Flashmobs – die Krisenexperimente des Web 2.0

Society is an insane asylum run by the inmates.

Erving Goffman

Schade, dass Erving Goffman das Zeitalter der Flashmobs nicht mehr miterleben durfte, er hätte wohl seine wahre Freude daran gehabt! Ein Flashmob bezeichnet einen scheinbar spontanen, meist über Internet und/oder per SMS organisierten Menschenauflauf, der auf ein Signal hin eine nach geltenden Normen ungewöhnliche Aktion durchführt. So fangen die Teilnehmer etwa plötzlich an zu tanzen (mit oder ohne Musik), erstarren für mehrere Minuten in ihren Bewegungen oder kaufen zum selben Zeitpunkt im selben Geschäft dasselbe Produkt (so etwa die berühmt gewordenen 10.355 Hamburger in einem Berliner Schnellrastaurant).

Sinn dieser Aktionen? Meistens keiner. Als Erfinder der Flashmobs gilt der New Yorker Journalist Bill Wasik. Am 3. Juni 2003 versammelten sich “mehr als Hundert Teilnehmer in einem Kaufhaus um einen Teppich. Den Kaufhaus-Mitarbeitern teilten sie mit, dass sie einen „Liebes-Teppich“ suchten und Kaufentscheidungen grundsätzlich gemeinsam träfen. Danach versammelte sich eine noch größere Gruppe in einer Hotel-Lobby und applaudierte exakt 15 Sekunden, schließlich strömten die Teilnehmer in ein Schuhgeschäft und gaben sich dort als Touristen aus.Bill Wasik hat in einem Artikel im März 2006 bekundet, seine Absicht sei gewesen, hippe Leute vorzuführen, die in einer Atmosphäre der Konformität nur danach strebten, Teil der „nächsten großen Sache“ zu werden, egal, wie sinnfrei diese sei.” (Zitat aus dem Wikipedia Artikel “Flashmob”.)

Goffman hätte wohl besonders die Verletzung der Interaktionsordnung interessiert. Die geltenden Normen werden für kurze Zeit ausser Kraft gesetzt und unbeteiligte Passanten wissen nicht, wie sie darauf reagieren sollen. In diesem Video etwa treffen sich die Teilnehmer des Flashmob in einem Supermarkt in Manchester und, auf ein Geräuschsignal hin, erstarren in ihren Bewegungen, wie sie gerade stehen. Wenig bedrohlich – die meisten unbeteiligten Passanten tun so, als wäre nichts besonderes (sehr britisch, nehme ich an). In jedem Fall eine skurrille Szene: Ist die Zeit stehengeblieben?

Heute lief die Meldung von einer ersten Verhaftung über die Newsticker. Ein Flashmob hatte sich am Thomas Jefferson Memorial in Washington versammelt und wollte den Geburtstag des Verfassungsvaters feiern. Die Beteiligten – mit IPod am Ohr und jeweils eigenem Soundtrack – tanzten in aller Stille in den feierlichen Hallen des Memorials. Wie reagiert man auf diesen unerwarteten Bruch der geltenden Interaktionsordnung? Die Sicherheitsbeamten sind mit der Situation offensichtlich überfordert und reagieren mit der Verhaftung einer der friedlichen Flashmobberinnen. Sehr zum Unmut der Beteiligten natürlich (Warning: strong language):

Das Ganze erinnert stark an die sog. Krisenexperimente von Garfinkel, Goffman & Co. Durch ein übertriebenes Einhalten oder eine offensichtliche Verletzung von geltenden Normen woll(t)en v.a. Enthnomethodologen und Symbolische Interaktionisten die Handlungsnormen zum Vorschein bringen, denen wir im Alltag routinemäßig folgen ohne darüber nachzudenken.

Die Organisatoren von Flashmobs haben zwar wohl nur selten diese sozialwissenschaftliche Motivation, dennoch zeigen die Aktionen – manche mehr, manche weniger – genau diese Normenordnungen auf und halten ihr den Spiegel vor. Und weil das Web 2.0 alles so leicht macht und neue Medien so billig sind, können die Ergebnisse in kürzester Zeit für alle zugänglich auf YouTube veröffentlicht werden. Würde Goffman noch unter uns weilen, er würde höchstwahrscheinlich viel Zeit im Internet verbringen!

Martin Booker © 2008

2 Responses to “Flashmobs – die Krisenexperimente des Web 2.0”


  1. 1 arschtrompete 27. April 2008 at 23:40

    habe auch mal ein paar coole flashmobs zusammengestellt – alle interessierten finden hier http://www.arschtrompete.de/dies-das/die-6-besten-flashmobs/ ein paar anregungen für den eigenen (ersten) flashmob. viel spaß und erfolg dabei…


  1. 1 The Germans Love Oberwetter « Free the Jefferson 1! Trackback on 17. April 2008 at 06:22

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s




Willkommen! Auf dieser Seite verlassen Soziolog/inn/en den Elfenbeinturm und führen öffentliche Experimente mit soziologischen Gedanken, Konzepten und Sichtweisen durch.

I am a hard bloggin' scientist. Read the Manifesto.

Kategorien

Soziologie Fan-Shop

web site analytic

Follow

Get every new post delivered to your Inbox.

%d bloggers like this: