Der homo sociologicus (griechisch/lateinisch „der soziologische Mensch“) ist ein für die Soziologie geprägter Begriff, der den Menschen in seinem Dasein als gesellschaftliches Wesen analysieren soll. Der homo sociologicus stellt einen Ausschnitt des gesamten Menschen dar, der gleichzeitig etwa auch ein psychologischer, ein biologischer und bisweilen auch ein homo oeconomicus ist.
Diese Unterscheidungen bestimmen nach der Idee Ralph Dahrendorfs auch das jeweilige Forschungsgebiet von Psychologie, Biologie, Ökonomie und Soziologie. Keineswegs soll behauptet werden, dass der Mensch nur ein homo sociologicus sei oder sein sollte – dies wurde und wird von manchen Kritikern leider völlig falsch aufgefasst. Der homo sociologicus ist zunächst nicht mehr und nicht weniger als eine analytische Kategorie, mit der ein bestimmter Ausschnitt des Menschen erfasst werden soll.
Der Begriff geht auf Ralf Dahrendorf zurück, der ihn 1958 mit der Untersuchung Homo Sociologicus als „Versuch zur Geschichte, Bedeutung und Kritik der Kategorie der sozialen Rolle“ vorlegte und erfolgreich in der deutschen Soziologie etablierte. Der homo sociologicus ist nach ihm die Gesamtheit der sozialen Rollen eines Menschen. Diese wiederum sind verbunden mit den Erwartungen der jeweiligen Bezugsgruppen, in denen sich der homo sociologicus bewegt.
Nehmen wir das Beispiel eines Bäckers, der gleichzeitig Vater, Ehemann und Fußballspieler im Dorfverein ist. Dies sind nur vier von wahrscheinlich Dutzenden von Rollen, die diese Person tagtäglich einnimmt – einnehmen muss! – und die sein Dasein als homo sociologicus bestimmen. Jede dieser Rollen ist mit bestimmten Erwartungen verbunden, die von den jeweiligen Bezugsgruppen an ihn gestellt werden. Die Bezugsgruppe Familie erwartet etwa, dass er ein guter Vater ist (und bestimmt, was unter “gut” verstanden wird), die Bezugsgruppe Fußballmannschaft, dass er immer pünktlich ins Training kommt und jeden Sonntag seine berüchtigte Blutgrätsche ausfährt. Von dem Bäcker erwarten die Kunden, dass sie jeden morgen frisches Brot bekommen, er muss daher jeden Werktag um vier Uhr aufstehen.
Verweigert er sich, so bekommt er entsprechende Sanktionen zu spüren. Die Familie wird mißmutig, die Kinder jammern ständig, die Mitspieler betrachten ihn als “Weichei”, der Trainer setzt ihn schließlich auf die Bank, die Kunden tuscheln über ihn oder kommen nicht zu einer Bäckerei, die nur nachmittags geöffnet hat. Es gibt dabei verschiedene Intensitäten der Erwartungen (Muß-, Kann-, Soll-) und entsprechend verschiedene Intensitäten der Sanktionen, die bishin zu Gefängnisstrafen gehen können.
Dahrendorf nennt dies die “ärgerliche Tatsache der Gesellschaft” – sie übt Zwang aus, man kann ihr, ihren Erwartungen und Sanktionen nicht entfliehen.
(Diese Erläuterung nimmt Anleihen von dem entsprechenden Wikipedia-Artikel, macht das Konzept aber anschaulicher und betont andere Aspekte)
Literatur: Dahrendorf, Ralf (2006, zun. 1959): Homo Sociologicus. Ein versuch zur Geschichte, Bedeutung und Kritik der Kategorie der sozialen Rolle; 16. Auflage; Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden


Es gefällt mir sehr viel.
Wie stehen die Begriffe ‘Selbstbestimmung’, ‘Emanzipation’ und ‘Freiheit’ im Kontext des ‘Homo Sociologicus’? Welche Konflikte werden denkbar?