Das Weblog homo sociologicus dient der Verbreitung und Vernetzung soziologischen Gedankengutes in der Öffentlichkeit. Es versteht sich als Marktplatz sozialwissenschaftlicher Ideen und Anregungen und will Treffpunkt sein für soziologisch Interessierte und solche, die es werden wollen.
Leider wird die Soziologie in Deutschland – im Gegensatz zu anderen entwickelten Industrienationen – gerne ignoriert oder in den Medien unter dem Deckmantel der “Kulturwissenschaft” o.ä. verborgen. Offenbar ist sie eine Marke, die sich nicht gut verkauft. Ausserhalb der Universitäten weiss fast niemand etwas mit dem Begriff “Soziologie” anzufangen. Warum es ausgerechnet in einem Land soweit gekommen ist, das Max Weber, Georg Simmel, Jürgen Habermas und Niklas Luhmann hervorgebracht hat, darüber kann man nur spekulieren.
Ohne Zweifel aber tragen viele Soziologen eine Mitschuld an diesem Phänomen. So mancher, scheint es, will gar nicht gehört oder gelesen werden und versteckt sich hinter seinen verschachtelten Sätzen und verdrehten Fremdwörtern.
Dieses Blog ist ein kleiner Gegenentwurf zu dieser Elfenbeinturm-Soziologie. Hier soll anhand von unterschiedlichsten Beiträgen deutlich gemacht werden, dass die Soziologie keineswegs verstaubt ist, sondern neue Blickwinkel eröffnet, frischen Wind in festgefahrene Debatten bringt, originell, frech und auch mal heiter sein kann. Im Mittelpunkt steht dabei vor allem der “soziologische Blick“, mit dem man, so meinen wir, vieles schärfer sehen und die hintergründigen Zusammenhänge besser erkennen kann.
Ein Blog eignet sich nun weniger, um tiefergehende wissenschaftliche Forschung zu betreiben oder Forschungsergebnisse zu veröffentlichen. Vielmehr werden hier zum Beispiel aktuelle oder alltägliche Ereignisse kommentiert, oder wir verweisen auf sozialwissenschaftlich interessante Zeitungsartikel, Fernsehsendungen und Dokumentationen. Belohnt werden sollen in diesem Format vor allem Kreativität, Originalität und offene Diskussion. Zu diesem Zweck veranstalten wir seit Mai 2009 auch Aufsatzwettbewerbe, in denen wir unsere Leser zum Mitreden bzw -schreiben auffordern.
Mehr über uns:
Autoren
Der soziologische Blick
Was ist ein homo sociologicus?
café sociologicus


Ich glaub, daß der Mangel diesbezüglich in Deutschland viel mit der Eigenschaft der Soziologie zu tun hat, in den Sechzigern, zur Zeit von Dutschke,besonders von diesem sich anhängig fühlenden Studi-Kreisen belegt worden zu sein. “Schwer bürgerliche”, also konservative Kreise, die man in England als Establishment oder “system” bezeichnet hat, belächelten ja solche linke Studenten- und alternativen Kreise immer sehr, schon um ihre Souveränität diesen gegenüber augenfällig deutlich zu machen. Nachdem die APO in die RAF übergegangen war und sich der liebe Staat letzten Endes als stärker erwiesen hat, wußte man sich wohl – vielleicht unterschwellig, jedenfalls dann vollends “souverän” aufatmend – der Gefahr gebannt, und sah fortan n bißchen mitleidig und gönnerisch-”benevolent” altväterlich auf die Soziologie als “Kuschelpädagogik”-Fach (“Duuu, is das okay für dich, duuu?, …ey?!!”) herab, und nahm das Fach spätestens – würd ich vermuten – ab 1989 nich mehr richtig ernst, weil man dieses mit dem Bankrott der kommunistischen Systeme als Steigbügelhalter marxistischen Gedankengutes, als überlebt ansah.
