller Beobachter das Potenzial privater Rückzugsräume. Soziale Bestätigung wird das Individuum darüber hinaus wieder in engen persönlichen Netzwerken, unter Freunden und in der Familie, in Vereinen, Lesekreisen oder dem politischen Kreisverband suchen müssen, wenn die fiktive virtuelle Identität nicht lebensbestimmend sein soll. Die Freisetzung und damit Auflösung alles Privaten, die Durchdringung selbst intimster Sphären durch Staat, Politik, Wirtschaft, Medien und Internet wird auch durch das ewige Zurschaustellen des Individuums im virtuellen Raum vorangetrieben. Infolge totaler Entäußerung ist der gläserne Mensch Wirklichkeit geworden. Das Individuum ist stets und überall Betrachtungsobjekt wider Willen und infolgedessen gezwungen, stets und überall schauspielerische Qualitäten an den Tag zu legen.
Es ist wiederum dieser technologische Fortschritt, der über Goffman hinaus langsam, aber fortschreitend eine dritte Bühne für Individuen errichtet. Die Sozionik ist eine Wissenschaft, die versucht, Maschinen zur Sozialität zu befähigen. Sie werden lernfähig sein und situationsbestimmt reagieren, möglicherweise sogar agieren, statt rein nach standardisierten Anweisungen zu verfahren. Praxis ohne Theorie ist blind, Theorie ohne Praxis wirkungslos. Und mit der Praxis wächst die Bedeutung und Notwendigkeit theoretischer Betrachtung. Obwohl es entsprechende Arbeiten über künstliche Intelligenz, ferner über deren Sozialität, bereits seit gut zwei Jahrzehnten gibt [Vgl. Woolgar 1985, Brent 1988, Carley 1996], wird doch erst die praktische massenhafte Konfrontation des Menschen mit künstlichen Interaktionspartnern die Soziologie auf den Plan rufen. Im Grunde sollte sie es schon viel früher tun. Dabei wird es weniger darum gehen, die potentiellen Formen menschlich-maschineller Interaktionsformen zu organisieren, sondern die Konsequenzen dessen zu untersuchen und entsprechend zu kontrollieren.
Was ist die Folge, wenn dauerhafte Interaktionspartner gekaufte, austauschbare und zu keinen Emotionen oder Gefühlsausdrücken fähige Computer sind? Mehr eine Mikrowelle, die ankündigt, dass das Essen in 2:30 Minuten auf dem Tisch stehen wird als ein guter Freund, mit dem man Gedanken und Gefühle austauschen möchte. Wie viel Wert werden wir ihnen beimessen? Wenn soziale Interaktion durch künstliche Kommunikationspartner erweitert wird, und infolge der doch immer noch beschränkten Fähigkeiten eines Menschen im Vergleich zu einem menschlichen Widersacher abflacht, steht in der soziologischen Grundlagenforschung nicht weniger als erneut die soziale Interaktion auf dem Prüfstand. Man denke nur einmal, rein hypothetisch, an die Zunahme von Fällen der Objektophilie, der Liebe zu Gegenständen. Max Webers Definition einer sozialen Beziehung, wonach jenes „ein seinem Sinngehalt nach aufeinander gegenseitig eingestelltes und dadurch orientiertes Sichverhalten mehrerer“ sei [Weber 1980: 35], wird ins Wanken geraten und so nicht mehr aufrecht erhalten werden können. Ist maschinelles Sichverhalten wirklich dem eines Menschen vergleichbar?
Was aber bedeutet das für die Sozialität und seine teilnehmenden Akteure? Und was für den Goffmenschen, einem talentierten Schauspieler? Die relative Wertlosigkeit eines maschinellen Interaktionspartners infolge seiner Austauschbarkeit wird das Individuum dazu veranlassen, ihm nicht mehr Wert beizumessen als notwendig. Der Mensch ist Herr über die Lage, kann der sozialen Intelligenz seinen Willen diktieren sowie Willkür und Doppel-Standards walten lassen, selbst wenn die Maschine lernfähig und rational argumentierend überlegen sein sollte. Denn sowohl der Handlungsrahmen als auch die Möglichkeiten der Sanktionierung durch eine Maschine sind stark eingeschränkt, sofern überhaupt vorhanden. Das Individuum wird in dieser Form von Sozialität die Chance ergreifen, seine im Gespräch mit menschlichen Interaktionspartnern aufrechterhaltene Maskerade fallen zu lassen und mit künstlicher Intelligenz nach Belieben zu interagieren. Das eigene Handeln auf die Erwartbarkeit des Handelns Anderer und ihre soziale Bestätigung hin auszulegen und hierfür schauspielernd tätig zu werden, wird nicht mehr nötig sein.
Es besteht die Gefahr, dass Individuen die saloppe Interaktion mit maschinellen Handlungspartnern auch auf den Umgang zwischen realen Individuen übertragen. Sie vergegenständlichen möglicherweise die Interaktion und sind unfähig, Handlungsspielräume und -wirkungen sowie die Bedeutung zwischenmenschlicher Beziehungen richtig einzuschätzen. Sie befinden sich in einem Wiedererkennungs- und Kommunikationschaos zwischen allen drei Identitäten, die der Koordination bedürfen. Im Gegensatz zu Maschinen sind Familie, Freunde und Bekannte nicht einfach austauschbar. Jeder Verlust bringt emotionale Wunden und tiefe Einschnitte mit sich. Der Mensch muss sich stets darüber im Klaren sein, dass soziale Interaktion auf bestimmten, beiderseitig gültigen Regeln beruht und nicht mit Willkür bestimmt werden kann. Das Menschsein genauso wie das Zwischenmenschliche darf nicht entwertet werden, indem wir die Einfachheit menschlich-maschineller Kommunikation als das neue Dogma von Sozialität annehmen. Die Soziologie 2050: Eine Theaterwissenschaft im Kampf um gesellschaftliche Werte, Individualität, Identität und Sozialität.
Literaturverzeichnis
Brent, Edward (1988): Is There a Role for Articficial Intelligence in
Sociological Theorizing?, in: The American Sociologist, Summer, S. 158-166
Carley, Kathleen (1996): Artificial Intelligence within Sociology, in: Sociological Methods Research, Vol. 25, No. 1, August, S. 3-30
Goffman, Erving (2000): Wir alle spielen Theater – Die Selbstdarstellung im Alltag, 8. Auflage, Februar, München: Piper
Hitzler, Ronald (1992): Der Goffmensch, in: Soziale Welt 43, 449-461
Weber, Max (1980): Wirtschaft und Gesellschaft. Grundriß der Verstehenden Soziologie. 5. Auflage (Studienausgabe), hrsg. von Johannes Winckelmann, J.C. Mohr: Tübingen
Woolgar, Steve (1985): Why not a Sociology of Machines? The Case of Sociology and Artificial Intelligence, in: Sociology, Vol. 19, No. 4, in: Sociology, Vol. 19, No. 4, S. 557-572
Sebastian Knecht | Student der Politikwissenschaften an der Freien Universität Berlin sowie der Soziologie an der FernUniversität Hagen | 09/2008 – 05/2009 im Auslandsstudium am Institut d´Études Politiques de Lyon, Frankreich



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