In unserer heutigen “knallharten” globalisierten Zeit, scheint des vielen einfach nich mehr “cool” oder so was zu sein. Vielen, die heut so den Ton angeben, is die Soziologie wohl schon total in Vergessenheit geraten, weil sie wohl dieses Fach irgendwie als altmodisch-verstaubt und heutigen Fragestellungen nich mehr zeitgemäß empfinden.
Ja, Arnim, damit hast Du sicherlich recht. Die 68er haben die Soziologie für sich verwendet – manchmal in sehr reifer und aufgeklärter Weise, manchmal aber auch nicht. Sie haben damit das konservative Bürgertum sicherlich herausgefordert.
Dennoch muss man hier berücksichtigen, dass dies auch in anderen Ländern genauso passiert ist. In Frankreich, UK oder den USA hat dieser Umstand aber nicht zu einer Diskreditierung des Faches geführt. Die Ursachen liegen daher, wie ich denke, vor allem in der Beschaffenheit der deutschen Bürgerschichten.
Hier hilft, glaube ich, die gerne gemachte, wenn auch etwas allgemeine und grobe, Unterscheidung von Bourgeois und Citoyen. Ein Bourgeois braucht die Soziologie nicht. Im Gegenteil, sie verwirrt sein starres Weltbild und seine konservativen Ansichten, stellt seinen Materialismus in Frage. Ein Citoyen hingegen ist an der Gesellschaft interessiert. Er sieht sich dem Geist der Aufklärung verpflichtet und unterstützt daher auch eine Wissenschaft, die diese Werte symbolisiert. Nicht umsonst ist die Soziologie selbst eine höchst bürgerliche Veranstaltung!
Diesem groben Bild folgend denke ich, dass es in Deutschland ganz einfach zuviel Bourgeoisie gibt und zu wenige Citoyens. Schon Almond und Verba haben einst in ihrer berühmten Studie über die Civic Culture die hohe Output-Orientierung der Deutschen im Gegensatz zu einer stärkeren Prozessorientierung v.a. in den angelsächsischen Demokratien kritisiert. D.h., dass die Menschen hierzulande sich v.a. fragten, was bei Politik für sie selbst rausspringt, und weniger Interesse daran zeigten, wie eigentlich politische (und ich bin so frei hinzuzufügen: auch gesellschaftliche) Prozesse verlaufen, ob diese gewissen moralisch-ethischen Anforderungen genügen.
Die Soziologie als Steigbügelhalter marxistischen Gedankenguts, wie Du schreibst, trifft zumindest auf die deutsche Soziologie nicht unbedingt zu. Hier spielt diese Theorie-Richtung – ganz anders als in den meisten anderen Ländern – keine bedeutende Rolle mehr. Eine andere Sache ist natürlich die Wahrnehmung des Faches von außen, die dies mit Sicherheit oft unterstellt.
Da ich alle “Gegenentwürfe” zur Elfenbeinturmsoziologie begrüße, wünsche ich Dir zum Blogstart jede Menge guter Themen und viel Spaß beim soziolgisch-inspirierten Bloggen.
Und – um deinen obigen Gedanken fortzuführen – Deutschland ist ja nicht nur das Land Webers und Simmels; Herrschaften wie Habermas (gut, der hört es nicht so gerne, wenn man ihn zu den Soziologen steckt, aber egal), Luhmann oder Ulrich Beck sind ja auch zu nennen.
Wollte nur mal schreiben, dass ich die Informationen von hier gut in der gymnasialen Oberstufe in Sowi in die Praxis umsetzen kann.
Marc, da hast Du natürlich recht. Habermas und Luhmann habe ich jetzt auch in obigen Text aufgenommen. Über Ulrich Beck soll aber erst mal die Geschichte entscheiden…
Karl-Heinz, das freut mich natürlich. Da werde ich wohl besser aufpassen müssen, dass ich keine Falschinformationen in die Welt setze
Aber im Ernst: Für demnächst habe ich auch eine FAQ Sparte geplant mit verständlich gechriebenen Informationen zu den wichtigen Konzepten der Soziologie. Mal sehen, wann ich mal die Zeit finde…
Wieder ein soziologisches Blog – die Sozioblogosphäre wächst und wird auch internationaler! Klasse! Du findest einige Links zu anderen bloggenden Soziologen auf Sozlog und auf Sozwiki. Weiterhin viel Freude und Erfolg mit dem homo sociologicus!!
Besser leben mit Soziologie ist Klasse. Viel Erfolg.
Jana
Hallo,
ich muss zu meiner Schande gestehen, diesen Blog erst heute entdeckt zu haben!
Freut mich, einen weiteren Soziologie-Blog zu kennen.
Willkommen im Club!
Ragnar
Auch von mir alles gute zum Blogstart.
Mögest du dem Homo Sociologicus alle Ehre machen.
@ Hadda: Vielen Dank. Auch nach bald zwei Jahren sind wir weiterhin “am Start”
Zunächst mal Glückwunsch zu deinem Blog und der Idee. Ich hoffe, dass das auch soziologische “Laien” anspricht und sich der Eine oder Andere hierher “verirrt”.
Zur Rolle der Soziologie in Deutschland möchte ich hinzufügen, dass die Soziologie sich zum Teil als Steigbügelhalter der Politik auch selbst diskreditiert hat. Das betrifft nicht nur das Fach in Deutschland, sondern geht m.E. Hand in Hand mit der vielbeschworenen Politikverdrossenheit in vielen heutigen Industrienationen. Ich denke hier bspw. an den Dritten Weg Toni Blairs in UK, der zu einem guten Teil von Soziologen wie Anthony Giddens beeinflusst war, aber auch an eine Entwicklung die Jürgen Habermas bereits in den 70ern mit dem Schlagwort “Kolonialiserung der Lebenswelt” beschrieben hat. Insbesondere der stark quantitativ ausgerichtete Forschungszweig der Soziologie und die von ihm beeinflusste Sozial- und Gesundheitsberichterstattung – um nur einige Beispiele zu nennen, suggerieren, dass politische Entscheidungen auf der Basis wissenschaftlicher Rationalität getroffen werden sollten. Man muss dann nur noch die entsprechenden Daten sammeln und interpretieren, um die “richtigen” Entscheidungen zu treffen. Mal abgesehen von der fragwürdigen und oft theoriefernen methodischen Qualität solcher Untersuchungen, ändern diese meist nichts an den Strukturen, die für soziale Ungleichheit in vielen gesellschaftlichen Bereichen verantwortlich sind, sondern tragen eher zu ihrer Perpetuierung bei. Zusätzlich wird den “normalen” Menschen von selbsternannten Experten oft das Gefühl vermittelt, zu uninformiert oder schlicht zu dumm zu sein, um sich am politischen Leben zu beteiligen. Kein Wunder, wenn diese ihrerseits mit Ignoranz reagieren. Ich möchte soziologische Studien und Forschungsansätze nicht in Bausch und Bogen verdammen, sondern in diesem Zusammenhang nur an Max Webers Wertneutralitätspostulat erinnern.
Meiner Meinung nach, sollten politische Entscheidungen auf der Basis moralischer Überlegung und Intuition getroffen werden, also Eigenschaften, über die jeder verfügt und für die man kein Experte sein muss. Andernfalls können wir die Demokratie auch gegen eine Expertokratie eintauschen, so wie das tendenziell auf europäischer Ebene ja bereits der Fall ist. Bourgois, Citoyen hin oder her: Wir brauchen keine neuen oder besseren Menschen, sondern eine Soziologie, die ihre Stärken in der Analyse von sozialer Ungleichheit und Macht- und Herrschaftsverhältnissen wieder in den Fokus rückt und die Menschen in Wort und Tat dort erreicht, wo sie sich befinden, sonst ist es um die Soziologie nicht schade.
Ich hoffe, dass dein Blog dazu einen kleinen Beitrag leisten kann.